Wer im Wiesbadener Rheingauviertel unterwegs ist, merkt: Hier wird gerade ausprobiert, wie eine Innenstadt aussehen kann, wenn Durchgangsverkehr keinen Vorrang mehr hat. Hinter dem Projekt „Superblock im Rheingauviertel“ steht eine engagierte Bürgerinitiative, die seit einigen Jahren Schritt für Schritt an einem verkehrsberuhigten Quartier arbeitet – mit klarer Vision und viel Beteiligung aus der Nachbarschaft. Das Vorhaben ist ein offizielles wdc2026-Projekt.
Was ist ein Superblock?
Die Idee zum „Superblock im Rheingauviertel“ geht auf das Wiesbadener Jugendparlament und das Umweltamt zurück, die 2023 das innovative Konzept aus Barcelona auf die Stadt übertrugen. Das „Superblock“-Modell fasst mehrere Häuserblocks zu großen, verkehrsberuhigten Zonen zusammen. Der Durchgangsverkehr wird reduziert und einzelne Abschnitte ganz fürs Auto gesperrt. So entstehen begrünte Aufenthaltsorte und mehr Raum für Fußgänger und Radverkehr.
Ziel für das Rheingauviertel sei es, das von vier Hauptverkehrsstraßen eingerahmte historische Viertel verkehrsberuhigt zu bekommen. „Kinder sollen innerhalb des Quartiers einen sicheren Schulweg haben oder selbständig zum Spielplatz laufen können. Insgesamt soll das Viertel weniger als Transitzone dienen, sondern ein Ort mit Aufenthaltsqualität werden“, formuliert die Initiative „Superblock“ den Anspruch auf ihrer Webseite.
Weiter betont die Initiative dort ausdrücklich, dass es nicht darum geht, das Auto komplett aus dem Viertel zu verbannen, sondern den Durchgangsverkehr zu begrenzen und zugleich mehr Ladezonen zu schaffen, um das “Eckeparken“ mit laufendem Motor zu reduzieren. Das ist auch als Antwort auf Sorgen von Gewerbetreibenden und Handwerksbetrieben zu verstehen, die weiterhin erreichbar bleiben müssen.
Wie der Anstoß aus Barcelona in Wiesbaden ankam
Nach einem ersten stadtweiten „Superblock‑Sonntag“ 2022 mit Aktionen im Rheingauviertel, in Wiesbaden Mitte und im Dichterviertel/Südost machte die Anwohnerschaft im Rheingauviertel eigenständig weiter. 2023 folgte ein zweitägiges Superblock‑Wochenende, bei dem das Straßenkarree aus Eltviller-, Marcobrunner-, Rauenthaler- und Rüdesheimer Straße für Autos gesperrt wurde.
Auf Basis dieser Erfahrungen hat sich das Format seitdem zu einer festen Einrichtung entwickelt. 2025 wurden für den „Superblock im Rheingauviertel“ an mehreren Sonntagen Straßenzüge temporär zu Begegnungsräumen umgestaltet mit Klassikern wie „Frühstück uff de Gass“ oder Pizza aus dem Gemeinschaftsofen, Bewegungsangeboten, Kinderaktionen und Kulturprogrammen direkt vor der Haustür.
Aktionstage dieses Jahr
Auch in diesem Sommer sind von der „Initiative Superblock Rheingauviertel“ Aktionstage geplant: Nach drei Superblock-Tagen im Juni geht es am Samstag (8. August) weiter mit „Kinder im öffentlichen Raum“. Ab 12 Uhr wird von der Germania-Apotheke aus (Rüdesheimer Str. 23) das Viertel aus Kindersicht erkundet. Am Samstag (15. August) findet, vorbehaltlich der notwendigen Genehmigungen, der nächste Superblock-Tag in der Marcobrunner Straße statt. Von circa 10 bis 18 Uhr wird sie autofrei.
Am Sonntag (20. September) ist anlässlich des Weltkindertags ein Kreativtag unter dem Motto „Kreativ im Freien“ geplant, der hauptsächlich in der Rüdesheimer Straße stattfinden wird. Dabei wird außerdem der Kinderlauf nachgeholt, der für Juni angedacht war.
Neben den Aktionstagen im Quartier gibt es auch vor-Ort-Termine in der Stadt:
Der Superblock ist Teil des Theaterstücks "Wem gehört die Stadt?", das am Freitag (2. Oktober) am Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt wird. Hierzu wurden Interviews mit der Inititiative geführt.
Und im September und Oktober wird der Superblock Teil der Ausstellung im „WerkRaum“ sein (Langgasse 5-9). Hier wird die Initiative unter anderem beim Austausch zum neuen Theaterstück dabei sein, das vom Staatstheater am 10. September ab 18 Uhr im „WerkRaum“ angeboten wird.
Vom „Sonntagsformat“ zum ersten dauerhaften Superblock Hessens?
Der „Superblock im Rheingauviertel“ ist längst mehr als ein lokales Nachbarschaftsprojekt. Die Erfahrungen aus den temporären Aktionen fließen in die Planung eines dauerhaften, „ersten Superblocks in Hessen“ ein, der nach der Vision der Bürgerinitiative am liebsten schon dieses Jahr im inneren Rheingauviertel umgesetzt werden kann, so Michaela Höllriegel von der Initiative Superblock im Gespräch mit Merkurist.
Eine vierzehn‑köpfige, parteiübergreifende Kerngruppe der Initiative koordiniert das Projekt in Zusammenarbeit mit Ortsbeirat, städtischen Ämtern, Politik und zivilgesellschaftlichen Partnern aus Kultur, Bildung und Umwelt. Die Petition der Bürgerinitiative für ein „sicheres, ruhigeres und lebenswerteres Rheingauviertel“ zeigt, dass sich eine Vielzahl der Anwohner ausdrücklich hinter das Vorhaben stellt und damit politischen Rückenwind erzeugt. „Zwischenzeitlich wurden wir von 4 Hochschulen für Abschlussarbeiten aus Deutschland und auch den Niederlanden zu Erfahrungswerten interviewt“, sagt Michaela Höllriegel.
Im Kern verhandelt das Viertel damit eine neue Flächenverteilung im Straßenraum: weniger Durchgangsverkehr, mehr Platz für Aufenthalt, Grün und Klimaanpassung. Die Initiative spricht explizit von einer „klimaresilienten, sozial gerechten Flächenverteilung“, die sich in erster Linie an den Alltagsbedürfnissen der Menschen orientiert, nicht an maximalem Verkehrsfluss.
Die ganze Geschichte ist ausführlich auf der Superblock-Themenseite festgehalten. Infos zu den Aktionstagen und rund um den „Superblock“ hängen vor Ort am schwarzen Brett in der Rüdesheimer Str. 19 aus. Außerdem ist die Bürgerinitiative „Superblock“ per E-Mail an info@rheingauviertel.org erreichbar.