Diese ehemaligen Dörfer und Städte gibt es in Wiesbaden

Jeder Wiesbadener kennt Stadtteile wie Bierstadt, Klarenthal, Naurod oder Igstadt. Viele dieser Namen stehen für ehemalige Dörfer, die teilweise seit Jahrhunderten existierten und mit der Zeit in der Stadt aufgingen. Ein historischer Überblick.

Diese ehemaligen Dörfer und Städte gibt es in Wiesbaden

Die Wiesbadener Innenstadt ist ein schwarzer, fünfeckiger Fleck, der sich scharf vom hellen Untergrund abhebt. Von der Stadt gehen strahlenförmig helle Linien ab: Straßen, die den Stadtkern mit den umliegenden Dörfern verbinden, die als schwarze Flecken zwischen den blassen Linien von Feldern und Wald herausstechen.

So präsentieren sich die Stadt Wiesbaden und ihr Umland auf einer Karte des Herzogtums Nassau aus dem Jahr 1819, die sich im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen (LAGIS) finden lässt. Auf ihr lässt sich gut nachvollziehen, wie die ehemals eigenständigen Dörfer rund um die Innenstadt aussahen, bevor sie im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts nach und nach eingemeindet und von der sich ausdehnenden Metropole größtenteils verschluckt wurden. Die Gründe dafür waren vor allem wirtschaftliche: Durch die Zusammenlegung der Verwaltung ließ sich Geld sparen. Außerdem ging es zunehmend um die Schaffung einer gemeinsamen Infrastruktur.

Seeroben

Merkurist-Leser Matthias hat einen Tipp. Er ist durch Zufall auf ein ehemaliges Dorf gestoßen:

Das ehemalige Dorf Seeroben liegt etwa einen Kilometer nordöstlich der Innenstadt. Es wird unter dem Namen „Serhofen“ erstmals 1367 urkundlich erwähnt. Zu dieser Zeit war die Siedlung allerdings schon eine so genannte Wüstung, also von ihren Bewohnern aufgegeben. Erst 1699 tritt der Ort als „Seerobenbrunnen“ wieder in Erscheinung. Auf dem sogenannten Spielmann-Atlas von 1799, der ältesten erhaltenen modernen Stadtkarte von Wiesbaden, ist bei dem Ort „Seeroben (Seroborn)“ allerdings nur ein einzelnes Gehöft oder Anwesen zu erkennen, genauso auf der Karte von 1819. Spätestens 1910 ist Seeroben dann in der sich ausbreitenden Wiesbadener Innenstadt aufgegangen.

Biebrich und Kastel

Merkurist-Leser Michael interessiert sich für die heutigen Stadtteile Biebrich und Mainz-Kastel. Er fragt sich:

Tatsächlich waren sowohl Biebrich als auch Kastel früher eigenständige Städte - Biebrich bis 1926, Kastel bis 1945.

Biebrich war ursprünglich ein Dorf und bildete von Anfang an eine Einheit mit dem Nachbardorf Mosbach. Es wird 874 erstmalig erwähnt. 1882 wurde die Gemeinde als Stadt Biebrich-Mosbach amtlich anerkannt, 1893 verschwand Mosbach aus dem Namen. Biebrich entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Industriestandort. Die Eingemeindung 1926 erfolgte vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, weil die Stadt in der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs finanzielle Probleme hatte.

Mainz-Kastel entstand zwischen 4 und 9 nach Christus als befestigter Brückenkopf der Römerstadt Mainz. Erst 1904 wurden die letzten Festungsmauern endgültig beseitigt - Übrig blieb nur die in den 1830er-Jahren erbaute Reduit. Als Stadt tritt „Castel“ erstmals 1237 in Erscheinung. 1908 wurde es nach Mainz eingemeindet, nach Wiesbaden dann nach dem Zweiten Weltkrieg 1945. Der Grund: Kastel lag, wie Wiesbaden, in der amerikanischen Besatzungszone, Mainz aber in der französischen.

Alt-Klarenthal

Klarenthal ist einer der jüngsten Stadtteile Wiesbadens und entstand in den 60er-Jahren als Reaktion auf die herrschende Wohnungsnot. Wie die Siedlungen Schelmengraben und Parkfeld wurde auch Klarenthal am Reißbrett geplant. Der Name der Neubausiedlung geht zurück auf das Kloster Klarenthal, das 1298 erstmalig erwähnt wird.

Im Laufe seiner mehr als 200-jährigen Geschichte wurde das Kloster mehrfach geplündert und verwüstet, einmal sogar niedergebrannt. Endgültig geschlossen wurde es 1533 nach einer Pestepedemie. 1730 wurde am Standort des alten Klosters allerdings eine neue Kapelle erbaut, die bis heute für Gottesdienste genutzt wird.

Sonnenberg

Noch heute ist Sonnenberg vor allem für seine Burgruine berühmt. Das „Castrum Sonnenberc“ wird urkundlich erstmals 1221 erwähnt, der hohe Bergfried steht aber wohl schon seit etwa 1150. Erbaut wurde Sonnenberg von den Grafen von Nassau. Ende des 13. Jahrhunders wurde die Burg erweitert, 1351 erhielt der Ort das Stadtrecht. Um 1360 entstand schließlich die Stadtmauer, die heute noch teilweise erhalten ist.

Im 17. Jahrhundert verfiel die Burg fast vollständig, die Bevölkerung wurde im Dreißigjährigen Krieg nahezu ausgelöscht. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten wieder rund 600 Menschen in Sonnenberg. Bei der Eingemeindung nach Wiesbaden 1926 hatte der Ort rund 3.900 Einwohner. Die sehr herunter gekommene Burgruine wird seit 2007 etappenweise restauriert, die Bauarbeiten laufen bis heute.

Naurod

Der Name Naurod wird erstmals 1346 als „Naurath“ erwähnt und bedeutet so viel wie „Neue Rodung“. Die zwei gekreuzten goldenen Äxte im Wappen weisen heute noch darauf hin. Der Wald war lange Zeit die wichtigste Einkommensquelle der Bewohner, besonders die Herstellung von Holzkohle. Im Dreißigjährigen Krieg zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurde Naurod fast vollständig zerstört, die Einwohner kamen fast alle um.

Erst rund hundert Jahre später hatte sich die Siedlung wieder erholt. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts arbeiteten immer weniger Einwohner als Bauern oder Waldarbeiter, gleichzeitig wurde der Ort als Wohn- und Naherholungsgebiet beliebt. Als Naurod 1977 nach Wiesbaden eingemeindet wurde, wurde vertraglich festgelegt, dass der Ort höchstens 5000 Einwohner haben darf, um den dörflichen Charakter zu erhalten.

Bierstadt

Auch wenn der Schluss naheliegt: Mit Bier hat der Name Bierstadt nichts zu tun. Bei seiner erstmaligen Erwähnung 927 wird der Ort als „Birgidesstat“ bezeichnet. Man nimmt an, dass irische Mönche die Siedlung gründeten und nach ihrer Schutzheiligen Birgida von Kildare benannten. Die evangelische Kirche aus dem 11. Jahrhundert ist heute das zweitälteste Baudenkmal Wiesbadens.

Nachdem es im Dreißigjährigen Krieg beinahe ausgelöscht wurde, brauchte Bierstadt rund 200 Jahre, um sich wieder zu erholen. Im 19. Jahrhundert folgte der Aufschwung, ganz ähnlich wie Biebrich hatte Bierstadt aber nach dem Ersten Weltkrieg mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. 1928 wurde es schließlich nach Wiesbaden eingemeindet. (ts)

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