Das Hessische Staatstheater Wiesbaden startet am Samstag, 5. September, mit der Premiere von Franz Kafkas „Der Prozess“ in die neue Spielzeit. Das teilt das Staatstheater mit. Die Inszenierung von Regisseur Mikheil Charkviani ist ab 19:30 Uhr im Kleinen Haus zu sehen.
Der unvollendete Roman Kafkas handelt von Josef K., der am Morgen seines 30. Geburtstags verhaftet wird, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Ein undurchschaubares Gericht klagt ihn an, verrät ihm aber weder den Grund noch, wie er sich verteidigen kann. K.s Suche nach Informationen führt ihn in surreale bürokratische Labyrinthe, während sein Prozess für ihn unzugänglich abläuft.
Der georgische Regisseur Mikheil Charkviani, der auch die Textfassung verantwortet, inszeniert das Stück zwischen Ernsthaftigkeit und schwarzem Humor. „Joseph K. ist ein erfolgreicher, gut gestellter Bänker mit vielen Kunden“, so Charkviani. „Im Laufe des Stücks wird Joseph K.s Existenz immer mehr dekonstruiert – sein Haus, sein Leben, seine gewohnten Abläufe. Wenn Du zur Zielscheibe des Systems wirst, wirst Du aussortiert.“
Regisseur mit politischer Botschaft
Charkviani, der in Georgien als Künstler und politischer Aktivist bekannt ist, setzt den Roman in den Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Lage in seinem Heimatland. Er berichtet von einem befreundeten Schauspieler, der als einer der bekanntesten politischen Gefangenen Georgiens vor Gericht aus Kafkas Roman zitierte. „Ich habe so viele unschuldige Menschen im Gefängnis gesehen, die noch immer nicht wissen, warum sie inhaftiert sind“, sagt Charkviani und erwähnt auch Freunde im Iran.
Der heute in Frankfurt am Main lebende Regisseur sieht sich mit seiner Kunst als Bote einer Entwicklung, die seiner Meinung nach auch Zentraleuropa drohen könnte. Seine Inszenierung von „Antigone“ am Wiesbadener Staatstheater wurde 2026 bereits zum Radikal-jung-Festival nach München eingeladen.