Ein gigantischer, organisierter Raubzug der Nationalsozialisten an jüdischen Familien ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Viele Erben suchen noch immer vergeblich nach ihrem Eigentum. Auch eine Familie aus Wiesbaden hofft, ihre verschollene Kunstsammlung wiederzuerlangen, wie eine neue 3Sat-Dokumentation zeigt.
Die Wiesbadener Familie Koch musste damals nach London emigrieren. Ihre beiden Umzugskisten, die eine kostbare Kunstsammlung mit Werken von Emil Nolde, Alexej von Jawlensky und Paul Klee enthielten, kamen dort jedoch nie an. Die Frage, wo das Eigentum der Großeltern geblieben ist, lässt den Erben bis heute keine Ruhe. Zwar gibt es zu einem Gemälde eine konkrete Spur, doch die Suche wird durch zahlreiche Eigentümerwechsel und einen verschlossenen Kunstmarkt erschwert. „Wenn unsere Generation nicht mehr sucht, dann bleibt dieses Kapitel für immer im Dunkeln verschwunden“, befürchtet der Nachfahre.
„Staatlich organisierte Schnäppchenjagd“
Den jüdischen Familien, die aus Nazi-Deutschland fliehen mussten, wurde versprochen, dass sie ihr Hab und Gut mitnehmen könnten. Doch Tausende Umzugskisten, sogenannte Liftvans, wurden von der Gestapo beschlagnahmt und beispielsweise im Hamburger Hafen gelagert. Statt sie den Eigentümern nachzuschicken, wurden die Gegenstände versteigert. Ganze Hausstände kamen unter den Hammer, beworben wurde dies unverhohlen in Zeitungsannoncen als Versteigerung von „Judenkisten“.
Allein in Hamburg brachten diese Auktionen den Nationalsozialisten 7,2 Millionen Reichsmark ein. Der Historiker Frank Bajohr nennt dieses Vorgehen eine staatlich organisierte Schnäppchenjagd. Die geraubten Objekte, darunter wertvolle Kunst, verschwanden in Privatbesitz, Museen und bei Händlern. Die meisten sind bis heute verschollen.
Mühsame Spurensuche nach Gerechtigkeit
Die Forscherin Dr. Kathrin Kleibl hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Verbrechen aufzuklären. In einem Forschungsprojekt, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird, versucht sie, den Weg der geraubten Kunstwerke zu rekonstruieren. Die Filmemacherin Sophia Münder-Führing hat sie dabei über ein Jahr lang begleitet. Kleibls Vorteil bei der Spurensuche: Die Nationalsozialisten dokumentierten das Unrecht akribisch. Tausende Seiten an Versteigerungsprotokollen, Lagerbüchern und Rechnungen wertet die Forscherin aus.
„Aus diesen Puzzleteilen können wir den Weg eines Liftes vom Heimatort bis zu dem Verkauf schlussendlich in Hamburg nachvollziehen“, erklärt Kleibl. Ihr Ziel sei es, die Objekte den Familien zurückzugeben. Die Komplexität ihrer Arbeit zeigt sich auch in der Hamburger Kunsthalle. Das Museum kaufte 1941 selbst acht Gemälde auf einer der Versteigerungen und arbeitet nun mit Kleibl zusammen, um die Bilder den ursprünglichen Eigentümern zuzuordnen.
Die Dokumentation „Das Raubkunst-Puzzle: Suche nach Gerechtigkeit“, das auch das Schicksal der Wiesbadener Familie zeigt, läuft am Sonntag (25. Januar) um 10:15 Uhr auf 3Sat. Im Anschluss ist die Doku auch in der 3Sat-Mediathek zu sehen.