Abtreibungsgegner stören Baby-Bestattungen

Eine Gruppe von Abtreibungsgegnern nennt den Wiesbadener Südfriedhof „Mahn- und Gedenkstätte für die im Mutterleib ermordeten Kinder Deutschlands“. Gleichzeitig rufen sie dazu auf, Beerdigungen von Sternenkindern „zu besuchen“.

Abtreibungsgegner stören Baby-Bestattungen

Auf dem Wiesbadener Südfriedhof findet man im Abteil U12 den sogenannten Sternengarten. Dort werden Kinder beerdigt, die vor dem Ende der 24. Schwangerschaftswoche verstorben sind und nicht ins Leben kommen konnten. Diesen stillen Ort der Trauer und des Schmerzes missbrauchen Abtreibungsgegner auf Anraten der Zentrumspartei für Propaganda gegen Geburtenabbrüche.

„Abtreiben macht frei“ - Flyer der Zentrumspartei

„Abtreiben macht frei“ prangt als Schriftzug in großen Lettern vor dem Eingang zum Wiesbadener Südfriedhof. Mit diesem Holocaust-Vergleich stellt die Zentrumspartei eine Verbindung zwischen den Massenmorden im Dritten Reich und dem Wiesbadener Sternengarten her. Ein Knotenpunkt der deutschen Abtreibungsindustrie, ein Zentrallabor des Todes, wird der Südfriedhof in einem Flyer genannt, der nicht nur in viele Wiesbadener Briefkästen eingeworfen, sondern unter anderem auch an alle Bundestagsabgeordneten verschickt wurde.

Fiktion und Wahrheit vermischt

Weiter ist in dem Papier die Rede davon, dass im Wiesbadener Sternengarten „heimlich“ auch Kinder beerdigt werden, die nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. „Das ist korrekt und geschieht nicht heimlich“, erklärt Susanne Fichtl, 1. Vorsitzende des Vereins Sternengarten Wiesbaden e.V.. So werden Babys aus einer Münchener Geburtsabbruchsklinik in Wiesbaden pathologisch untersucht und daher auch dort bestattet. Den leitenden Arzt bezeichnen die Abtreibungsgegner als „Schlächter von München“, stellen ihn sogar mit Foto an den Pranger. „Es werden also Sternenkinder, die vor der 24. Woche verstorben sind und auch Kinder aus der Münchener Klinik bei uns beerdigt“, so Fichtl.

„Die Eltern waren schockiert.“ - Susanne Fichtl

Sie weiß, wer die Flugblatt-Aktion initiiert hat, der Mann sei auch schon bei Bestattungen von Babys am Sternengarten aufgetaucht. „Beim letzten Mal wurde ihm ein Hausverbot für das Friedhofsgelände ausgesprochen“, sagt sie. Denn „nur“ mit den Flugblättern gebe er sich nicht zufrieden. Er ruft dazu auf, Beerdigungen von Sternenkindern beizuwohnen und gegen Abtreibung zu demonstrieren. „Die Eltern waren schockiert“, sagt Fichtl. In dem schweren Moment der Trauer und des Abschiednehmens habe der Mann gemeinsam mit Mitstreitern einen „Kranz für ermordete Kinder“ niederlegen wollen, der aber wieder entsorgt worden sei.

Beerdigung abgesagt

Drei Mal im Jahr finden im Wiesbadener Sternengarten Beerdigungen statt. Dann werden dort kleine, weiße Särge begraben und den Eltern so eine Möglichkeit geboten, Abschied zu nehmen und hinterher einen Ort des Gedenkens und der Trauer vorzufinden. Am zweiten Mittwoch im März, Juli und November finden die Beerdigungen statt. „Die Bestattung am 11. Juli haben wir abgesagt“, so Fichtl. Man stehe in Kontakt zur Stadt um Maßnahmen gegen die Abtreibungsgegner zu prüfen. Die Bestattung im November soll aber wie geplant stattfinden, „dann wird auch die Stadtpolizei vor Ort sein“, erklärt Fichtl.

„Ob sie wissen, dass die Bestattung abgesagt ist, weiß ich nicht.“ - Susanne Fichtl

Die Ersteller der Flyer haben derweil den Südfriedhof zur „Mahn- und Gedenkstätte für die im Mutterleib ermordeten Kinder Deutschlands“ ausgerufen. Sie sprechen von einer Shoa, die in Wiesbaden vonstatten ginge - ein Begriff, der für den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden steht.

Zentrumspartei distanziert sich

Die Zentrumspartei hat mittlerweile auf die Kritik reagiert. Am 27. Juli veröffentlichten sie eine Stellungnahme auf ihrer Internetseite in der es heißt, man habe zwar zugestimmt, dass auch im Namen der Partei zu der „Gedenkveranstaltung“ eingeladen wird, nicht genehmigt worden sei aber die Verwendung des Fotos mit dem Schriftzug „Abtreiben macht frei“.

„Das ist eine Geschmacklosigkeit, die wir nicht billigen, von der wir auch keine Kenntnis hatten und von der wir uns auch in aller Form distanzieren“, erklärte Generalsekretär Christian Otte. Weiter heißt es: „Die Zentrumspartei erklärt ihr Bedauern über die entstandene Verärgerung, die letztlich nur dem gemeinsamen Anliegen, dem Schutz des ungeborenen Lebens, schade und kündigte an, die Zusammenarbeit mit der federführenden Lebensrechtsgruppierung zu beenden.“

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