Wie Wiesbaden knapp einer Katastrophe entging

Bei einer Explosion auf dem Gelände des Industrieparks Kalle-Albert kam es im Herbst 2000 fast zu einer riesigen Katastrophe. In unserer Reihe „Katastrophen, die sich in Wiesbaden ereignet haben“ berichten wir von solchen und ähnlichen Ereignissen.

Wie Wiesbaden knapp einer Katastrophe entging

13. Oktober 2000, kurz vor Mitternacht. Ein lauter Knall, Sirenen und Rauchgeruch reißen viele Wiesbadener aus dem Schlaf. Auf dem Gelände des Industrieparks Kalle-Albert in Biebrich war ein Kessel explodiert. Die Folge: Mehrere Verletzte und Schäden in dreistelliger Millionenhöhe. Die Explosion und der darauffolgende Großbrand zählt für viele Wiesbadener zu einer der verheerendsten Katastrophen, die in der Stadt je passiert sind. In Teil 1 unserer Reihe „Katastrophen, die sich in Wiesbaden ereignet haben“ erfahrt Ihr mehr über den Vorfall.

Überhitzter Kessel führte zu Explosion und Großbrand

"Das war eines der größten Feuer, die Wiesbaden je gesehen hat." - Harald Hagen, Berufsfeuerwehr

"Das war eines der größten Feuer, die Wiesbaden je gesehen hat", sagte der Leiter der städtischen Berufsfeuerwehr, Harald Hagen damals. Die Ursache der Explosion lag in einer Produktionshalle der Firma „Vianova Resins“, in der Kunstharze produziert wurden. Wie sich später herausstellte, hätten Arbeiter der Nachtschicht einen Kessel mit Kolophonium - ein Stoff, der zur Lackherstellung genutzt wird - und anderen Zusatzstoffen befüllt und daraufhin gemerkt, dass die Kesseltemperatur aus ungeklärten Gründen anstieg. Alle Versuche, den Kessel wieder abzukühlen, scheiterten. Stattdessen sei ein Sicherheitsventil abgesprungen, woraufhin die Arbeiter Alarm ausgelöst und die Fabrik sofort verlassen hätten. Nur wenige Minuten später ging der Kessel in die Luft.

Die 3600 Quadratmeter große Halle und eine angrenzende Verpackungshalle gerieten in Brand, die Fenster von umliegenden Fabriken und Verwaltungsgebäuden zersplitterten durch den entstandenen Druck. Auch Merkurist-Leser Jens erinnert sich noch an die Wucht der Explosion. Er spürte die daraus entstandene Druckwelle sogar bis in die Platter Straße, erzählt er.

„Als wir ankamen, fanden wir ein Flammenmeer vor uns." - Harald Hagen

Die rund 200 Einsatzkräfte der Feuerwehr standen nach der Explosion vor einer großen Herausforderung. „Als wir ankamen, fanden wir ein Flammenmeer vor uns", beschrieb Harald Hagen von der Feuerwehr die Situation vor fast 19 Jahren gegenüber der lokalen Presse. Die Feuerwehr löste sofort einen Großalarm aus. Anwohner wurden durch Sirenen und Rundfunkdurchsagen aufgefordert, Türen und Fenster zu schließen. Die Polizei sperrte das Gelände weiträumig ab: Die Theodor-Heuss-Brücke und alle nahe gelegenen Autobahnen wurden für den Verkehr gesperrt. Sogar die Schifffahrt wurde gestoppt.

Schwierige Situation wegen brennbarer Stoffe

Der Brand war zwar relativ schnell gelöscht, die Situation blieb jedoch lange kritisch. Denn in der Nähe des Kessels stand ein Tanklager, das mit rund 600.000 Litern brennbarer Stoffe gefüllt war. Mithilfe eines Wasservorhangs schirmte die Feuerwehr das Lager ab. Wenn das Feuer übergegriffen wäre, hätte die Situation noch schlimmer ausgehen können, sagte ein Sprecher der Feuerwehr damals. Erst nach vier Uhr morgens konnten die Einsatzkräfte letztendlich Entwarnung für die Anwohner geben.

Aufgrund des schnellen Handelns der Feuerwehr wurde glücklicherweise von den elf Verletzten niemand schwer verletzt. Ein Arbeiter hatte sich Verbrennungen ersten Grades, Prellungen und Schürfwunden zugezogen. Die meisten Betroffenen litten aber unter Rauchvergiftungen und wurden zur Beobachtung in Krankenhäuser gebracht.

Schaden in Höhe von 50 Millionen Euro

Der durch die Explosion entstandene Sachschaden lag bei umgerechnet 100 Millionen Mark, die Werkshalle von Vianova wurde vollständig zerstört. Werksleiter Bernhard Hettich erklärte nach dem Großbrand, der Unfall sei der erste seit der Gründung des Wiesbadener Werks gewesen. Die Anlage sei erst ein Jahr zuvor behördlich geprüft und in einem technisch einwandfreien Zustand gewesen. Vianova gibt es in dieser Form heute aber nicht mehr. Das Unternehmen wurde seit 2000 bereits mehrfach verkauft, heißt heute „allnex“ und stellt wasserlöslichen Kunstharz für Autolacke, Industrieanwendungen, Gebäude- und Holzanstriche her. (nl)

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