(dpa) - Durch das Hafenbecken in Wiesbaden-Schierstein rattert ein Boot. Für Beobachter unsichtbar entfernt es unter Wasser mit einem Schneidwerk Pflanzen vom Grund. Ein zweites Boot mit einem Fangkorb am Bug dreht Runden, fischt massenhaft triefende, tiefgrüne Pflanzenreste aus dem Wasser und legt sie auf einem Steg ab. Ein paar Meter weiter ziehen Ehrenamtliche mit Mistgabeln und Rechen Pflanzen aus dem Wasser, schaffen sie mit Schubkarren zu einem Container.
Unter Federführung des Wiesbadener Yachtclubs und unter Beteiligung benachbarter Vereine läuft eine mehrtägige Aktion, bei der die sogenannte Wasserpest gemäht und beseitigt wird, eine besonders in diesem Jahr in Seitenarmen von Gewässern oder in Hafenbecken mit wenig Strömung geradezu explodierende Wasserpflanze, die Probleme bereitet.
Wuchert bis zu zweieinhalb Meter lang
Das Bild ist an mehreren Orten in Hessen und in Rheinland-Pfalz das gleiche, die Wasserpest wuchert bis zu zweieinhalb Meter lang vom Grund bis an die Wasseroberfläche. Sie kann sich in Bootsschrauben verfangen, sich um Paddel oder Ruder legen. Beim Wiesbadener Yachtclub kennt man das zwar schon seit Jahren, wie das für Umwelt zuständige Vorstandsmitglied Andreas Kummer erzählt. Doch diesmal sei es extrem. Bereits Anfang Juni sei gemäht worden, nun sei das erneut nötig. Sonst wäre kein Trainingsbetrieb mehr möglich.
Es geht vor allem um die Kanadische Wasserpest (Elodea canadensis) sowie die Schmalblättrige Wasserpest (Elodea nuttallii). Beide wachsen unter den richtigen Bedingungen sehr schnell. Die Beseitigung ist eine regelrechte Sisyphusarbeit. Aber anders gehe es nicht, sagt Kummer.
Vom benachbarten Ruderverein heißt es, wegen des starken Bewuchses sei es schwieriger, Ruder ins Wasser zu bekommen oder herauszuziehen. Die Folge seien mehr Kenterungen bei Anfängerkursen.
«Zentnerweise» Wasserpest herausgeholt
Noch nie sei der Bewuchs so stark gewesen, noch nie habe er so weit in das Hafenbecken hineingereicht, berichtet Stefan Hausmann, Vorstandsmitglied beim Wassersport-Verein Schierstein. Regatten, ein Bootskorso und mehr seien abgesagt worden, Wettkämpfe unter den Bedingungen nicht möglich, weil der Bewuchs auf den einzelnen Bahnen unterschiedlich stark sei, die Leistungen damit nicht vergleichbar.
Ähnlich sieht es rheinaufwärts auf rheinland-pfälzischer Seite für Vereine im Landschaftsschutzgebiet Kief in Ludwigshafen aus. Und Vereine aus dem Hafen Germersheim hätten «zentnerweise» Wasserpest aus dem Wasser geholt, erzählt Gisbert König, Präsident des Landesverbandes Motorsport Rheinland-Pfalz, zu dem knapp 60 Vereine gehören. In dem Hafen trainiert die Verbandsjugend, auch das war kaum noch möglich.
Arbeit mit Mähboot oder Egge
Weil das Wasser in dem Hafen tiefer ist als in anderen Bereichen, könne hier nicht mit einem Mähboot gearbeitet werden, sagt König. Stattdessen wird der Bewuchs mit einer Egge am Grund abgerissen - ebenfalls ein mühsames Unterfangen. Der Segel- und Motoryacht-Club Koblenz an der Mosel spricht gleichermaßen von «reichlich Wasserpest-Pflanzen». Hier ist das Ganze demnach aber noch zu beherrschen.
Wenn in Wasserbereichen mit wenig Strömung der Wasserstand niedrig ist, wie derzeit im Schiersteiner Hafen, dringt Licht bis auf den Grund, das befeuert das Wachstum der Pflanzen. Und hier spült nur wenige Meter vom Bootshaus des Yachtclubs entfernt der in das Hafenbecken mündende Lindenbach reichlich Nährstoffe ein, wie Wolfgang Demmer erklärt, der beim Yachtclub für das Bootshaus zuständig ist.
An Tonnen bilden sich lange Zöpfe
In Zonen mit geringer Strömung sammelten sich oft feinere Bodensubstrate, erklärt das Landesamt für Umwelt (LfU) Rheinland-Pfalz in Mainz. Die würden bevorzugt von Elodea besiedelt, bis hin zu «Massenentwicklungen». Auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Rhein sieht in diesem Jahr ein größeres Wachstum. Für Fahrrinnen und die Großschifffahrt sei sie zwar kein Problem, sagt die Behörde in Bingen. Zu Mehraufwand führt das Grün aber auch hier. An Verankerungsketten von Tonnen sammeln sich laut WSA abgetriebene Wasserpflanzen und bilden Zöpfe. Die müssten entfernt werden, damit die Tonnen schwimmfähig und in ihrer Position blieben.
Am Schiersteiner Hafen haben die Helfer eine kleine Pause eingelegt, es gibt Pizza zur Stärkung. «So haben wir das noch nicht erlebt», sagt Kummer. Das eine Arbeitsboot ist eine ganze Woche gemietet, das zweite für zwei Tage. Den Verein kostet das mehrere Tausend Euro und viel Schweiß von Ehrenamtlichen, wie Kummer sagt. «Es braucht eine Menge Energie.»
Am Ende wird es trotz allem nur um eine vorübergehende Lösung gehen. Denn die Wasserpest ist «sehr dominant», wie Katharina Albert aus der Abteilung Naturschutz des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Wiesbaden sagt. Sie wachse schnell wieder, überwuchere andere Pflanzen und verbreite sich vegetativ. Wenn ein Vogel Teile mitschleppt und andernorts fallenlässt, wächst sie dort. «Man kriegt sie einfach schwer wieder raus.»