Schockanruf: „Ich habe am ganzen Körper gezittert“

Ihr Sohn liege mit einer Corona-Infektion auf der Intensivstation und werde die Nacht nicht überleben: Hannelore Krug hat kürzlich einen besonders perfiden Schockanruf bekommen. Indem sie besonnen reagierte, rettete sie wohl sehr viel Geld.

Schockanruf: „Ich habe am ganzen Körper gezittert“

20 Minuten lang wurde Hannelore Krug aus Wiesbaden-Biebrich am Telefon „festgenagelt“. Die Nachricht der Anruferin war erschütternd: Ihr Sohn sei an Corona erkrankt und liege auf der Intensivstation. Die Nacht werde er nicht überleben. Er habe bereits 40,5 Grad Fieber und hänge an Maschinen.

Die Anruferin: angeblich eine Ärztin aus der Uniklinik in Mainz. „Sie klang so überzeugend, dass ich völlig blockiert war im Kopf“, berichtet die 78-Jährige im Merkurist-Gespräch. Sie komme sofort in die Klinik, antwortete sie der Anruferin verzweifelt. „Ich habe am ganzen Körper gezittert.“

In die Klinik könne sie nicht so spontan kommen, dazu sei ein PCR-Test nötig, antwortete die vermeintliche Ärztin. Nur vom Fenster aus könne sie in den Raum sehen. In Hannelore Krugs Kopf begann es zu arbeiten, tausend Gedanken kamen ihr gleichzeitig: Er sei doch geimpft und habe nur wenig Kontakt zu Menschen. Sogar über eine Beerdigung habe sie sich in dem Moment schon Gedanken gemacht. Ihr Sohn hatte lange Zeit auf der Straße gelebt, doch es ginge ihm wieder gut. Seit einiger Zeit wohne er in einer Wohngemeinschaft in Alzey. Seit zwei Monaten hatte Krug ihren Sohn nicht mehr gesehen, auch das wollte die Anruferin genau wissen. „Sie redete ununterbrochen, 20 Minuten lang. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange einen solchen Stress am Telefon aushalte“, erinnert sich Krug.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange einen solchen Stress am Telefon aushalte“ - Hannelore Krug

Doch dann schöpfte sie allmählich Verdacht, und zwar ausgerechnet im entscheidenden Moment: „Als mir die Frau sagte, dass nur ein Medikament aus der Schweiz sein Leben retten könnte, das nicht von den Krankenkassen bezahlt werde, hat es Klick bei mir gemacht.“ Sie müsse erst mit ihrem Mann darüber sprechen, sagte sie der Anruferin, obwohl dieser zu der Zeit gar nicht zuhause war. „Wollen Sie Ihren Sohn etwa sterben lassen?!“ rief die Frau am anderen Ende in die Leitung. Da legte Hannelore Krug auf. Sie versuchte, jemanden an der Uniklinik zu erreichen, da ging aber nur der Anrufbeantworter dran. Ein Anruf bei ihrem Sohn brachte dann Gewissheit: „Er war putzmunter, nichts war geschehen.“

Hannelore Krug erstattete Anzeige bei der Polizei. Seitdem erzählt sie allen Menschen, die ihr begegnen, ihre Geschichte. Sie will warnen: Die Betrüger an den Telefonen sind inzwischen so versiert, dass sie gezielt mit den Ängsten der Menschen spielten. „Man sollte sofort auflegen und die Polizei anrufen.“

Tatsächlich ist Hannelore Krugs Erlebnis kein Einzelfall. Erst kürzlich war eine 95-jährige Mainzerin Opfer einer ähnlichen Betrugsmasche geworden (wir berichteten). Sie wurde auf diese Weise um mehrere zehntausend Euro betrogen.

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