Wurst- und Durstgeschichten: Der Hanswurst im Gehörgang des Banalen

Florian Links Wurst- und Durstgeschichten spielen dort, wo andere Literatur nicht mal parken würden: im „Imbiss ums Eck“. Ein Gastbeitrag.

Wurst- und Durstgeschichten: Der Hanswurst im Gehörgang des Banalen

Ich lungere an meinem Lieblingsstehstammtisch, also an dem fettigen Majofleck, wo die Tischkante schon so glatt ist, dass sie jeden Tag ein bisschen mehr nachgibt. Der Imbiss ums Eck riecht nach warmem Fett, kalter Luft und dem Versuch, beides gleichzeitig zu sein. Das Radio irgendwo hinten hat dieses alte Knacken, als würde es beim Senden jedes Mal kurz überlegen, ob es nicht doch lieber sterben will.

Der Schorsch steht am Grill, Zigarette im Mundwinkel, Blick wie eine schlecht gelaunte Wetter-App.

„Du sitzt schon wieder wie ein Mensch, der gleich was will“, sagt er.

„Ich will nix“, sage ich.

„Das sagen Menschen immer, die gleich was wollen.“

Der Hape kommt rein und sagt er hätte da so eine Idee.

„Lass stecken“, sagt der Schorsch und stöhnt leise dabei.

„Ich will nur ein Bier.“

„Bier ist keine Idee. Bier ist eine Haltung.“

Ich nicke, weil ich bei sowas immer nicke. Man muss dem Schorsch manchmal das Gefühl geben, dass er recht hat, sonst wird er noch philosophisch und dann wird’s gefährlich.

Wir bestellen zwei Bier, zwei Currywurst. Alles wie immer. Und genau da ist schon das Problem: Wenn man zu oft „wie immer“ macht, fängt das Leben an, den Autor zu spielen. Und ich sag das nicht als Metapher. Ich meine das wörtlich. Irgendwer schreibt das ja hier alles. Ich bin nur der Hanswurst. Ich darf den Mund aufmachen, aber wohin ich laufe, entscheidet meistens jemand, der nicht mal die Pommes bezahlt. Was für ne Arschgeige.

Der Hape pustet in sein Bier, als könne er damit die Realität entkorken.

„Glaubst du“, sagt er, „dass sich das BSW selbst abschafft?“

Ich schaue ihn an.

„Wir stehen im Imbiss. Wir essen Currywurst. Und du stellst Fragen wie ein Politpodcast.“

„Ich frage ja nur.“

Der Schorsch dreht eine Wurst, als würde er damit jemanden abstrafen.

„Parteien schaffen sich nicht ab“, sagt der Schorsch. „Die werden abgewählt. Oder sie zerlegen sich selber. Das ist wie bei euch beiden. Ihr löst euch ja auch nicht auf. Ihr verteilt euch nur.“

„Das ist ein schönes Bild“, sagt der Hape sofort. „Verteilen. Wie Farbe.“

„Wie Fett“, sagt der Schorsch.

Wir lachen kurz, weil wir merken, dass wir noch leben.

Der Hape erzählt, er habe gelesen, dass das BSW bei der Bundestagswahl 2025 knapp gescheitert sei und jetzt eine Neuauszählung will. „Karlsruhe“, sagt er, und klingt dabei, als wäre Karlsruhe ein Yoga-Zustand.

„Klar“, sage ich. „Wenn du knapp scheiterst, gehst du nach Karlsruhe. Wenn ich knapp scheitere, geh ich zur nächsten Currywurst über.“

Der Hape grinst. Der Schorsch nicht.

„Ihr habt beide keine Ahnung, wie Politik funktioniert“, sagt der Schorsch.

„Und du?“ frage ich.

„Ich hab auch keine Ahnung“, sagt der Schorsch. „Aber ich tu wenigstens nicht so.“

Das ist der Moment, wo der Tag losgeht. Nicht mit Action. Eher so, als würde jemand im Hintergrund eine Tür schließen, die man vorher gar nicht gesehen hat.

