Hessens Sparkurs trifft Wiesbadens Integrierte Gesamtschulen ins Mark

Die Sparpläne der Landesregierung kratzen nicht nur an Stundenplänen – sie treffen Herzstücke der Förderung und treiben Lehrkräfte wie Schüler an die Belastungsgrenze.

Hessens Sparkurs trifft Wiesbadens Integrierte Gesamtschulen ins Mark

Durch die geplanten Kürzungen des Landes sind Stellenstreichungen beim Lehrpersonal an Wiesbadens Integrierten Gesamtschulen (IGS) nicht nur ein Gerücht, sondern eine sehr konkrete Gefahr. Wenn auch mit noch offenen Detailfragen zur exakten Ausgestaltung vor Ort.

Was die Landesregierung konkret kürzen will

Die schwarz-rote Landesregierung in Hessen plant im Bildungshaushalt 2026/27 Einsparungen von insgesamt rund 70 Millionen Euro. Besonders in den Fokus geraten dabei die Integrierten Gesamtschulen, die bislang zusätzliche Ressourcen für Binnendifferenzierung und individuelle Förderung erhalten haben. Dieses pädagogische Prinzip zielt darauf ab, der hohen Heterogenität in den Klassen gerecht zu werden, ohne die Schüler frühzeitig zu trennen. Es ermöglicht gemeinsames Lernen über einen langen Zeitraum (meist bis Klasse 8 oder 9), wobei gleichzeitig individuelle Förderbedürfnisse und unterschiedliche Leistungsniveaus berücksichtigt werden.

  • Für Integrierte Gesamtschulen sollen Differenzierungs- und Förderzuschläge reduziert werden, also genau jene Stunden, mit denen kleinere Lerngruppen, Team-Teaching oder Förderkurse ermöglicht werden.

  • Laut Berechnungen von Bildungsverbänden und Oppositionsfraktionen entspricht das hessenweit einem Abbau von rund 10.000 Lehrkräftestunden pro Woche und etwa 170 Lehrkräften, ein Teil davon explizit im Bereich der IGS.

  • Die Kürzungen sind formal zunächst auf das Haushaltsjahr 2026 befristet, sollen aber im laufenden Schuljahr voll wirken. Ob sie 2027 zurückgenommen werden, ist politisch völlig offen.

Für Wiesbaden als Schulstandort bedeutet das: Die Stadt ist in besonderem Maße betroffen, weil hier eine hohe Dichte an Integrierten Gesamtschulen und Schulen mit hohem Förderbedarf besteht.

Was das für die IGS in Wiesbaden heißt

Die GEW Wiesbaden-Rheingau spricht in einer Stellungnahme von ganz konkreten Stunden- und Stellenverlusten an den IGS-Standorten der Stadt.

  • Je nach Schule wird mit dem Wegfall von einer oder mehreren Lehrerstellen gerechnet, ausgelöst durch Kürzungen von bis zu gut zwei Lehrkraftwochenstunden pro Klasse.

  • Besonders betroffen sind Förderstunden, Team-Teaching-Modelle und zusätzliche Angebote für schwächere oder besonders geförderte Schüler – nicht der reguläre Pflichtunterricht im engeren Sinne.

  • In der Praxis heißt das für Wiesbaden: größere Lerngruppen, weniger Teilungsstunden, weniger Raum für intensive Einzelförderung und damit eine höhere Belastung für alle Lehrkräfte an den IGS.

Schulleitungen und Personalräte warnen, dass genau die Bausteine wegbrechen, die die IGS-Schulform stark gemacht haben: die verbindliche individuelle Förderung in heterogenen Klassen.

Folgen für Lehrkräfte und Schüler

Für das Lehrpersonal an den IGS in Wiesbaden ergeben sich mehrere ganz konkrete Auswirkungen.

  • Mehr Lernende pro Klasse: Wenn Förder- und Teilungsstunden wegfallen, sitzen spürbar mehr Kinder und Jugendliche im gleichen Raum, oft mit völlig unterschiedlichen Lernvoraussetzungen.

