Die alte Hochbrücke am Michelsberg: Schandfleck mit Kultcharakter

Die Hochbrücke an der Schwalbacher Straße erhitzte jahrelang die Wiesbadener Gemüter. 2001 riss die Stadt sie ab - und veränderte damit radikal das Straßenbild.

Die alte Hochbrücke am Michelsberg: Schandfleck mit Kultcharakter

Hässlich, unnütz, eine Millionenschleuder: Die alte Hochbrücke an der Schwalbacher Straße sorgte seit ihrem Bau in den 70ern für viel Unmut in der Wiesbadener Bevölkerung.

Konzipiert als Stadtautobahn stand sie für den absoluten Vorrang des Autoverkehrs: Für den Ausbau riss die Stadt einen ganzen Häuserblock ab. Als mächtige Barriere trennte sie nach ihrem Entstehen die Innenstadt vom Westend. 2001 riss die Stadt das umstrittene Bauwerk wieder ab. „Verkehrszählungen haben damals gezeigt, dass die Brücke nicht notwendig war“, sagt Erika Noack, die sich als Hobbyhistorikerin mit der Wiesbadener Stadtgeschichte beschäftigt. Zudem sei die Brücke baufällig gewesen, sie zu sanieren hätte am Ende mehr gekostet als der Abriss.

![188bda77-b0a2-438f-a21c-f3f2ff4a5f72]

Das Image des Bauwerks hatte sich bis dahin nicht verbessert: Die Hochbrücke sei „Ausdruck einer gigantischen Fehlplanung“, schrieb die FAZ zum Abriss, der Vorsitzende des Vereins Haus & Grund nannte das Bauwerk einen „negativen Triumphbogen.“

![24554d65-5d84-455d-bf0f-8c3a74c170f9]

15 Jahre danach urteilen die Wiesbadener gnädiger über die Hochbrücke: Im Rückblick sprechen ihr einige einen gewissen Kultcharakter zu. Kommentare wie „Die Brücke war doch cool, was habt ihr?“, liest man immer wieder unter Veröffentlichungen von alten Bildern. „Die Brücke stand schon, als ich damals nach Wiesbaden kam. Wenn sowas dann nicht mehr da ist, fühlt es sich komisch an“, findet auch die 68-jährige Renate Kürschner, die seit mehr als 30 Jahren in Wiesbaden lebt. Dennoch erinnert sie sich gerne an den Abriss zurück. „Das war ein richtiges Event. Die Schaufelbagger sind damals ganz langsam die Rampe hochgefahren, während rechts und links Feuerfontänen nach oben schossen.“

Seit dem Spektakel hat sich viel verändert. Auf der Zufahrt zur Brücke kitzelt das Gras einer Verkehrsinsel unter den Füßen, zudem machten die Bagger den Weg frei für ein Bauwerk ganz anderer Art: Wo die Autos auf die Brücke fuhren, stand zuvor die Michelsberg-Synagoge, die 1938 von den Nazis zerstört wurde. Ein Denkmal erinnert dort nun an die Opfer des Holocausts.

Logo