Wie können Schulen die psychische Gesundheit von Kindern frühzeitig stärken? Mit dieser und weiteren Fragen hat sich Prof. Dr. Dieter Braus, Direktor des Vitos Instituts für Prävention und Präzisionspsychiatrie, bei einem Pädagogischen Tag an der Diesterwegschule in Wiesbaden beschäftigt.
„Wir als Lehrerinnen und Lehrer erleben täglich, mit welchen Herausforderungen Kinder im Zeitalter digitaler Medien konfrontiert sind“, sagte Stephanie Wolf, Rektorin der Diesterwegschule. Daher sei es ein besonderes Anliegen, frühzeitig pädagogische Unterstützung anzubieten.
Laut Braus nehmen Lehrkräfte eine wichtige Rolle ein, da sie Veränderungen bei Aufmerksamkeit, Schlaf, Stimmung oder sozialem Verhalten früh erkennen können. „Prävention beginnt nicht erst mit der Diagnose“, betonte der Experte. Wenn Lehrkräfte Veränderungen richtig einordnen, entstehe „eine wichtige Brücke zwischen Schule, Familie und professioneller Hilfe“.
Was Kinder statt Medienzeit brauchen
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Einfluss digitaler Medien. Entscheidend sei dabei nicht nur die Nutzungsdauer. „Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Minuten war ein Kind am Bildschirm? Wir müssen auch fragen: Was hat das Kind in dieser Zeit nicht gemacht?“, erklärte Braus. Wichtige Erfahrungen wie Schlaf, Bewegung, Spiel oder soziale Kontakte würden durch Mediennutzung oft verdrängt.
Braus machte auch deutlich, dass eine bedürfnisorientierte Pädagogik nicht grenzenlos sei. Kinder bräuchten Sicherheit, Verlässlichkeit und Wertevermittlung. „Gerade vorhersehbare und nachvollziehbare Grenzen unterstützen Kinder dabei, Selbstregulation zu entwickeln“, so Braus.
Lehrer als wichtiges Frühwarnsystem
Auch Erkrankungen wie ADHS oder Depressionen wurden thematisiert. Eine hohe Smartphone-Nutzung sei zwar keine Ursache für ADHS, könne bestehende Schwierigkeiten aber verstärken. Depressionen bei Kindern äußerten sich oft nicht nur durch Traurigkeit, sondern auch durch Rückzug, Reizbarkeit oder Konzentrationsprobleme.
„Lehrerinnen und Lehrer müssen keine Therapeutinnen und Therapeuten werden. Aber sie können zu wichtigen Frühwarnsystemen und Schutzfaktoren werden“, erklärte Braus. Eine Schule, in der Kinder gesehen werden und Regeln verlässlich sind, könne zu einem wichtigen Schutzraum werden. Sein Fazit: „Kinder brauchen nicht weniger Leben, weil es digitale Medien gibt – sie brauchen genug echtes Leben, damit digitale Medien ihren Platz darin finden können.“