Sind Green Farming-Supermärkte die Zukunft der Versorgung in Städten?

Im Erbenheimer Rewe werden Fische und Kräuter gezüchtet, der Markt ist besonders umweltfreundlich gebaut. Das ist ein Weg hin zu einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion. Es gibt aber auch Grenzen.

Sind Green Farming-Supermärkte die Zukunft der Versorgung in Städten?

Ein Supermarkt mit eigener Fisch- und Kräuterproduktion – was bis vor kurzem noch schwer vorstellbar war, ist in Erbenheim Realität. Auf dem Dach des „Green Farming“-Rewes werden Kräuter angebaut, im Keller wachsen Barsche heran. Verkauft wird beides im Rewe selbst und in 480 weiteren Märkten in Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern. Ziel ist eine nachhaltige Form der Lebensmittelproduktion und Vermarktung – Fische und Kräuter versorgen sich in zwei Aquaponik-Kreisläufen gegenseitig mit Wasser und Nährstoffen und auch sonst wird im Markt auf Regionalität, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit gesetzt. Ist das die Zukunft der Lebensmittelversorgung in Städten?

Viele Vorteile, aber auch Grenzen

„Die Nutzung urbaner Flächen für Green Farming ist sehr zu begrüßen, denn Lebensmittel können Vorort produziert und verbraucht und andere Lebensräume dadurch entlastet werden“, sagt Wirtschaftsingenieur Benjamin Kraff, der an der Technischen Universität Darmstadt arbeitet und sich unter anderem mit nachhaltiger Stadtentwicklung beschäftigt. „Im Sinne der Stadt der kurzen Wege werden dadurch nicht nur die Wege vom Verbraucher zum Produkt verkürzt, vielmehr sind auch die Lieferketten der für die Produkte notwendigen Ressourcen an einem Ort gebunden.“

„Green Farming soll in Städten keine Konkurrenz zu Wohnraum darstellen.“ Benjamin Kraff, Nachhaltige Stadtentwicklung

Das habe allerdings Grenzen. „Green Farming soll in Städten keine Konkurrenz zu Wohnraum darstellen“, sagt Kraff. Stattdessen sollten bisher ungenutzte Dachflächen und Gebäude in Quartieren, die sich nicht für eine Wohnbebauung eignen, für Green Farming genutzt werden. Innerhalb der Städte dürfe Green Farming außerdem nicht den Platz eines anderen, wichtigen Konzepts einnehmen. „Das für die zukünftige Stadtentwicklung wichtige Konzept von Urban Gardening, das eine Begrünung und Bewirtschaftung von Stadträumen, Fassaden und Dächern vorsieht, sollte nicht verdrängt werden“, sagt Kraff. Denn Green Farming biete weder einen Beitrag zur urbanen Biodiversität, noch trage es dazu bei, dass innerstädtische Hitzeinseln reduziert werden. „Es ist daher vielmehr als ergänzendes Konzept zur wirtschaftlichen Nutzung von Flächen zu sehen.“

Sogar Nikolas Leschke stimmt in vielen Punkten zu. Leschke ist Gründer von ECF Farmsystems – das Unternehmen, das aquaponische Farmen zur nachhaltigen Lebensmittelproduktion in Städten wie die Anlage in Erbenheim betreibt. „Städte sind vor allem zum Leben da, nicht zum Anbau von Lebensmitteln“, sagte er Anfang des Jahres im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Stadt-Farmen seien eine Nische, wenn auch eine wichtige. Viel sinnvoller für die Ernährung der Stadtbewohner seien Aquaponik-Anlagen an den Rändern von Ballungsgebieten, die genug ungenutzten Platz für größere Anbau- und Zuchtflächen bieten. Fände die Landwirtschaft im ohnehin eher bodenversiegelten Speckgürtel statt, würde sie nicht noch mehr Fläche außerhalb der Städte fressen, sagte Leschke.

Vorbild für nachhaltiges Bauen

Klar scheint aber: In Sachen nachhaltiges Bauen sollte der Rewe ein Vorbild für künftige Supermärkte und andere Gebäude in Städten sein. „Ein wichtiger Bestandteil der Gebäude-, Energie- und auch Verkehrswende ist immer die öffentliche Sichtbarmachung dieser Themen durch einzelne Projekte“, sagt Benjamin Kraff. „Rewe bietet an dieser Stelle ein Vorzeigeprojekt, das zur gesellschaftlichen Durchdringung einer nachhaltigen Bau- und Wirtschaftsweise beiträgt.“

„Die Holzbauweise ist eine gute Möglichkeit, konventionelle und klimaschädlichere Baustoffe wie Beton zu ersetzen.“ - Benjamin Kraff

Der Markt ist aus Holz gebaut. „Die Holzbauweise ist eine gute Möglichkeit, konventionelle und klimaschädlichere Baustoffe wie Beton zu ersetzen“, sagt Benjamin Kraff. Insgesamt wurden 1100 Kubikmeter zertifiziertes Lärchen- und Fichtenholz aus nachhaltiger, deutscher Holzwirtschaft verbaut, in dem dauerhaft über 700 Tonnen CO2 gespeichert werden sollen. Die Holzkonstruktion ist zudem so gebaut, dass man sie leicht auseinanderbauen und wiederverwenden kann. Im Innenraum wird viel Tageslicht und eine energiesparende LED-Beleuchtung eingesetzt. Mit Wärme wird der Markt durch eine Kombination aus Wärmepumpen und der Nutzung der Abwärme aus den Kälteanlagen und Kühlmöbeln versorgt.

Der Parkplatz ist versickerungsfähig gebaut. Es gibt eine 1000 Quadratmeter große Grünanlage mit Blumenwiese und Ladestationen für E-Autos und E-Bikes. Zusätzlich wird Regenwasser aufgefangen, das für die Reinigung des Markts, die Sanitäranlagen und die Dachfarm genutzt wird. Für all das wird Rewe bald voraussichtlich mit dem höchsten Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) ausgezeichnet.

Die Zukunft ist noch klimaneutraler

Ein paar Verbesserungsvorschläge hat Benjamin Kraff aber doch noch: „Der Markt ist primär auf die Kundschaft mit Autos ausgelegt“, sagt er. „Vielmehr müsste an dieser Stelle nicht-motorisierter Verkehr, das Angebot von Lastenfahrräder oder zumindest E-Car-Sharing mit eingebunden werden.“ Zudem sollte man Märkte wie den Rewe-Markt so konzipieren, dass sie komplett klimaneutral betrieben werden. „Das heißt, Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien müssten in ausreichendem Maße eingebunden werden.“ Besser sei es grundsätzlich auch, wenn man recycelte Baustoffe verwendet und wenn möglich saniert, anstatt neu zu bauen.

„Zusammengefasst kann man sagen, dass zukünftig bereits in der Planung eines Gebäudes eine Ökobilanzierung über den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt werden muss, wenn wir einen klimaneutralen Gebäudesektor anstreben“, sagt Kraff. „Herstellung, Transport und Einbau von Materialien, energetischer Betrieb des Gebäudes und Rückbau sollten bereits in der Planung mitgedacht werden.“

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