Stadt sagt Steinwüsten in Wiesbadener Vorgärten den Kampf an

Immer mehr Wiesbadener greifen zu Kies und Schotter, um ihren Vorgarten zu gestalten. Was viele modern und pflegeleicht finden, ist nicht nur schlecht für Pflanzen und Tiere, sondern auch für das Klima. Die Stadt will jetzt etwas gegen den Trend tun.

Stadt sagt Steinwüsten in Wiesbadener Vorgärten den Kampf an

Der Naturschutzbund nennt sie „Gärten des Grauens“, eine dazu passende Facebookseite sammelt Bilder der schlimmsten Exemplare und einige Städte versuchen bereits, sie zu verbieten: Steinwüsten in Vorgärten sind auch in Wiesbaden ein großes Thema. Denn vor immer mehr Häusern bahnen sich Kieselsteine ihren Weg über den Boden und lösen damit Rasenflächen, Sträucher und Bäume ab.

Für die einen mag das ästhetisch und zeitgemäß wirken, andere sehen im Kies- und Schottergarten eine pflegeleichte Alternative zum naturnahen Garten. Der Umwelt, der Tierwelt und damit auch uns Menschen schadet diese Entwicklung allerdings in einem Ausmaß, über den sich viele womöglich gar nicht bewusst sind.

„Unter solchen Kieswüsten leiden alle.“ - Andrea Ewerling, HGON

„Unter solchen Kieswüsten leiden alle“, sagt Andrea Ewerling von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V. (HGON) besorgt. Denn unter dem Kies und den Steinplatten liegen meist für Wasser, Pflanzen und Tiere undurchdringliche Planen. Pflanzen haben dort kein Durchkommen und somit finden auch Tiere und Insekten weder Nahrung noch Unterschlupf. „Ein Beispiel für das Artensterben wegen solcher Vorgärten ist der Girlitz, ein typischer Siedlungsvogel“, so die Geografin. „Die Population ist um 75 Prozent zurückgegangen, weil er in den Gärten keine Samen mehr findet.“

Stadt will gegen Hitze durch Steinwüsten kämpfen

Auch wer im Sommer über die Hitze in der Stadt klagt, erlebe eine Folge des Trends am eigenen Leib: „Im Siedlungsbereich entsteht durch die versiegelten Böden in den Vorgärten mehr Hitze“, so Ewerling. Die Steinböden würden sich im Sommer aufheizen, die Hitze speichern, könnten in der Nacht nicht richtig abkühlen und würden so für höhere Temperaturen in der Stadt sorgen.

Um dem entgegenzuwirken versuchen einige Städte bereits, Steinwüsten aus den Vorgärten zu verbannen. Laut Medienberichten seien in Hanau und Fulda bereits Bebauungspläne angepasst und darin Steingärten weitestgehend verboten worden. Auch in Wiesbaden sollen die kommunalen Grünsatzungen dementsprechend angepasst werden, sagte ein Sprecher der Stadt der dpa.

„Wir sollten in unseren eigenen Vorgärten damit anfangen, etwas Gutes für die Umwelt zu tun.“ - Andrea Ewerling

Denn in der bereits bestehenden Vorgartensatzung der Stadt steht lediglich, dass die Begrünung in Vorgärten „zielgärtnerisch erfolgen und in angemessenem Umfang Bäume und Sträucher enthalten“ soll. Das lasse noch zu viel Raum zur Interpretation. Eine Arbeitsgruppe beschäftige sich derzeit mit dem Thema. Andrea Ewerling begrüßt diesen Einsatz der Städte. „Wir sollten in unseren eigenen Vorgärten damit anfangen, etwas Gutes für die Umwelt zu tun“, sagt sie und erklärt auch gleich, wie das aussehen könnte.

Wie sieht ein umweltschonender Garten aus?

„Je strukturreicher ein Garten ist, desto besser.“ - Andrea Ewerling

„Je strukturreicher ein Garten ist, desto besser“, sagt sie. Sprich: Am besten sei es, wenn neben Rasen, Sträuchern und Blumen auch weitere Lebensräume geschaffen werden. Beispielsweise durch einen kleinen Teich, Sand- oder Felssteine und Totholzstapel als Unterschlupf.

Besonders wichtig sei es dabei, einheimische und dem Standort angepasste Arten und Materialien zu verwenden, auch um unnötige Transportwege zu vermeiden. „Der Schwarze Holunder, die Weißdorne und die Vogelbeere sind beispielsweise gute Pflanzen für Vögel. Insekten freuen sich besonders über Blütenpflanzen.“ Beratung bekomme man dafür am besten in der Gärtnerei vor Ort, so Ewerling.

Wer glaubt, der Kies im Vorgarten würde viel mehr Arbeit machen, als ein Garten mit Sträuchern und Rasenfläche, liege damit langfristig nicht unbedingt richtig, so Ewerling. Denn wenn die Folie unter den Steinen zerfalle, oder sich eine dünne Humusschicht auf ihr bilde, werde das Reinigen knifflig. Stattdessen rät die Geografin zur Unordnung im naturnahen Garten: „Vielleicht lässt man Brennesseln zumindest in einer Ecke auch mal stehen, oder das Gras ein bisschen höher wachsen.“ Solche Ecken würden Tieren und Insekten nicht nur Unterschlupf und Nahrung bieten, sondern auch weniger Arbeit machen. (nl)

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