Anwohner kämpfen gegen Plan für neue Verkehrsführung in der Stiftstraße

Die Stiftstraße in der Innenstadt ist keine Einbahnstraße mehr. Die Anwohner sind sauer und sehen nur Nachteile in der neuen Regelung. Mit einer Unterschriftenliste wollen sie die alte Verkehrsführung zurückzugewinnen.

Anwohner kämpfen gegen Plan für neue Verkehrsführung in der Stiftstraße

Bis vor Kurzem war die Stiftstraße in der Wiesbadener Innenstadt noch eine Einbahnstraße. Und das war auch gut so — zumindest für die Anwohner, die bislang auf beiden Straßenseiten parken konnten und ihre Ruhe hatten, weil die Verkehrslage relativ ruhig war. Doch die Einbahnstraßenschilder sind weg, die Stiftstraße ist jetzt in beide Richtungen befahrbar und auf der einen Seite fallen damit auch die Parkplätze weg. Den Anwohnern der Stiftstraße gefällt das überhaupt nicht. Merkurist-Leser Sven hat daher eine Unterschriftenaktion gestartet, um die alte Verkehrsführung zurückzugewinnen.

Liste liegt im Blumenladen aus

„Wir sammeln Unterschriften für die Beibehaltung der alten Verkehrsführung, da die neue Entscheidung nur Nachteile bringt“, erklärt Anwohner Sven. Die Liste liege im Blumenladen „Blumen Bruchmann“ in der Stiftstraße 14 aus. So richtig verstehen, warum die Stiftstraße jetzt in beide Richtungen befahrbar sein soll, kann sowieso niemand. Das Verkehrsdezernat der Stadt Wiesbaden begründet die neue Regelung so: „Aufgrund der bisherigen Aufteilung der Verkehrsfläche war die Stiftstraße zu eng für den Autoverkehr in eine Richtung und den Radverkehr in beide Richtungen“, erklärt ein Sprecher. Die Straße sei deshalb ab sofort in beide Richtungen befahrbar. „Dazu wurde auf einer Seite der Straße ein absolutes Halteverbot eingeführt, um ausreichend Verkehrsfläche zu gewährleisten.“

Verkehr könnte deutlich zunehmen

„Es entsteht ein Schleichweg für die Pendler aus dem Taunus.“ - Sven Schlosser, Anwohner

Sven, der die Unterschriftenaktion initiiert hat, bezweifelt, dass es der Stadt Wiesbaden um den Radverkehr geht. Dazu finde sich keine Aussage in der amtlichen Begründung. „Der Begegnungsverkehr soll verhindern, dass zu schnell gefahren wird“, sagt Sven. Er fürchtet, dass der Verkehr in der Stift-, Keller und Müllerstraße durch die neue Regelung deutlich zunehmen wird, „da ein Schleichweg für die Pendler aus dem Taunus entsteht.“

Auch die Engpasssituation in der Stiftstraße werde mit dieser Maßnahme nicht entschärft, sondern verstärkt, glaubt Sven. Die Warenanlieferung des Nettomarktes mit großen LKW erzeuge schon jetzt häufige Probleme für den Durchgangsverkehr. „Die Kreuzung Kellerstraße/Stiftstraße wird damit im täglichen Berufsverkehr zum Nadelöhr werden.“

Wegfall von Parkplätzen

Das Hauptproblem sei jedoch, dass durch die neue Regelung mindestens 25 Parkplätze für die Anwohner wegfallen. „Die Parkplätze werden dringend gebraucht, wenn ihr es mit der Reinhaltung der Luft wirklich ernst meint“, appelliert Merkurist-Leser Jens an die Stadt. „Zwingt nicht die Anwohner, die jetzt schon unter Parkplatzmangel leiden, noch mehr rumzukurven.“ Damit fällt für die gesamte Wiesbadener Innenstadt weiterer Parkraum weg. Schon vor wenigen Wochen seien in der Wilhelminenstraße unnötig viele Parkplätze weggefallen, ist Leser Andrew aufgefallen.

Neben den Parkplätzen für Anwohner fallen, meint Sven, auch die Halte- und Parkmöglichkeiten für die Gewerbetreibenden — wie beispielsweise den Getränkemarkt an der Ecke weg. „Der Getränkemarkt ist darauf angewiesen, dass man davor parken kann“, sagt Sven. „Das könnte das Aus bedeuten.“

Steigerung der Unfallgefahr

„Im Zweifel wird dann mal rasant auf den Bürgersteig ausgewichen.“ - Sven Schlosser, Anwohner

Und noch einen weiteren Nachteil sehen Sven und die anderen Anwohner: die Steigerung der Unfallgefahr. Der künftige Begegnungsverkehr dürfte aufgrund der geringen Fahrbahnbreite und der Geschwindigkeit eine Herausforderung werden, da auf beiden Seiten nur circa 40 Zentimeter Spielraum sei. „Im Zweifel wird dann mal rasant auf den Bürgersteig ausgewichen“, sagt Sven. Außerdem fürchte er als Radfahrer gefährliche Überholmanöver von Autofahrern. „Und die sehr unübersichtliche Einmündung der Stiftstraße in die Röderstraße stellt eine zusätzliche Gefahr dar.“

Sven und viele andere Anwohner sehen nur Nachteile in der neuen Regelung. „Wir haben schon über 100 Unterschriften gesammelt“, sagt Sven. Vor allem aber fühlen er und die anderen sich hintergangen, weil weder das Verkehrsdezernat noch der Ortsbeirat die Anwohner über die Maßnahme informiert hätten. „Erst auf meine Anfrage beim Verkehrsamt wurde eine offizielle Begründung genannt.“

Termin am Donnerstag

„Die Engpasssituation ließe sich viel einfacher entschärfen, wenn auf der einen Seite die Autos mit einem Rad auf dem Bürgersteig parken müssten“ - Sven Schlosser, Anwohner

Schade, meint Sven. Denn er hätte eine Alternatividee: „Die Engpasssituation ließe sich viel einfacher entschärfen, wenn in der Stiftstraße auf einer Seite die Autos mit einem Rad auf dem Bürgersteig parken müssten“, erklärt er. „Mit entsprechenden Markierungen auf der Straße könne eine ausreichende Fahrbahnbreite sichergestellt werden“. Wer falsch parkt, könne dann konsequent abgeschleppt werden. Derzeit ist das noch nicht der Fall, obwohl sich niemand an das Parkverbot zu halten scheint. Warum? „Weil die Änderung noch nicht kommuniziert wurde“, sagt Sven. „Noch nicht einmal die Stadtpolizei wusste Bescheid.“

Ob die neue Verkehrsführung aber die richtige Lösung ist, darüber will das Verkehrsdezernat allerdings noch mal beraten, teilt ein Sprecher des Verkehrsdezernates mit. Bei einem Termin mit dem Verkehrsdezernenten Andreas Kowol (Grüne) und Mitgliedern des Ortsbeirates und den zuständigen Fachämtern soll „die aktuelle Lösung kritisch überprüft werden“. Schon am kommenden Donnerstag könnte der Termin stattfinden. Ob auch die Unterschriftenaktion der Anwohner Einfluss darauf haben wird, ist derzeit noch unklar. (nl)

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