Auch Wiesbadener Kleingarten-Siedlung offenbar mit Schadstoffen verseucht

Kleingärtner sollen vorerst kein Obst und Gemüse mehr anbauen

Auch Wiesbadener Kleingarten-Siedlung offenbar mit Schadstoffen verseucht

Giftige Chemikalien hat das Umweltamt der Stadt jetzt auch im Boden und Grundwasser einer Kleingartenanlage im Stadtteil Erbenheim entdeckt. Das geht aus Recherchen des Politikmagazins „defacto“ des Hessischen Rundfunks (hr) hervor. Erst im Februar war bekannt geworden, dass das Gelände der Erbenheimer US-Airbase sowie Teile der angrenzenden Umgebung offenbar seit mehreren Jahren mit Schadstoffen aus per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) verseucht sind.

Die betroffene Kleingartenanlage grenzt im Norden direkt an die Airbase. Die Schadstoff-Belastung in der Kleingartenanlage sei bisher nur in einer Parzelle gemessen worden, so das hr-Magazin. Auf Anfrage des Senders teilte das Regierungspräsidium Darmstadt mit, dass Boden und Grundwasser nun auch in den weiteren Kleingärten genauer untersucht werden sollen. An die Pächter der Kleingärten wandte sich das Wiesbadener Umweltamt per Post - mit der Empfehlung, „aus Gründen der Gesundheitsvorsorge“ vorerst kein Obst und Gemüse mehr anzubauen und kein Brunnenwasser zu verwenden.

Kowol vermutet zweite Schadstoff-Quelle

Die giftigen Schadstoffe stammen wahrscheinlich vom Löschschaum, der seit den Siebzigerjahren auf der Airbase auf einem Löschübungsplatz der Feuerwehr eingesetzt wurde. Im Fall der Erbenheimer Kleingartenanlage äußerte der Wiesbadener Umweltdezernent Andreas Kowol (Grüne) allerdings gegenüber dem hr-Magazin die Vermutung, dass es eine zweite Schadstoffquelle geben könnte. Die Parzellen lägen entgegen der Fließrichtung des Grundwassers. „Wir haben die Amerikaner ausdrücklich gebeten, zu recherchieren, ob es irgendwelche Brandvorfälle gab, wo dann Löschschaum eingesetzt worden ist, vielleicht auch sehr große Mengen Löschschaum“, so Kowol gegenüber „defacto“.

Für die besagten Chemikalien gibt es bislang keine konkreten gesetzlichen Grenzwerte. Das Umweltbundesamt gibt aber für einzelne, besonders giftige PFC-Stoffe, wie PFOS oder PFHxS, einen empfohlenen Leitwert für Grundwasser von 0,1 Mikrogramm pro Liter. In der Kleingartenanlage wurden im Brunnenwasser 0,71 Mikrogramm PFHxS pro Liter gemessen, im Boden 2,8 Mikrogramm PFOS pro Kilo. Hundertfach überschritten werden die Leitwerte auf dem Militärgelände selbst. Laut US Army ist das Grundwasser in der Spitze mit 104 Mikrogramm je Liter mit PFC belastet. Nach Angaben der US Army trat erstmals im Jahre 2009 ein PFC-Verdacht auf dem Gelände auf.

Die Internationale Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation stuft PFC als „möglicherweise krebserregend“ ein. PFC sind Stoffe, die von der Industrie besonders wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften geschätzt werden. Die Chemikalien tauchen unter anderem in Kaffeebechern, Sofabezügen, Outdoor-Kleidung und in Backpapier auf — und besonders zahlreich in älteren Löschschäumen von Feuerwehren.

Das hr-Magazin „defacto“ wird am Montag, den 4. Mai, um 20:15 Uhr im hr-Fernsehen ausgestrahlt. Dort wird auch der Beitrag über die erneuten Schadstoff-Funde in Erbenheim zu sehen sein. (ms)

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