Finden Wiesbadener Mütter bald keine Hebammen mehr?

Seit August kümmert sich eine Gruppe Hebammen darum, Frauen zu versorgen, die keine Hebamme gefunden haben. Jetzt steht das Projekt auf der Kippe. Warum sollte es weiterbestehen?

Finden Wiesbadener Mütter bald keine Hebammen mehr?

Als Sara* im September ihr drittes Kind bekam, war ihr nicht bewusst, wie schlimm es um sie selbst bestellt war. Als sie nach der Geburt ihres Babys nach Hause kam, klagte sie eigentlich nur über Kopfschmerzen und Wassereinlagerungen in Beinen und Händen. Größere Sorgen machte sie sich um ihr Kind, bei dem sich eine Gelbsucht entwickelt hatte. In dieser Zeit, kurz nach der Entbindung, steht Frauen eigentlich eine Hebamme zur Seite, die in solchen Fällen beraten und aufklären kann.

Sara hatte während ihrer Schwangerschaft aber einfach keine gefunden. Für solche und ähnliche Fälle gibt es in Wiesbaden seit August 2018 eine Telefonnummer. Über eine Servicestelle sorgen Hebammen dafür, dass auch Frauen, die keine Hebamme für das Wochenbett finden, versorgt werden. Sara erreichte dort jemanden — und hatte Glück.

„Anika Spahn hat mich gerettet.“ - Sara, Mutter

„Anika Spahn hat mich gerettet“, sagt sie. Anika ist Hebamme und gleichzeitig Kreissprecherin der Hebammen in Wiesbaden. Sie schaufelte sich Zeit frei und wurde Sara über die Servicestelle vermittelt, um sie nach der Geburt zu betreuen. Dabei fiel ihr auf: Sara hatte extrem hohen Blutdruck. Daraufhin ließ sie sie in ein Krankenhaus einweisen, wo ihr die Ärzte eine schlimme Diagnose stellten: „Ich hatte eine Schwangerschaftsvergiftung“, erinnert sich Sara. Wäre sie nicht in ein Krankenhaus gegangen, hätte sie im schlimmsten Fall sterben können. „Manchmal ist unsere Servicestelle eben auch wirklich lebenswichtig“, stellt Anika Spahn fest.

Denn das Projekt „Wiesbadener Hebammen“ begleitet Frauen ohne Hebamme in den ersten zwei Wochen nach der Geburt zuhause und gibt ihnen die Möglichkeit, bis Ende der Stillzeit Hebammentätigkeiten in Anspruch zu nehmen. Hebammen, die freiwillig bei dem Projekt mitmachen, tragen dafür ihre freien Termine in einen virtuellen Kalender ein und teilen sich dann die Besuche bei den Frauen auf. So wird eine Frau nicht wie üblich von nur einer Hebamme besucht, sondern von mehreren. Die Hebammen informieren sich dann gegenseitig über den Gesundheitszustand von Frau und Kind. Außerdem gibt es vier Tage pro Woche offene Sprechstunden. Auf der Website, auf der auch die Nummer der Servicestelle steht, finden Familien zudem Informationen rund um Schwangerschaft und Versorgung.

Idee aus der Not geboren

Entstanden ist die Idee aus einer Unterversorgung heraus. Nicht immer sind es so dramatische Fälle wie die von Sara, die auf die Servicestelle angewiesen sind. Viele Frauen rufen während ihrer Schwangerschaft 30 Hebammen an, sprechen auf Tonbänder, finden aber einfach niemanden, der sie bei Fragen rund um die Schwangerschaft unterstützen kann. „Ich musste so vielen Frauen absagen und wusste dabei, dass sie es auch sonst schwer haben würden, eine Hebamme zu finden“, sagt Judith Jeron, ebenfalls Kreissprecherin. „Das hat mir das Herz zerrissen.“ Weil Hebammen einer hohen Arbeitsbelastung bei geringer Bezahlung ausgesetzt seien, würden viele ihren Job aufgeben. Das Resultat: Wer eine Hebamme braucht, sollte so früh wie möglich anfangen, zu suchen und wird selbst dann oft abgewiesen werden.

„Ein Problem ist schnell gelöst, bevor es überhaupt größer werden kann.“ - Katja König, Hebamme

„Viele Frauen wissen auch einfach gar nicht, dass es so wenige Hebammen gibt und kümmern sich viel zu spät darum“, erklärt Hebamme Katja König, die viele Hausbesuche übernimmt. Typische Patientinnen der Servicestelle seien aber auch Frauen, die die Sprache nicht richtig können, oder in deren Kulturen es keine Hebammen gibt. „Oftmals helfen wir dann auch einfach bei bürokratischen oder sprachlichen Hürden, und ein Problem ist schnell gelöst, bevor es überhaupt größer werden kann.“ Hebammen geben Sicherheit, bestärken die Frauen und helfen ihnen dabei, eigene Ressourcen zu aktivieren, ergänzt Judith Jeron.

Projekt steht auf der Kippe

Drei Jahre hat eine Gruppe aus Hebammen dafür gebraucht, das bundesweit einmalige Konzept auf die Beine zu stellen. Unterstützt wurden sie dabei auch von der Frauenbeauftragten der Stadt Wiesbaden, Saskia Veit-Prang. Jetzt, wo es so gut läuft, steht die Servicestelle aber auf der Kippe. „Wir haben hart dafür gekämpft, das Projekt finanziert zu bekommen“, sagt Veit-Prang. „Für die Pilotphase haben wir Geld bekommen, das aber nur noch höchstens bis Herbst ausreichen wird.“ Mit dem Geld werden der zusätzliche Arbeitsaufwand der Hebammen, die Website und vor allem die Servicekraft, die die Anrufe und Mails koordiniert, bezahlt. Sollte das Geld ausgehen, muss die Servicestelle aufgelöst werden.

Um das zu verhindern, wollen die Hebammen am 4. Mai vor das Rathaus gehen, um dem Magistrat zu zeigen, dass die Stadt die Servicestelle braucht. Konkret fordern sie, dass das Projekt mit in den Doppelhaushalt aufgenommen wird, sodass es auch weiterhin finanziert werden kann. Dafür hoffen sie auf die Unterstützung der Wiesbadener. „Wir müssen laut sein, damit es auch jeder versteht“, sagt Veit-Prang. „Wenn nur die Hebammen und ich dort stehen, wird man uns nicht zuhören, wir brauchen die Familien.“

„Auch wenn ich schon drei Kinder habe, eine Hebamme weiß einfach, wenn was nicht stimmt und man ist nicht allein.“ - Sara, Mutter

Sara, die dreifache Mutter, ist jedenfalls sehr dankbar, dass es die Servicestelle gibt. Zehn Tage lang musste sie nach der Entbindung im Krankenhaus verbringen. Jetzt geht es ihr wieder gut. Noch ein halbes Jahr lang besuchte sie die Sprechstunde von Anika Spahn, um sich Rat zu holen, den Rest schafft sie jetzt allein. „Auch wenn ich schon drei Kinder habe, eine Hebamme weiß einfach, wenn was nicht stimmt und man ist nicht allein.“ (ts/lp)

*Name von der Redaktion geändert

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