Später sind wir dann beim Murat am Kiosk. Logisch. Draußen ist diese graue Tageszeit, in der alles aussieht, als hätte es sich schon aufgegeben. Der Murat steht hinterm Tresen, aufrecht wie ein Mann, der jeden Tag hundert Geschichten hört und sich trotzdem noch konzentrieren kann, um Wechselgeld passend rauszugeben.

„Was treibt ihr so?“, fragt der Murat.

„Demokratie“, sagt der Hape.

„Aha“, sagt der Murat. „Dann nehmt ihr besser was Starkes.“

Wir kaufen dann aber nur Bier. Natürlich. Wir kaufen auch Chips, weil der Körper manchmal knuspern will, wenn der Kopf schon zu viel denkt. Draußen kommt uns so ein Typ entgegen, der zu laut ist für die Straße. Er redet auf jemanden ein, der gar nicht da ist. Er zeigt auf Plakate, die keine Plakate sind. Und dann zeigt er auf uns.

„IHR!“ brüllt er. „Ihr seid doch diese Currywurst-Influencer!“

Ich bin kurz versucht, ihn zu korrigieren. Aber ich habe im Lauf meines Lebens gelernt, dass man Menschen, die schreien, nicht mit Fakten beruhigt.

Der Hape sagt: „Wir sind eher analog.“

Der Typ sagt: „Analog ist auch nur digital, nur schlechter!“

Und dann passiert dieser kleine Händel, der immer passiert, wenn wir zu lange draußen sind. Der Typ will, dass wir irgendwas unterschreiben. Der Hape will wissen, ob das Kunst ist. Ich will einfach nur zurück in den Imbiss. Der Murat kommt raus, baut sich neben uns auf und sagt ruhig: „Jungs. Weitergehen.“

Der Typ schaut den Murat an, so als würde er zum ersten Mal merken, dass es Grenzen gibt. Und dann geht der auch. Nicht weil er überzeugt ist. Sondern weil der Murat so guckt.

„Ihr seid echt Magneten“, sagt der Murat.

„Für Menschen“, sagt der Hape.

„Für Quatsch“, sagt der Murat.

Wir ziehen weiter, weil der Autor es so will. Ich merke das immer daran, dass meine Füße schon laufen, bevor ich beschlossen habe, wohin.

Am Abend sitzen wir beim Josh in der Tristessa. Dunkles Holz, schummriges Licht, diese Luft, die nach verschüttetem Bier und alten Erinnerungen riecht. Der Josh poliert Gläser, die längst sauber sind. Das ist seine Meditation. Eigentlich wie immer.

„Ihr seht aus, als wärt ihr euch mal wieder selbst begegnet“, sagt der Josh.

„Wir sind dran vorbeigelaufen“, sage ich. „Ist besser so.“

Der Hape nimmt einen Schluck und sagt: „Wenn sich eine Partei selbst abschafft, ist das dann konsequent oder tragisch?“

Der Josh schaut ihn an, als würde er prüfen, ob das ein Witz ist.

„Kommt drauf an, wer danach die Rechnung zahlt“, sagt er.

Wir reden uns fest. Erst über Parteien, dann über Namen, dann über die Frage, ob Menschen eigentlich irgendwann merken, dass sie immer wieder die gleichen Sätze sagen. Ich sage irgendwann: „Vielleicht sind wir alle Figuren.“ Und der Hape sagt: „Das wäre wenigstens ein Konzept.“

Als wir später im Park auf der Bank sitzen, haben wir unzählige Bier intus, obwohl wir uns geschworen haben, nur noch zwei zu trinken. Aber Schwüre sind im Imbissmilieu eher so was wie Dekoration.

Die Bank ist kalt. Der Park ist still. Über uns die Äste, schwarz gegen den Himmel, als wären sie mit Tusche gezeichnet. Ich ziehe meinen Kragen hoch. Der Hape erzählt irgendwas von „inneren Mehrheiten“ und „äußeren Koalitionen“. Ich höre nur halb zu, weil ich schon merke, wie der Schlaf an mir zieht.

„Wenn du jetzt einschläfst“, sagt der Hape, „dann träumst du wahrscheinlich wieder so einen Quatsch.“

„Ich träume nie“, sage ich.

„Doch“, sagt der Hape. „Du kannst dich nur nicht erinnern.“

Das ist frech, aber auch möglich.

