Sein Leben gleicht einer Chronik des 20. Jahrhunderts: Peter Sichel (1922-2025) wurde in eine jüdische Weinhändler-Familie in Mainz hineingeboren, floh vor den Nationalsozialisten in die USA, wurde US-Soldat, hochrangiger CIA-Offizier und schließlich wieder ein international erfolgreicher Weinhändler. Eine neue Dokumentation beleuchtet nun diese erstaunliche Lebensgeschichte.
Vom Flüchtling zum US-Geheimdienstler
Sichels Mutter erkannte früh die Gefahr durch die Nationalsozialisten und drängte die Familie zur Flucht in die USA. Die Sichels verließen daraufhin ihre großbürgerliche Wohnung in Mainz im April 1935.
Drei Häuser in der Kaiserstraße 26, 28 und 30 gehörten der Großfamilie, den Inhabern der Weinhandlung „H. Sichel & Söhne“ (wir berichteten). In den USA schließlich trat Peter Sichel der Armee und später dem US-Geheimdienst OSS bei, dem Vorläufer der CIA.
Als „Wunderkind“ unter den Spionen warb er deutsche Kriegsgefangene an. Er wurde außerdem Zeuge der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau – ein Wendepunkt in seinem Leben.
Karriere und Enttäuschung bei der CIA
Nach dem Krieg wurde Sichel CIA-Stationsleiter in West-Berlin und baute Spionagenetze in Ostdeutschland auf, wobei er auch mit ehemaligen Nazis zusammenarbeiten musste, wie die Dokumentation zeigt. In Washington stieg er später zum Leiter der Osteuropa-Operationen auf.
Doch seine Zeit beim Geheimdienst war auch von Enttäuschungen geprägt. Er warnte vor riskanten Aktionen und musste miterleben, wie durch Fehler der CIA Hunderte Menschen starben. Seine Kritik brachte ihn ins Visier des FBI. Ein Ermittlungsverfahren endete zwar mit einem Freispruch, doch Sichel wurde nach Hongkong versetzt.
1960 verließ er, tief enttäuscht, die CIA und stieg mit 37 Jahren in das Familiengewerbe ein – den Weinhandel. Dafür bezog er kurzzeitig Quartier in einem Mainzer Hotel, um sich vor Ort das nötige Grundwissen anzueignen und Kontakte zu knüpfen. Schließlich führte er das Familienunternehmen von New York aus mit der Weinmarke „Blue Nun“ zu weltweitem Erfolg. Zwei bis drei Monate im Jahr verbrachte er aber in einer kleinen Wohnung in Mainz.
Die Dokumentation „Der Jahrhundert-Spion“ über das Leben des Mainzers Peter Sichel von Filmemacherin Katharina Otto-Bernstein läuft im linearen Fernsehen am Dienstag (18. November) um 21:50 Uhr auf ARTE. Bereits ab 13. November ist sie in der ARTE-Mediathek abrufbar.