Warum die Ampeln in Wiesbaden neuerdings knacken

Die knackenden Geräusche an den Wiesbadener Ampeln helfen Blinden, sich im Straßenverkehr zurecht zu finden. Wie genau das funktioniert, erklärt ein Betroffener beim Spaziergang durchs Westend.

Warum die Ampeln in Wiesbaden neuerdings knacken

Wenn Thomas Sauer sich von seinem Büro in der Blücherstraße aus in Richtung Innenstadt aufmacht, folgt er an der Kreuzung Bleichstraße/1. Ring dem knackenden Geräusch der Fußgängerampeln. Mit seinem Blindenstock findet er schnell den Mast, an dem die Signale befestigt sind und weiß genau, ob die Ampel gerade Rot oder Grün anzeigt.

Unterwegs mit dem Blindenstock

„Ich finde mich in Wiesbaden gut zurecht“, sagt Sauer, der von Geburt an blind ist. Seine Umwelt — und somit auch den Straßenverkehr, nehme er nur schemenhaft wahr. Auf die Ampeln mit Signalton sei er deshalb, wie viele andere Sehbehinderte in der Stadt, angewiesen.

„Das neue System ist sicherer als das alte.“ - Thomas Sauer, Blickpunkt Auge

Umso mehr freute es ihn, als er im Winter bemerkte, dass viele Ampeln umgerüstet wurden. „Die Ampeln, die auf die Digitalisierung umgestellt wurden, haben alle auch neue Signaltöne bekommen“, erklärt er. „Da hat die Stadt richtig Geld in die Hand genommen, das neue System ist sicherer als das alte“, findet er.

Eindeutige Töne

Als Sauer in den 1980er und 1990er Jahren in Wiesbaden aufwuchs, habe es noch nicht so viele Hilfsmittel für Sehbehinderte gegeben. Auch die ersten Ampeln mit Signalton haben einige Nachteile gehabt, sagt er. Die alten Anlagen haben verschiedene Pieptöne von sich gegeben — je nachdem, ob gerade Rot oder Grün war. „An großen Kreuzungen mit viel Lärm konnte man gar nicht mehr zuordnen, von welcher Ampel gerade welcher Ton ausging“, erinnert er sich. Besonders auf Kreuzungen mit Fußgängerinseln habe er oft nicht gewusst, ob er nun gehen, oder stehen soll.

„Das Knacken leitet mich zur Ampel.“ - Thomas Sauer, Blickpunkt Auge

Doch woher wissen Blinde mit den neuen Ampel, wie der Verkehr gerade läuft? Das wollte Merkurist-Leser Rufus wissen, und hat in einem Snip danach gefragt. Sauer kann die Funktionsweise bei einem Spaziergang an der Bleichstraße schnell erklären. „Das Knacken leitet mich zur Ampel. Dort muss ich auf der Unterseite des gelben Kastens einen Knopf drücken“, sagt er. Dabei hat die Taste die Form eines Pfeils, und zeigt so genau die Laufrichtung zum Fußgängerüberweg an.

„Erst wenn ein Blinder den Knopf gedrückt hat, fängt die Ampel bei der nächsten Grünphase an zu piepen, statt zu knacken“, sagt er. Für Anwohner habe das den Vorteil, dass das aufdringliche Piepen nur auf Abruf hörbar wird, das Dauerknackgeräusch sei aufgrund der Frequenzen angenehmer. „Außerdem vibriert der Schalter bei Grün. So gibt es keine Missverständnisse wenn es auf der Straße zu laut ist, oder der Benutzer nicht nur seh-, sondern auch hörbehindert ist.“

Weitere Hilfen

Zusätzlich gibt es an manchen Kreuzungen und Bussteigen in Wiesbaden auch taktile Leitsysteme im Boden. Durch Erstaten mit dem Blindenstock können Sehbehinderte so Richtungen finden und wissen, wo ein Bürgersteig endet. „Ich selbst nutze dieses System nie. Ich bin ja ohne aufgewachsen“, sagt Sauer. Wenn er als Pädagoge im Verband Blickpunkt Auge aber anderen Blinden beibringt, wie sie sich — etwa wegen einer Augenkrankheit — plötzlich ohne Augenlicht fortbewegen, erklärt er auch dieses System, das es im Moment vor allem an Bussteigen gibt.

An den großen Haltestellen hat die ESWE Verkehr außerdem Sprachdienste eingerichtet, die bei Bedarf den aktuellen Fahrplan von der LED-Tafel vorlesen. „Aber man kann auch immer andere Wartende fragen, oder Busfahrer, wenn die Tür aufgeht“, sagt Sauer. „Ich habe selten in einer Stadt so viele hilfsbereite Busfahrer erlebt. Sie fragen oft, ob sie mir an meiner Haltestelle Bescheid geben sollen, und das obwohl die Durchsagen im Bus so gut wie immer stimmen“, freut er sich.

„Ausgerechnet vor dem Hauptbahnhof, wo besonders viel Autoverkehr herrscht, ist das Prinzip des taktilen Leitsystems nicht ganz klar.“ - Thomas Sauer, Blickpunkt Auge

„Selbst als Ortsfremder kommt in Wiesbaden eigentlich jeder Sehbehinderte immer ans Ziel“, fasst Sauer zusammen. Dennoch, einige Stellen in der Stadt gebe es, die für Blinde nicht ganz einfach sind. „Ausgerechnet vor dem Hauptbahnhof, wo besonders viel Autoverkehr herrscht, ist das Prinzip des taktilen Leitsystems nicht ganz klar, und nicht an jedem Bussteig eine Sprachausgabe installiert“, sagt er. „Und auch einige Kreuzungen, etwa an der Friedrich- oder der Luisenstraße, sind für Ortsfremde gefährlich“, sagt er. Weil der Verkehr dort ruhig ist, sei nicht immer klar zu erkennen, dass die Fußgängerzone unterbrochen wird.

In regelmäßigen Gesprächen machen Verbände wie Blickpunkt Auge deshalb Vertreter der Stadt immer wieder auf solche Stellen aufmerksam. „Dort haben wir vor einigen Jahren auch die Ampeln angesprochen — und jetzt kam das neue System als Überraschung für uns. Das zeigt, wie wichtig dieser Austausch ist.“ (pk)

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