Erst eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, jetzt ein beachtliches Netz von unterirdisch verlaufenden Gängen: Auf einer Baustelle im Mainzer Stadtteil Hartenberg-Münchfeld, in der Nähe des Taubertsbergbads, wurde ein faszinierender Fund gemacht.
Wie Simon Mensing, Gebietsreferent der Direktion Landesarchäologie der Generaldirektion Kulturelles Erbe, gegenüber Merkurist mitteilt, konnten die Archäologen in der Fritz-Bockius-Straße bisher etwa 60 Meter Minengänge freilegen. Konkret handele es sich dabei um bergmännisch angelegte Gänge, so Mensing. „Sie bildeten einen wichtigen Bestandteil des Verteidigungssystems neuzeitlicher Festungen.“
Verwinkelte Minengänge und Stollen aus dem 18. Jahrhundert
Errichtet wurden die Gänge zwischen 1710 und 1743, als Kurfürst Lothar Franz von Schönborn die Franziskus-Schanze bauen ließ. „Die Anlage war Bestandteil des von Festungsbaumeister Johann Maximilian von Welsch entwickelten vorgelagerten Verteidigungsrings mit mehreren Außenwerken“, erklärt der Archäologe. Die verwinkelten Minengängen und Stollen wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach erweitert.
Oft seien diese Gänge, bestehend aus mehreren Haupt- und Seitenarmen, unterhalb des Festungsgrabens verlaufen oder vor Bastionen. Erbaut wurden sie damals, um Minen von Gegnern frühzeitig zu erkennen und zerstören zu können. „Ihre Funktion bestand darin, feindliche Stellungen im Vorfeld der Festung durch gezielte Sprengungen zu bekämpfen“, sagt Mensing. Genutzt wurden sie außerdem als geschützte Verbindungs- und Transportwege innerhalb des Festungssystems. Drohte der Feind, die Festung einzunehmen, konnte zudem von hier aus die eigene Festung gezielt zerstört werden.
Wichtige Erkenntnisse über Mainzer Festungen
Die Bauwerke bestehen aus aus kalkmörtelgebundenem Bruchsteinmauerwerk, teilweise wurden auch Ziegelsteine verwendet. „Die Decken sind als stabile Tonnengewölbe ausgeführt, die dem hohen Erddruck standhalten konnten“, so Mensing. Wo sich die Gänge kreuzen, wurden kleine rechteckige Nischen ergänzt. Hier konnten Laternen oder Lampen aufgestellt werden. Entdeckt werden konnten zudem seitliche Nischen, die als Schutz- und Lagerbereiche sowie als Horchposten dienten. Über einen Lüftungsschacht, der mit einem Luftkanal verbunden war, kam Frischluft in die Gänge.
Der Fund liefere wichtige Erkenntnisse zur Konstruktion, den damaligen Arbeitsweisen, den einzelnen Bauphasen sowie zur Funktionsweise der Festungswerke, erklärt Mensing weiter. „Die Minengänge geben einen unmittelbaren Einblick in die komplexe unterirdische Infrastruktur und die vielschichtige Verteidigungsstrategie der neuzeitlichen Festungsanlagen von Mainz.“ Die Landesarchäologen hätten in der Baustelle nun die seltene Möglichkeit, diese Gänge, ihren Verlauf und Aufbau sowie ihr Umfeld umfassend zu dokumentieren.
Vier Sarkophage aus der spätrömischen Zeit
Außer den unterirdischen Gängen machten die Archäologen noch einen weiteren Fund: Sie konnten vier Sarkophage aus der spätrömischen Zeit bergen, die damals geraubt worden seien. „Sie sind Teil eines größeren römischen Gräberfeldes entlang der heutigen Wallstraße“, erklärt Mensing. Die teilweise zerstörten Särge wurden bereits in die Depots der Landesarchäologie gebracht.
Mit der Erforschung der Minen müssen sich die Archäologen ebenfalls beeilen: Noch im August müssen sie zum Abschluss kommen, so Mensing weiter. „Die Ausgrabungen laufen unter hohem Zeitdruck parallel zu den Erdarbeiten.“ Sobald die Dokumentation der Minengänge abgeschlossen ist, könnten sie zurückgebaut werden, damit der Bau des Hauses an dieser Stelle fortgesetzt werden könne. Erhalten bleiben dann nur die Teile, die außerhalb des Grundstücks liegen.
Anschauen kann man solche Minengänge übrigens unterhalb des ehemaligen Fort Josef in der Nähe der Mainzer Universitätsmedizin. Hier wurden unterirdische Gänge für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie können bei Führungen besichtigt werden.