Tödlicher Unfall auf A66: NDR-Doku wirft neues Licht auf Schuldfrage

Im Oktober 2020 starb eine 71-jährige Frau qualvoll bei einem Unfall auf der A66 bei Hofheim. Die Schuldigen waren schnell ausgemacht. Eine „Strg_f“-Doku zeigt nun: Die Wahrheit ist deutlich komplizierter.

Tödlicher Unfall auf A66: NDR-Doku wirft neues Licht auf Schuldfrage

„Mörder“, „Hurensohn“, „elendes Stück Dreck“ – diese und viele weitere Beleidigungen musste der Influencer Navid F. (31) monatelang auf seinem Instagram-Account lesen. Insgesamt 20.000 Hass-Nachrichten erreichten ihn. Der Grund für den Hass: F. soll sich im Oktober 2020 auf der A66 bei Hofheim mit seinem Lamborghini ein Rennen mit anderen Sportwagenfahrern geliefert haben. Dadurch soll es zu dem Unfall gekommen sein, bei dem eine 71-jährige Frau in ihrem Skoda verbrannte. Navid F. konnte sich damals noch aus seinem brennenden Auto retten. Doch schnell geriet er ins Visier der Ermittler, kam in U-Haft. Der Vorwurf: Mord.

Die Doku des NDR-Reportageformats „Strg_f“ „Illegales Autorennen? Beschuldigte sprechen“ wirft nun einen anderen, differenzierteren Blick auf das Geschehen. Laut Doku wollten sich Navid F. und ein weiterer Lamborghini- sowie ein Porschefahrer zu einer Veranstaltung für Sportwagen-Liebhaber treffen. Mit „lauten Motoren“ seien sie am Morgen von einer Tankstelle in Wiesbaden aus losgefahren. Wie schnell die Sportwagenfahrer dann auf der A66 fuhren, darüber gibt es verschiedene Versionen. Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft kommt zu dem Ergebnis „230 bis 265 Stundenkilometer“, ein anderes Gutachten im Auftrag eines Anwalts der Beteiligten berichtet von „150 km/h“. Laut GPS-Daten eines Handys könnten es bis zu 200 Stundenkilometer gewesen sein. Fest steht: Es gibt auf diesem Abschnitt kein Tempolimit.

Instagram-Profil mit 1,2 Millionen Followern

Etwa sieben Minuten, nachdem die Sportwagenfahrer losgefahren waren, ereignete sich die Tragödie: Eine ältere Frau, die zu ihrem dementen Mann fahren wollte, wurde in einen Unfall verwickelt. In den Flammen ihres Skodas starb sie qualvoll. Für die Medien stand schnell fest: Die Frau musste sterben, weil Navid F. und die anderen Sportwagenfahrer sich ein illegales Autorennen lieferten. Viele Zeugen sprachen von einer auffälligen oder gar aggressiven Fahrweise.

Dass der Deutsch-Iraner Navid F. schnell als Schuldiger ausgemacht wurde, schien auf den ersten Blick perfekt zu passen. Auf seinem Instagram-Profil posiert er als „navid.alpha“ vor teuren Autos, hat 1,2 Millionen Follower und lebt halb in Dubai, halb in Frankfurt. Nicht nur die Medien verurteilten Navid F. vorschnell, auch Politiker wie der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). Der sagte: „Wer so egoistisch und rücksichtslos das Leben seiner Mitmenschen gefährdet, hat nichts hinter dem Lenkrad eines Sportwagens zu suchen, sondern gehört hinter Schloss und Riegel.“ Am Ende ist es Navid F.’s Glück, dass der Beifahrer eines Sportwagenfahrers hinter ihm den Unfall mitfilmte und das Video über F.’s Anwalt auch die Behörden erreichte.

Denn das Video beweist: F. hat den Unfall nicht verursacht. Stattdessen fuhr ein oranger Opel von der mittleren auf die linke Spur – ohne zu blinken. Dadurch kam es zur Kollision zwischen dem Opel und F.’s Lamborghini. Der Opel knallte gegen den Skoda, der Lamborghini gegen die Leitplanke. Skoda und Lamborghini gingen in Flammen auf. Die Staatsanwaltschaft entschied nun: Es besteht kein Mordverdacht mehr gegen F.

„Die sehen das Auto, die sehen ‘Schwarzkopf’. Da muss er kriminell sein.“

Stattdessen wird gegen den Opel-Fahrer – ein evangelischer Pfarrer – wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Macher der Doku versuchten auch, mit dem Pfarrer zu sprechen, doch der will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. Doch auch gegen die Sportwagenfahrer wird weiter ermittelt, nicht mehr wegen Mordes, sondern wegen illegalen Autorennens. Ein weiteres Video zeigt zumindest die riskante Fahrweise vom anderen Lamborghini-Fahrer Ramzy A., der immer wieder rechts überholte und durchgezogene Linien überfuhr. Nach dem tödlichen Unfall und einer ersten Aussage bei der Polizei tauchte A. sieben Monate lang unter. In der Doku sagt er: „Ich gebe zu, das war ein rasantes Fahren, da war auch sehr viel Risiko dabei.“

Von Navid F. gibt es hingegen kein Video, das eine solche Fahrweise zeigt. „Stellen wir uns mal vor, wir hätten keine Lamborghinis, sondern Autos, die 5000 Euro wert sind. Hätte es irgendjemand als illegales Rennen bezeichnet? Ich glaube nicht“ sagt F. „Die sehen das Auto, die sehen ‘Schwarzkopf’. Da muss er kriminell sein.“

Die ganze Doku könnt ihr hier nachschauen:

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