Holocaust-Gedenktag: Wormser OB Kessel warnt vor Fremdenfeindlichkeit

Oberbürgermeister Kessel hat am 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Dabei blickte er außerdem besorgt auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation.

Holocaust-Gedenktag: Wormser OB Kessel warnt vor Fremdenfeindlichkeit

„Was muss in den Gehirnen der Menschen vorgehen, die die systematische Vernichtung eines ganzen Volks und zahlloser sogenannter ungewollter Menschen aushecken? Und wie verroht muss ein Mensch nicht nur sein, um bei der Umsetzung beispiellose Grausamkeiten an seinen Mitmenschen auszuüben, sondern diese Taten nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs auch noch zu verteidigen?“ So äußerte der Wormser Oberbürgermeister (OB) Adolf Kessel (CDU) am Montag sein Unverständnis über den Holocaust und seine Verherrlichung, die „schrecklichsten Verbrechen an der Menschheit“.

Populismus heute und damals Nährboden für Ängste

Kessel erinnerte in seiner Ansprache anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar an die Krisen in der Weimarer Republik: an „gewaltige soziale Umbrüche und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten“, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung stiegen ließen. Die populistischen Versprechungen deutschnationaler Parteien seien für Millionen Deutsche verlockend gewesen. Pauschalisierungen hätten für ein unbestimmtes und sich schleichend in der Gesellschaft ausbreitendes Feindbild gesorgt.

Viele Menschen hätten auch in der Gegenwart Angst vor der Zukunft, so Kessel. Der Oberbürgermeister blickte auf die aktuellen Krisen: Religiös oder machtpolitisch geprägte Umstürze, Bürgerkriege und zwischenstaatliche Kriege hätten bisher große Flüchtlingsbewegungen in der Welt verursacht. Die Zahl der Staaten, die demokratische Strukturen und ein faires internationales Miteinander ablehnen, hätte zugenommen. Zeitgleich stehe Deutschland vor der Herausforderung, im wirtschaftlichen Wettkampf mit anderen Nationen mithalten zu können.

Populismus habe es damit deutlich einfacher, sich zu verbreiten: „Es sind nur kleine Schritte von Unbehagen zu Angst, von Angst zu Feindseligkeit und von Feindseligkeiten zu Übergriffen.“ Die Emotion Angst sei aber niemals ein guter Ratgeber. „Sie kann uns in Zeiten führen, von denen wir uns geschworen haben, dass wir sie nie wieder zulassen.“ Die Angst der Menschen müsste deshalb vor allem emotional ernst genommen werden, erklärt der OB. Die Schwachen in der Gesellschaft dürften dabei nicht aus den Augen verloren werden.

Bereicherung durch Zusammenleben mit Migranten

Angesichts der Lage betont der Stadtchef: „Niemandem von uns persönlich geht es streng genommen auch nur einen Deut schlechter, weil wir uns in Deutschland um Flüchtlinge kümmern.“ Die Integration von Migranten sei ein Jahrzehnte dauernder Prozess. Neben den Ängsten dürfe man die positiven Erlebnisse nicht vergessen, die die Begegnung mit anderen Kulturen ermögliche. „Eine andere Sicht der Dinge muss nicht zwangsläufig nachteilig sein, sie kann auch ungemein bereichern.“

Politischen Aussagen, die eine Gruppe unserer Gesellschaft über eine andere stellen, sollte energisch entgegengetreten werden, appellierte Kessel. Die Gesellschaft dürfe außerdem nicht zulassen, dass pauschalierend von Personengruppen wie Juden oder Migranten gesprochen werde. Man selbst könne nicht über die eigene Herkunft bestimmen, aber als Erwachsener das eigene Verhalten verantworten, sagte der OB.

„Wir schulden Opfern unser Handeln“

„Wir schulden den Opfern des Holocausts nicht nur unser Gedenken, sondern auch unser Handeln“, konstatierte Kessel. Der Holocaust-Gedenktag sei auch ein Tag der Ermutigung: „Wir gedenken der Vergangenheit, aber wir richten unseren Blick auch auf die Zukunft. Eine Zukunft, in der wir aus den Fehlern der Geschichte lernen und eine Welt schaffen, in der jedes Menschenleben geachtet und geschützt wird. Die Würde des Menschen ist unantastbar! Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass sie das auch bleibt. Unsere Verantwortung und unsere Pflicht ist, niemals zu vergessen und eine Wiederholung zu verhindern!“

Zwischen 1942 und 1945 wurden mindestens 354 Wormser Bürger jüdischen Glaubens deportiert und ermordet, berichtete der Oberbürgermeister. Zuvor wurden 71 Personen aus Wormser Sinti-Familien in Konzentrationslager und Ghettos verschleppt. Auch Kranke und Behinderte, Homosexuelle, politische Gefangene, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene verloren in der NS-Zeit ihr Leben. Kessel erinnerte auch an jene Menschen, die sich gegen das NS-Regime, gegen die Deportationen und NS-Verbrechen zu wehren versuchten. „Es waren nur ganz vereinzelt sehr mutige Menschen, die das oft mit dem eigenen Leben bezahlten.“

Am Donnerstag (30. Januar) um 18 Uhr plant das „Bündnis gegen Naziaufmärsche“ in der Gedenkstätte KZ Osthofen einen Vortrag mit Lesung und Diskussion zum Buch „Das deutsche Alibi“ der Autorin Ruth Hoffmann, das sich mit dem „Stauffenberg-Attentat“ befasst. Es soll beschreiben, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen und ein Lehrbuch für unser Demokratie sein, schreibt das Bündnis. Weitere Informationen zur Veranstaltung findet ihr hier.