Verdächtiger im Mordfall Lübcke in Wiesbaden kein Unbekannter

Versuchter Mord im Hauptbahnhof, Haft in der JVA: Stefan E., der verdächtigt wird, den ehemaligen Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen zu haben, war auch in Wiesbaden kein Unbekannter.

Verdächtiger im Mordfall Lübcke in Wiesbaden kein Unbekannter

Von den Nachbarn habe niemand etwas gewusst. Ein ruhiger, zurückgezogener Typ soll Stefan E. gewesen sein. Auch durch politische Äußerungen sei er nie aufgefallen. Das erzählt zumindest ein Kasseler Nachbar von E. gegenüber der „Zeit“. Den Behörden war E. aber sehr wohl bekannt. Der Mann, der verdächtigt wird, am 2. Juni den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) in seinem Wohnhaus erschossen zu haben, wurde bereits vor vielen Jahren und mehrfach straffällig. Immer wieder Antrieb seiner Taten: Der Hass gegen Fremde.

Zum ersten Mal trat er in Wiesbaden Ende 1992 im Alter von 19 Jahren strafrechtlich in Erscheinung. Auf der Toilette des Wiesbadener Hauptbahnhofs rammte er einem Mann ein Messer in den Rücken, als dieser gerade an einem Urinal stand. Dann drehte er ihn um und stach erneut zu, erwischte sein Opfer unterhalb der rechten Brustwarze. Der Mann wurde schwer verletzt, überlebte den Angriff nach mehreren Not-Operationen aber.

Vor dem Wiesbadener Landgericht gibt E. später an, das Opfer habe ihn „sexuell angemacht“. Der Richter gibt in seinem Urteil an, dass es für den Angeklagten „besonders belastend“ gewesen sei, dass es sich bei dem Zeugen „erkennbar um einen Ausländer handelte.“

Bombe sollte Asylbewerber töten

Nur gut ein Jahr später fiel E. erneut auf. Dieses Mal wollte er mehr, als nur einen Menschen töten. Vor einem Asylbewerberheim in Hohenstein-Steckenroth, knapp 25 Minuten von Wiesbaden entfernt, sollte eine selbstgebaute Bombe hochgehen. Am Abend vor Weihnachten deponierte er sie in einem Auto vor dem Heim. Da dieses aber schon vor der eigentlichen Zündung Feuer fing, sorgte das ansonsten unauffällige Auto für Aufsehen. Letztendlich waren es die Bewohner selbst, die den Brand löschen konnten und damit dem Unheil entgingen.

Die Tat konnte Stefan E. nachgewiesen werden und er kam in Untersuchungshaft. Dort wütete er weiter, schlug mit einem eisernen Stuhlbein auf einen ausländischen Mithäftling ein, der mehrere Platzwunden davontrug. Aus der Haft schrieb E. auch einen Leserbrief an die rechtsextreme Zeitschrift „Nation und Europa“. Darin lobte er das Blatt, das unter anderem von ehemaligen SS- und SA-Leuten gegründet wurde.

Warum Lübcke?

Dem Verdächtigen werden außerdem Verbindungen in Neonazi-Kreise nachgewiesen, unter anderem hatte er Bekannte in der hessischen „Combat-18“-Gruppe, einer neonazistisch-terroristischen Organisation. Auch der hessische Verfassungsschutz soll schon länger von der extremen Gewaltbereitschaft Es gewusst haben. Dass diese Gewaltbereitschaft Lübcke traf, ist kein Zufalle.

Der ehemalige Regierungspräsident Lübcke erhielt schon seit 2015 Morddrohungen. Er hatte sich klar gegen Asylgegner gestellt, die bei einer Veranstaltung im Oktober 2015 gegen ein Flüchtlingsheim demonstrierten und immer wieder mit Zwischenrufen auffielen. Lübcke entgegnete ihnen, dass ein Zusammenleben in Deutschland auf christlichen Werten beruhe. „Wer diese Werte nicht vertritt, kann das Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist“, sagte er. (nl)

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