So viel Abgase produziert das neue Gaskraftwerk in Mainz und Wiesbaden

Das geplante Gaskraftwerk zwischen Mainz und Wiesbaden sorgt für Kritik. Nun legt der Betreiber Zahlen vor und erklärt, warum stattdessen kein riesiger Batteriespeicher in Frage kommt.

So viel Abgase produziert das neue Gaskraftwerk in Mainz und Wiesbaden

Der geplante Bau eines neuen Gaskraftwerks auf der Ingelheimer Aue zwischen Mainz und Wiesbaden hat zuletzt für Kritik von Wissenschaftlern und Umweltverbänden gesorgt. Nun hat sich der Betreiber, die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW), auf Anfrage von Merkurist zu den Vorwürfen geäußert und die Notwendigkeit des Projekts verteidigt.

Hauptgrund für die neue Anlage sei die Notstromversorgung für das benachbarte Rechenzentrum „Green Rocks“, teilt die KMW mit. Die bestehenden Kraftwerke könnten rund 40 Megawatt bereitstellen, die restliche Leistung müsse durch das neue (Gas-)Motorenkraftwerk abgesichert werden. Die Anforderung, das Rechenzentrum für 48 Stunden autark versorgen zu können, basiere auf Empfehlungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) für Rechenzentren mit hoher Zuverlässigkeit.

„Außerhalb eines Notstromfalls kann die Anlage flexibel am Strommarkt eingesetzt werden“, so die Sprecherin der KMW – um die Wirtschaftlichkeit zu sichern. Zudem könne sie bei Bedarf zur Stabilisierung des öffentlichen Stromnetzes beitragen. „Damit erfüllt eine Anlage zwei Funktionen: Sie sichert die Notstromversorgung des Rechenzentrums und speist zugleich flexibel Strom in das öffentliche Netz ein“, erklärt die KMW. Für die „marktorientierte“ Einspeisung von Strom würden ebenfalls alle Gesetze und Richtlinien eingehalten.

Darum setzt die KMW nicht auf einen Batteriespeicher

Kritiker hatten gefordert, statt des Gaskraftwerks auf große Batteriespeicher zu setzen. Laut KMW sei dies für die spezifische Aufgabe jedoch keine passende Lösung. Eine Batterie, die das Rechenzentrum über den geforderten Zeitraum versorgen könnte, wäre demnach zu groß für die verfügbare Fläche auf dem Gelände.

Zudem wäre ein solcher Speicher eine reine Notstromreserve, die nur bei einem Netzausfall zum Einsatz käme. Das Motorenkraftwerk könne hingegen durch die Einspeisung ins Netz auch im Normalbetrieb wirtschaftlich arbeiten. Unabhängig davon baut die KMW auf der Ingelheimer Aue einen eigenen Batteriespeicher mit 22 Megawatt Leistung, der 2027 in Betrieb gehen soll.

Der CO₂-Ausstoß

Zu den erwarteten CO₂-Emissionen, einem zentralen Kritikpunkt, legt die KMW auf Merkurist-Anfrage konkrete Zahlen vor. Für die ersten Betriebsjahre sei ein Szenario mit maximal 2000 Betriebsstunden pro Jahr (im Schnitt knapp 5,5 Stunden täglich) und einem CO₂-Ausstoß von rund 45.000 Tonnen plausibel. Laut Berechnungen der Scientists for Future (S4F) entspricht dies rund einem Viertel des CO₂-Ausstoßes aller in Mainz zugelassenen Autos (175.000 Tonnen) oder rund 34.000 zusätzlichen Verbrenner-Autos. Visualisiert wäre der Würfel des jährlich zusätzlich produziertem CO₂ in der Anfangszeit fast dreimal so hoch wie die Wiesbadener Marktkirche.

Langfristig gehe man über die geplante Laufzeit von 20 Jahren aber von einer deutlich geringeren durchschnittlichen Auslastung von rund 764 Stunden pro Jahr aus, so die KMW. Die Emissionen würden dann im Schnitt bei etwa 19.500 Tonnen CO₂-Äquivalenten liegen. Umweltverbände sehen dennoch das vom Mainzer Stadtrat 2022 beschlossene Klimaziel gefährdet: „Da Gaskraftwerke im Durchschnitt weit über 20 Jahre in Betrieb sind, wäre eine Klimaneutralität bis 2035 nicht mehr erreichbar”, so S4F-Sprecherin Doris Vollmer.

Unsichere Wasserstoff-Zukunft

Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) der Vorsitzende des Aufsichtsrates der KMW ist, hatte grünes Licht für den Bau gegeben und das Projekt gegen Kritik verteidigt. Auch der Wiesbadener OB Gert-Uwe Mende (SPD) lobte die Pläne bei der Freigabe (wir berichteten). Das Kraftwerk könne langfristig nachhaltig betrieben werden durch die Umstellung von Gas auf Wasserstoff.

Zunächst sorgen jedoch die klimaschädlichen Ausstöße für weitere Mehrkosten. Auf Nachfrage bestätigt die KMW, dass die Kosten für CO₂-Zertifikate in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro pro Jahr für die Anfangsphase realistisch geschätzt sind. Die KMW betont jedoch, dass diese Kosten mit der sinkenden Auslastung abnehmen werden. Die Preise am Zertifikate-Markt schwanken hingegen und werden in Zukunft deutlich teurer – denn ihre Gesamtzahl im EU-Emissionshandel wird von der Politik immer weiter verknappt.

Eine zukünftige Umrüstung der Anlage auf den Betrieb mit grünem Wasserstoff könnte die Kosten für Zertifakte und die klimaschädlichen Emissionen auf null senken. Die Umstellung sei technisch möglich, ein konkretes Jahr könne man aber nicht nennen, so die Sprecherin der KMW. Die Umstellung hänge von externen Faktoren ab, wie dem Ausbau des Wasserstoffnetzes und der Verfügbarkeit zu wettbewerbsfähigen Preisen. Die KMW geht davon aus, dass eine Beimischung von Wasserstoff „ab den 2030er Jahren möglich wird“.

Am Mittwoch (9. September) überreicht das „Bündnis gegen neue Gaskraftwerke“ 3000 Unterschriften gegen das Bauvorhaben. Der Termin startet ab 14 Uhr vor dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz.