Illegale Mountainbike-Strecken sorgen für Probleme im Wiesbadener Stadtwald

Einige Mountainbikefahrer nutzen nicht etwa die für Radfahrer ausgewiesenen Strecken im Wald, sondern schaffen sich neue. Das führt zu Problemen für Flora und Fauna. Gibt es eine Lösung, die sowohl Radfahrern als auch der Natur zu Gute kommen würde?

Illegale Mountainbike-Strecken sorgen für Probleme im Wiesbadener Stadtwald

Von Jahr zu Jahr schwingen sich immer mehr Leute auf das Mountainbike. Besonders gut beobachten konnte man diese Entwicklung in den vergangenen Monaten auch im Wiesbadener Stadtwald. Wohl aufgrund der Corona-Beschränkungen und den dadurch eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten sah man besonders häufig Mountainbiker durch die Wälder fahren. Allerdings nutzten dabei nicht alle von ihnen die ausgeschilderten Wege.

Mehr Biker illegal im Wald unterwegs

„Leider haben dabei aber auch illegale Befahrungen mit dem Bike ebenfalls spürbar zugenommen.“ - Ralf Bördner, Forstamt Wiesbaden

„Seit der Corona-Krise erfreut sich der Aufenthalt im Wald einer von unserer Seite sehr begrüßten deutlich größeren Beliebtheit. Leider haben dabei aber auch illegale Befahrungen mit dem Bike ebenfalls spürbar zugenommen“, sagt Ralf Bördner, Leiter des Wiesbadener Forstamts. Anstatt auf den Fahrradwegen zu fahren, suchen sich die Radfahrer andere, meist anspruchsvollere Wege durch den Wald. Dabei setzen sie sich nicht nur selbst einer Gefahr aus, wie immer wieder und zuletzt am Kellerskopf zu beobachten war, wo ein Mountainbiker im April nach einem Sturz schwer verletzt wurde.

Auch andere Waldnutzer, aber vor allem Tiere und Pflanzen leiden unter den Rädern der Biker. „Die Biker merken dabei gar nicht, dass sie links und rechts ihrer Fahrstrecken Tiere und Lebewesen des Waldes in ihren Rückzugsarealen bei der notwendigen Ruhe, Jungtieraufzucht oder auch einfachen notwendigen Nahrungsaufnahme nennenswert stören“, erklärt Bördner das Problem.

„Durch das Querfeldeinfahren im Wald abseits ausgewiesener Wege werden die noch verbliebenen einigermaßen ruhigen Rückzugsräume für Wildtiere beeinträchtigt.“ - Karsten Sporleder, BUND

Auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Wiesbaden sind die Biker ein Thema. „Durch das Querfeldeinfahren im Wald abseits ausgewiesener Wege werden die noch verbliebenen einigermaßen ruhigen Rückzugsräume für Wildtiere beeinträchtigt - darunter leiden störungsanfällige Tierarten wie z.B. die Wildkatze“, so der stellvertretende Vorsitzende Karsten Sporleder. Illegal angelegte „Trails“ — also Wege — würden außerdem den Waldboden verdichten und die Vegetation schädigen.

Gibt es eine Lösung?

Das Problem ist kein neues und schon lange bekannt — doch wie lässt es sich lösen? Darüber wurde erst kürzlich wieder im Ausschuss für Freizeit und Sport diskutiert. In einem Antrag sprach die Rathaus-Fraktion von Bündnis 90/Grüne das Thema an. Sie forderte, dass der Magistrat Auskunft darüber gibt, wie viele illegale Strecken es seit Anfang 2020 gibt, welche Schäden und Unfälle entstanden sind und ob es Kontrollen gab.

Außerdem fordern die Politiker, dass die Stadt gemeinsam mit Nachbarkommunen und verschiedenen Interessensvertretern ein Konzept für ein vielfältiges Rad- und Wanderwegnetz entwickelt, das sowohl den sportlichen Waldnutzern als auch dem Naturschutz gerecht wird. Bei dem Prozess soll die Öffentlichkeit mit eingebunden werden — auch, um ein Problembewusstsein zu schaffen.