  • Höhere Arbeitsbelastung: Lehrkräfte müssen Differenzierung, Diagnostik, Elternarbeit und Krisenbewältigung mit weniger Stundenkontingent leisten. Zusätzliche Aufgaben können kaum noch durch Entlastungsstunden abgefedert werden.

  • Wegfall von Projekten: Förderkurse, Projektunterricht oder zusätzliche Angebote etwa für Sprachförderung, Inklusion oder Übergangsberatung drohen zusammengestrichen zu werden.

  • Für Schüler – gerade in einer Stadt mit sozialer Spaltung wie Wiesbaden – haben diese Einschnitte eine doppelte Tragweite.

  • Kinder aus bildungsfernen oder finanziell belasteten Familien verlieren gezielt dort Unterstützung, wo die IGS bisher versucht hat, auszugleichen: in Förderstunden, Lernwerkstätten, Zusatzangeboten.

  • Der jüngste IQB-Bildungstrend weist ohnehin schon auf sinkende Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften in Hessen hin. Ausgerechnet in dieser Situation Ressourcen für Förderung zu streichen, halten Bildungsgewerkschaften für fachlich fatal.

Kurz gesagt: Es geht nicht nur darum, ob eine Stelle mehr oder weniger auf dem Papier steht, sondern darum, ob die IGS ihren Anspruch auf Chancengleichheit noch einlösen kann.

Die politische Deutungsschlacht

Die Debatte um die Kürzungen wird in Hessen und speziell in Wiesbaden hochemotional geführt.

  • Die Landesregierung aus CDU und SPD argumentiert, der Kompromiss sei „vertretbar“ und die Einschnitte seien befristet, notwendig zur Haushaltskonsolidierung und würden zielgenau umgesetzt.

  • Bildungsgewerkschaften wie die GEW sprechen hingegen von einer „bildungspolitischen Katastrophe“, fordern einen sofortigen Stopp und sehen besonders die Integrierten Gesamtschulen in ihrer Existenz als Orte gerechter Bildungsgestaltung bedroht.

  • Die Grünen im Landtag und weitere Oppositionsparteien kritisieren, dass vor allem die Schulen mit schwierigen Bedingungen und hohem Förderbedarf getroffen werden und fordern eine verlässliche und gerechte Finanzierung, die Brennpunktschulen gezielt unterstützt, anstatt pauschale Kürzungsmaßnahmen (die kritisierte „Rasenmähermethode") anzuwenden.

In Wiesbaden formiert sich Widerstand: Schulgemeinden, Elternbeiräte und lokale Bildungsinitiativen warnen öffentlich, die geplanten Einschnitte gefährdeten den Bildungserfolg ganzer Jahrgänge an den IGS.

Was an den Befürchtungen dran ist – und was offen bleibt

Unstrittig ist: Die Kürzungen sind real, sie sind haushaltsrechtlich hinterlegt und sie betreffen Differenzierungsressourcen, die für den IGS-Alltag in Wiesbaden zentral sind. Die Befürchtung, dass Lehrkräfte-Stellen wegfallen und Angebote gestrichen werden, ist also fachlich begründet und nicht übertrieben.

Offen ist dagegen:

  • Wie genau die einzelnen IGS in Wiesbaden die Lücken auffangen, etwa durch Umorganisation, Umverteilungen innerhalb des Kollegiums oder Kooperationen mit der Stadt.

  • Ob die Landesregierung im Zuge weiterer Proteste oder spätestens mit Blick auf den Haushalt 2027 nachbessert und die Kürzungen wirklich zurücknimmt.

Bis dahin gilt: Die Integrierten Gesamtschulen in Wiesbaden stehen unter massivem Anpassungsdruck. Für viele Lehrkräfte fühlt sich das an wie ein schleichender Systemwechsel weg von individueller Förderung, hin zu „Verwaltung von Mangel“ im ganz normalen Unterrichtsalltag.