Dann schlafen wir ein.

Und jetzt kommt der Teil, wo der Autor wahrscheinlich kurz grinst, weil er endlich seine abstruse Nummer auspacken darf.

Ich bin plötzlich winzig. Nicht „ich fühle mich klein“. Sondern wirklich. Ich stehe auf einer Fläche, die warm und leicht feucht ist, und ich merke erst nach einem Moment: Das ist Haut. Ich bin irgendwo in einem Ohr.

Neben mir steht der Hape. Auch winzig. Er schaut sich um, begeistert wie im Museum.

„Das“, sagt er, „ist ja irre.“

„Das ist eklig“, sage ich.

Vor uns geht es nach innen. Ein Gang, der aussieht wie eine Mischung aus Tunnel und Schlauch. Wände, die leise pulsen. Und irgendwo dieses Geräusch. So ein tiefer Ton, wie eine Trompete in weiter Ferne. Nicht richtig Musik. Mehr ein Hinweis. Ich denke kurz an ein Elefantenhörspiel von früher und hasse mich dafür, dass mein Gehirn so arbeitet.

„Hörst du das?“ fragt der Hape.

„Ja“, sage ich. „Das ist der Ohrwurm. Oder der Autor hat Tinnitus.“

Wir laufen. Der Gang krümmt sich, macht Kurven, die keinen Sinn ergeben. Es gibt Stellen, da geht es nach oben, obwohl es eigentlich nach innen gehen müsste. Es ist wie so eine unmögliche Treppe, nur ohne Kunstgeschichte. Ich merke: Wir sind in einem Kopf, und in einem Kopf gelten keine Bauvorschriften.

Dann sehen wir ihn.

Da sitzt der Autor. Oder etwas, das so aussieht wie die Idee von einem Autor. Rücken gekrümmt, Laptop vor sich, Cognacschwenker und Kaffeetasse daneben, die schon längst kalt ist. Er tippt. Und während er tippt, höre ich Sätze. Nicht gesprochen, eher gedacht. So als würde jemand laut denken, ohne dabei Luft zu benutzen.

Und dann wird mir klar: Er schreibt gerade uns. Genau das hier.

„Hallo!“ ruft der Hape.

Der Autor reagiert nicht.

Ich winke. Ich schreie. Nichts.

„Wir sind in seinem Ohr“, flüstert der Hape. „Vielleicht hört er uns nicht, weil er…“

„Weil er nicht zuhören will“, sage ich. „Autoren hören nie zu. Autoren schreiben.“

Der Hape geht näher ran. Er beugt sich vor. Er liest, was auf dem Bildschirm steht. Und seine Augen werden groß.

„Er hat gerade geschrieben, dass du ‘Autoren hören nie zu’ sagst“, sagt der Hape.

„Ja“, sage ich. „Dann stimmt’s ja.“

Ich spüre diesen kleinen Stich. Weil es bedeutet: Es ist alles fest. Alles schon entschieden. Alles schon getippt.

Ich bin der Hanswurst. Ich kann mich aufregen. Ich kann lamentieren. Ich kann sogar meta sein. Aber ich kann nicht ausbrechen. Wenn der Autor will, dass ich stolpere, dann stolpere ich. Wenn er will, dass ich peinlich werde, dann werde ich peinlich. Und wenn er will, dass ich in seinem Ohr stehe, dann stehe ich in seinem Ohr. Was übrigens wirklich kein Wunsch war.

Der Hape aber ist nicht so. Der Hape sieht keine Grenze, er sieht Material. Der olle Künstler.

„Wenn er uns nicht hört“, sagt der Hape, „müssen wir in den Text.“

„Wir sind doch im Text“, sage ich.

„Nein“, sagt der Hape. „Wir müssen in das, womit er schreibt.“

Er zeigt nach unten. Und da sehe ich es: Im Ohr steckt ein kleiner Knopf. Ein In Ear. So ein Ding, das Menschen tragen, wenn sie tun wollen, als wären sie nicht ansprechbar. Der Autor hat es im Ohr. Und plötzlich verstehe ich: Wir sind nicht im Ohr. Wir sind im Kopfhörer.

