„Herr von Strick“ muss schließen: „Die Städte haben auf voller Linie versagt“

Der Strickladen „Herr von Strick“ in der Nerostraße schließt Ende April. Warum es soweit kommen musste und wie es für ihn weitergeht, erzählt Inhaber Markus Hurley im Merkurist-Gespräch.

„Herr von Strick“ muss schließen: „Die Städte haben auf voller Linie versagt“

Eigentlich lief bei „Herr von Strick“ seit der Eröffnung 2018 alles wie am Schnürchen. In dem Strickgeschäft in der Nerostraße konnten die Kunden Garne kaufen und Veranstaltungen wie Workshops, Afterwork-Stricken und Männerstricken besuchen. „Wir haben im Laden und im Amigos gestrickt und geplaudert, Essen vom Hindukusch-Restaurant verzehrt, Kuchen bei Dales gekauft – es war eine extrem lässige und unkonventionelle Stimmung, die auch bei Besuchern außerhalb von Wiesbaden gut ankam“, sagt Inhaber Marcus Hurley. Ende April ist dennoch Schluss mit „Herr von Strick“. Der Laden schließt und das habe seine Gründe, erzählt Hurley.

Auswirkungen der Pandemie und fehlende Unterstützung

„Mit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 hat sich schnell erledigt, was als zartes Pflänzchen begann. Bis heute hat sich die Stimmung davon nicht erholt.“ Im Mai 2020 zog „Herr von Strick“ von der Nerostraße 3 in die Hausnummer 38 um und verkleinerte sich deutlich. Workshops und Treffen zum Stricken waren nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Zwar habe Hurley verschiedenste Konzepte umgesetzt, Waren zu Kunden gefahren, telefonisch beraten. „Spätestens im Herbst 2021 wurde klar, dass die ehemals erzielten Umsätze unter den Bedingungen nicht mehr zu erreichen sind und ein gesundes Wachstum nicht möglich ist.“ Auch hätten Online-Shops den Einzelhändlern das Leben schwer gemacht. „Das Sterben der Innenstädte gab es auch schon vor Corona, die Pandemie hat diese Entwicklungen nur einfach extrem beschleunigt.“

„Von Seiten der Stadt wurde immer wieder nett auf die Nerostraße geschaut, getan hat sich nichts.“ - Markus Hurley, Herr von Strick

Auch der Stadt gibt der Unternehmer Schuld. „Die Städte und deren zuständige Stellen haben auf voller Linie versagt“, sagt Hurley. Statt den lokalen Einzelhandel zu unterstützen, seien „abwegige Konzepte“ verfolgt worden, die den Gewerbetreibenden in den Randzonen der Fußgängerzone nichts gebracht hätten. „Von Seiten der Stadt wurde immer wieder nett auf die Nerostraße geschaut, getan hat sich nichts.“ Ein Beispiel sei die Initiative „Goldene Mitte Wiesbaden“. „Wir haben einen faltbaren Stadtplan entwickeln lassen, eine Webseite aufgebaut, doch bei einer kleinen finanziellen Unterstützung hat die Stadt nach vorheriger Zusage doch kurzfristig einen Rückzieher gemacht.“

Markus Hurley bleibt Wiesbaden erhalten

Auch wenn ihn vieles enttäuscht hat, will Markus Hurley nach der Schließung seines Geschäfts nicht aus Wiesbaden verschwinden. „Zu meiner Zukunft gibt es zu sagen, dass ich mich freue, meiner Heimatstadt erhalten zu bleiben.“ Ab sofort gebe es eine Zusammenarbeit mit dem Tagwerk am Bismarckring: „Zunächst findet dort nun jeden Mittwoch ab 17 Uhr das bereits etablierte ‘maleknitting’ statt, ein offenes Treffen handarbeitsbegeisterter Männer jeden Alters.“ In Planung sei außerdem ein monatlich stattfindendes Stricktreffen. Außerdem soll „Herr von Strick“ künftig mit recycelten und fairen Garnen in Pop-up-Shops vertreten sein.

Auch eigene Träume will Markus Hurley nun verwirklichen. „Ich nutze die gewonnene Zeit, endlich mehr eigene Designs zu entwickeln, Anleitungen zu schreiben, zu netzwerken, vielleicht auch meinen langgehegten Traum einer eigenen kleinen Garnkollektion zu verwirklichen. Langeweile wird nicht aufkommen.“ Zum letzten Mal geöffnet sein wird „Herr von Strick“ in der Nerostraße 38 von Donnerstag bis Samstag (28. bis 30. April). Dann wird es noch einmal Garne zu stark reduzierten Preisen geben.

Logo