Als Vorbild für ein solches Wegenetz nennt die Fraktion den Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald. Bereits vor rund 10 Jahren wurde dort damit begonnen, ein umfangreiches Mountainbike-Streckennetz aufzubauen. Mittlerweile gibt es dort über 40 Routen quer durch die Wälder verteilt mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, verschiedenen Trails und genauer Beschilderung.

„Gravity Trail Schläferskopf“ konnte Problem nicht beseitigen

Eine Idee in kleinerer Dimension gab es bereits vor rund vier Jahren in Wiesbaden. 2016 wurde der „Gravity Trail Schläferskopf“ eröffnet — eine Mountainbike-Strecke in den Wäldern des Taunus, oberhalb von Wiesbaden. Die Hoffnung war damals, dass die legale Strecke dafür sorgt, dass weniger illegale Trails im Wald entstehen. Geklappt hat das nicht.

„Der Trail am Schläferskopf hat vor allem zwei Probleme.“ - Wolfgang Hauck, Radsportclub Wiesbaden

„Der Trail am Schläferskopf hat vor allem zwei Probleme“, meint Wolfgang Hauck, Vorsitzender des Radsportclubs Wiesbaden e.V. (RSC), der vor allem junge Leute zum Radfahren animieren will und sie für Wettkämpfe trainiert. „Er ist erstmal relativ weit weg von der Stadt, man muss also schon einen guten Weg zurücklegen, um überhaupt dort loslegen zu können. Zum anderen richtet er sich an absolute Spezialisten.“ Die Wege dort seien sehr ambitioniert und vor allem für junge, weniger erfahrene Fahrer oft nicht zu schaffen. Diese nutzten stattdessen meist lieber Flowtrails — also Strecken mit Kurven und Wellen durch den Wald hindurch, die möglichst durchgängig befahren werden können.

Idee eines Wegenetzes trifft auf Zustimmung

„Ich finde, man sollte sich der Sache nicht einfach verschließen, weil es am Schläferskopf nicht geklappt hat.“ - Wolfgang Hauck

Hauck selbst findet, man sollte illegale Trails, die schon lange im Wald sind, nicht zulegen, da dann außenrum erfahrungsgemäß neue entstehen würden, die wiederum noch mehr kaputt machen würden. Auch die Idee der Grünen, alle Interessensvertreter noch einmal an einen Tisch zu setzen, um ein Wegenetz ähnlich dem im Odenwald zu planen, findet er gut. „Ich finde, man sollte sich der Sache nicht einfach verschließen, weil es am Schläferskopf nicht geklappt hat.“

Der BUND sieht das genauso. Dabei müsse man aber beachten, dass keine weiteren Waldlebensräume zerschnitten werden und der Naturschutz im Vordergrund stehe, so Vorstand Karsten Sporleder.

Forstamt bleibt skeptisch

„Das Problem kann eigentlich nur durch Einsicht der unseren Wald Nutzenden gelöst werden.“ - Ralf Bördner, Forstamt

Ralf Bördner, Leiter des Forstamts, bleibt hingegen skeptisch: „Ich denke nicht, dass vermehrte legitimierte Strecken die Lösung sind.“ Die offizielle Strecke am Schläferskopf habe das Problem nicht verbessert, außerdem gebe es andere Möglichkeiten. „Wir haben im Wiesbadener Bereich weit überdurchschnittlich viele Waldwege. Der Wald bietet also unzählige Möglichkeiten legitim zu biken. Es bedarf keiner rücksichtslosen Illegalität“, so Bördner.

Weil es für das Forstamt nicht möglich sei, den Wald rund um die Uhr zu überwachen, helfe nur eines: „Das Problem kann eigentlich nur durch Einsicht der unseren Wald Nutzenden gelöst werden. Einsicht und Akzeptanz, gepaart mit Rücksicht auf unser aller Lebensraum, sind gefragt und nötig.“

Magistrat soll jetzt Konzept entwickeln

Das letzte Wort zu dem Thema ist allerdings noch nicht gefallen. Der Antrag der Grünen-Fraktion im Ausschuss wurde mit einem Zusatz angenommen. Der Magistrat soll demnach jetzt nicht nur gemeinsam mit anderen Akteuren ein Konzept für ein Wegenetz vorlegen, sondern soll auch prüfen, ob die Forstbeamten zukünftig durch Stadtpolizisten auf E-Bikes bei der Überwachung der Regeln im Stadtwald unterstützt werden könnten. (ab)

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