„Der nimmt uns auf“, sagt der Hape.

Und da ist der Twist, der alles kippt: Der Autor schreibt nicht mit seinen Händen. Er diktiert. Er redet, und irgendein Programm macht daraus Text.

„Das heißt…“ beginne ich.

„…wenn wir ins Mikro sprechen“, sagt der Hape, „landet es im Manuskript.“

Ich lache einmal kurz, weil ich nicht anders kann. Das ist so absurd, dass es schon wieder logisch ist. Das ist genau die Sorte Logik, die entsteht, wenn man zu viel Bier trinkt und sich trotzdem für klug hält.

Der Hape klettert auf den Mikro-Eingang, als wäre es eine Bühne. Er räuspert sich. Und dann spricht er.

„Der Hape ist ein Genie“, sagt der Hape.

Auf dem Bildschirm erscheint: Der Hape ist ein Genick.

Ich pruste los.

„Diktat“, sage ich. „Willkommen im Maschinenzeitalter.“

Der Hape probiert es nochmal.

„Der Hanswurst hat heute frei.“

Auf dem Bildschirm steht: Der Hanswurst hat heute drei.

„Drei was?“ frage ich.

„Drei Bier“, sagt der Hape.

Ich beuge mich zum Mikro.

„Der Autor soll jetzt aufhören, so zu tun, als hätte er die Kontrolle“, sage ich langsam und deutlich.

Auf dem Bildschirm steht: Der Autor soll jetzt aufhören, so zu tun, als hätte er die Kohlroulade.

Der Hape klappt fast zusammen vor Lachen.

„Kohlroulade“, japst er. „Das ist… das ist besser als Kontrolle.“

Und dann passiert etwas, womit wir nicht rechnen: Der Autor hält inne. Er runzelt die Stirn. Er liest. Er greift ans Ohr, zieht den In Ear raus.

„Ach Kacke… Was zur Hölle…“ murmelt er.

Und in dem Moment, in dem der In Ear draußen ist, sind wir nicht mehr im Kopfhörer. Wir fallen. Nicht körperlich. Eher so, als würde jemand den Traum ausstecken.

Ich reiße die Augen auf.

Ich sitze wieder auf der Parkbank. Neben mir der Hape, Mund halb offen, Kopf nach hinten gekippt. Es ist kalt. Es ist still. Mein Atem steht in kleinen Wolken.

„Hape“, sage ich.

Er blinzelt.

„Hast du…“ beginne ich.

„Ja“, sagt der Hape sofort. „Wir waren in seinem Ohr.“

„Und?“

Der Hape greift in seine Jackentasche. Zieht etwas raus. Ein kleiner In Ear. Schwarz. Glänzend. Und auf der Rückseite klebt ein winziger Aufkleber. Nicht groß. Gerade groß genug, dass man ihn sieht, wenn man hinschaut.

Da steht: Kohlroulade.

Ich starre drauf.

„Das“, sage ich, „steht da nicht wirklich.“

„Doch“, sagt der Hape. „Das steht da wirklich.“

Wir sitzen da. Zwei Figuren. Zwei Männer. Zwei Müdigkeiten. Und irgendwo da draußen sitzt wahrscheinlich jemand an einem Laptop und fragt sich, warum seine Diktier-App ihn gerade auf eine Kohlroulade festnagelt…

Kurzvita:

Florian Link, geboren in den 70ern, irgendwo in Norddeutschland, lebt in Mainz und arbeitet in Bingen im Hochschulmanagement und in der Hochschulkommunikation. Seit Jahren veröffentlichter regelmäßig satirische Kurzgeschichten unter dem Titel Wurst-und Durstgeschichten auf dem Online-Blog „Wurstzeitblog“. Inzwischen sind es weit über 100. Seit 2025 werden die Geschichten zudem von professionellen Sprecher*innen vertont. Mittlerweile ist sein erster Roman „Die Pommes-Transformation“ veröffentlicht worden. Sein Blick auf die Welt ist geprägt von einer tiefen Liebe zur Absurdität des Alltags und zur feinen Kunst der Currywurstphilosophie. Er schreibt über das Komische im Tragischen, das Tragische im Komischen und das Kuriose dazwischen