Messerstecherei-Prozess: So begründet das Gericht die Urteile

Im Prozess um eine Messerstecherei im Juni 2017 sind am Donnerstag die Urteile gesprochen worden. Wegen Totschlags wird Benedict S. zu 11 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt, die beteiligten Max S. und Luca D. bekommen Bewährungsstrafen.

Messerstecherei-Prozess: So begründet das Gericht die Urteile

11 Minuten - So lange dauerte laut Richter Jürgen Bonk eine Messerstecherei in der Wiesbadener Fußgängerzone am 11. Juni 2017, an deren Ende ein 19-Jähriger tot und zwei seiner Freunde schwer verletzt waren. Als Beschuldigte vor dem Wiesbadener Landgericht angeklagt waren der 25-jährige Student Benedict S. aus Niedernhausen sowie seine zwei Freunde Max S. und Luca D. Am Donnerstag wurden die Urteile verkündet. Benedict S. muss wegen Totschlags für 11 Jahre und 3 Monate ins Gefängnis, Max S. und Luca D. kommen mit Bewährungsstrafen von 1 Jahr und 9 Monaten sowie 1 Jahr und 5 Monaten davon.

Streit nach dem Wilhemstraßenfest

Die Vorgeschichte zu den 11 Minuten beginnt an einem Abend im Sommer 2017: Es ist der Samstag des Wiesbadener Wilhelmstraßenfests. Die drei Freunde Benedict, Max und Luca feiern mit viel Alkohol auf dem Fest bis in die späte Nacht. Die Feier geht nachts noch in einer Kneipe in der Altstadt weiter, als sich Max gegen drei Uhr von seinen Freunden verabschiedet und den Heimweg durch die Fußgängerzone antritt. Auf dem Weg trifft er auf eine Gruppe junger Männer um das spätere Opfer Marlon H. Wegen einer geforderten Zigarette soll es zu einem Streit gekommen sein, wie Max in seiner Aussage berichtet. Er fühlt sich durch die Gruppe bedroht und ruft seine Freunde Benedict und Luca herbei, um die Situation „zu klären.“

Doch geklärt wird die Situation vor dem Karstadt nicht, immer wieder fallen provozierende Worte aus der Dreiergruppe gegen ihre zahlenmäßig überlegenen Gegenüber. In ihrem Plädoyer hatte die Verteidigung von einer Notwehrsituation gesprochen, in der sich die drei befunden hätten. Dafür gebe es jedoch keinerlei Anhaltspunkte, wie Richter Bonk in seiner Urteilsbegründung erklärt. Max S. habe die Konfrontation bewusst eskalieren lassen, als er ein Cocktailglas auf die Gruppe schmiss. Benedict S. hatte zu diesem Zeitpunkt schon sein Klappmesser gezückt und in der Hand. Wie er meint, für alle sichtbar und um die Gruppe zurückzuhalten. Das Gericht folgte hier aber den Ausführungen der Opfer und Zeugen, die das Messer zuvor nicht gesehen hatten.

In dem Streit sticht Benedict S. dann insgesamt drei mal zu. Zuerst wird Erin G. im Bauch getroffen, anschließend Georg S., der mit einen tiefen Schnitt im Bauch zu Boden geht. „Stopp, ich blute, ich sterbe“, rief er in seiner Verzweiflung. Danach stürmt Benedict auf den acht Meter entfernten Marlon H. zu, und trifft ihn mit seinem Messer direkt ins Herz. Er stirbt noch am Tatort.

Benedict hatte in seiner Aussage davon gesprochen, dass er in Panik um sich gestochen habe, um sich zu wehren. Für das Gericht seien diese Aussagen jedoch nicht glaubwürdig. Durch die gezielte Ausführungen der Verletzungen sei eine klare Tötungsabsicht erkennbar gewesen, erläutert Bonk. Und auch das Verhalten der drei nach der Tat spreche nicht für eine Notwehrsituation, sondern werfe viele Fragen auf.

Wieso flüchteten die drei nach der Tat, anstatt zu dem nur wenige Meter entfernten Polizeirevier zu gehen? Wieso warf Benedict die Tatwaffe unterwegs in einen Mülleimer? Warum verabredeten sich die drei jungen Männer am Morgen nach der Tat mit den Worten „Alles unter uns“ per WhatsApp-Nachricht zum Stillschweigen? Wieso löschten sie wenigen Stunden nach der Tat ihre Kontakte auf dem Handy, oder zerstörten die Geräte sogar? Diese ungelösten Fragen und die glaubwürdigen Aussagen der Zeugen und Opfer bewegten das Gericht schließlich dazu, die drei für die Tat zu verurteilen.

11 Minuten, die vieles veränderten

Was bleibt, sind 11 Minuten, die vieles verändert haben. Sie haben die Stadt Wiesbaden verändert, denn seit der Tat fühlen sich viele Bürger auf dem Mauritiusplatz nicht mehr wohl. Um dem entgegen zu wirken, plant die Stadt inzwischen sogar ein Waffenverbot in der Fußgängerzone. Sie haben die drei Angeklagten verändert, die nun damit Leben müssen, dass wegen eines kleinen Streits um eine Zigarette ein 19-Jähriger tot ist. Vor allem aber veränderten sie das Leben der Opfer, wie Georg S., der bis heute nicht nur an den körperlichen Folgen der Tat leidet. Er zog sich vollständig zurück, brach Kontakte zu Freunden und seiner Freundin ab und verlor seinen Ausbildungsplatz.

Und auch für die Mutter von Marlon H. hat sich alles durch diese 11 Minuten verändert. Während der Urteilsverkündung bricht sie immer wieder in Tränen aus, kann die Situation kaum ertragen. Es scheint für sie bis heute unbegreiflich zu sein, wieso ihr erst 19-jähriger Sohn so plötzlich sterben musste.

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