Tierheim Wiesbaden: „Viele Tiere werden blauäugig angeschafft“

Das Wiesbadener Tierheim steht derzeit vor massiven Problemen: Nicht nur steigen die Kosten für Futter und Energie, auch sinken momentan die Vermittlungen. Wir haben mit der Leiterin gesprochen.

Tierheim Wiesbaden: „Viele Tiere werden blauäugig angeschafft“

Henriette Hackl ist in großer Sorge: Nicht nur belasten die aktuellen Preissteigerungen das Budget des Tierheims, sie und ihre Mitarbeiter kommen auch an ihre Kapazitätsgrenzen: „Wir haben aktuell erhöhte Anfragen von Tierhaltern, die ihr Tier über Ebay, Onlineportale, dubiose Auslandsvereine oder über private Kontakte erworben haben“, berichtet die Vorsitzende des Tierschutzvereins Wiesbaden. „Und diese Tiere wurden manchmal sehr blauäugig von den Besitzern angeschafft.“ Darunter seien Junghunde bis hin zu Rasse-Tieren, deren man überdrüssig geworden sei. „Und viele Leute haben die Einstellung, dass wir Tierheime für so etwas dann auch gefälligst zuständig sind“, ärgert sich Hackl.

Etliche unerzogene Hunde

Das bedeutet für die Mitarbeiter im Tierheim nun vor allem: Viele unerzogene Hunde, mit denen man sich sehr intensiv beschäftigen muss. Das kostet viel Zeit – und Geld. Und das ist derzeit eh Mangelware. „Die teurer gewordenen Futtermittel für die Tiere, die Erhöhung der Gebührenordnung für Tierärzte und auch die Erhöhung des Mindestlohns treffen uns hart.“ Gleichzeitig haben wegen der Inflation die Spender selbst weniger „in der Tasche“, sodass Geldgeschenke im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurückgegangen seien. „Ich befürchte, dass auch unsere top Spendenmonate November und Dezember dies nicht mehr aufholen werden“, vermutet die Vorsitzende. „Im Gegenteil: Dann haben alle ihre Nebenkostenabrechnungen erhalten und werden selbst noch weniger zum Spenden übrig haben.“

Gleichzeitig werden gerade sehr wenig Tiere an neue Besitzer vermittelt. „Die Nachfrage ist stark gesunken, da der Markt erst einmal gesättigt ist“, so Hackl. Das bedeute aber ebenso: Wenn weniger vermittelt wird, können auch weniger Tiere aufgenommen werden. „Sowohl die Kapazitäten für die Unterbringung als auch die Anzahl von Tierpfleger/innen für die Betreuung unserer Tiere sind begrenzt.“

Besonders zeitintensiv sei derzeit die Betreuung der Herdenschutzhunde, die wohl noch längere Zeit im Tierheim wohnen müssen. Diese Hunde wurden von Behörden sichergestellt und ins Tierheim gebracht – Arbeitshunde, die zum Herdenschutz gezüchtet wurden. Mit ihnen werde intensiv gearbeitet, teilweise mithilfe externer Spezialisten und Hundetrainern. „Das erhöht die Vermittlungschancen“, so Hackl. „Denn auch diese Hunde sollen eine faire Chance auf ein gutes Zuhause haben.“ Wie sie sagt, müssen solche Tiere unbedingt mit Sachverstand angeschafft werden. „Wer sie ausschließlich aufgrund ihrer Optik und ihren imposanten Erscheinung anschafft, wird früher oder später zwangläufig Probleme bekommen“, so Hackl.

Zudem hat das Wiesbadener Tierheim mehrere Hunde eines befreundeten Vereins in Rumänien übernommen, der Tiere aus der Ukraine aufnimmt. Ein Hund musste seine aus der Ukraine geflüchtete Familie verlassen, da diese keine Wohnung gefunden hatte, in der Hunde erlaubt sind.

Viele Hunde nicht für Anfänger geeignet

Die Tierheim-Leiterin appelliert an alle, die sich ein Tier anschaffen wollen, sich erst einmal über die laufenden Kosten, insbesondere die Tierarztkosten, zu informieren. „Tiere werden auch älter und wenn man sich schon nicht die jährlichen Allgemeinuntersuchungen mit Impfkosten leisten kann, dann wäre es besser, man schafft sich überhaupt kein Tier an“, so Hackl. „Das klingt hart, ist aber auch Tierschutz.“ So passe auch nicht jede Hunderasse in jede Familie und manchmal seien hübsch anzusehende Tiere schlichtweg nicht für Anfänger geeignet. „Wir beraten bei Interesse gern, denn uns geht es nicht darum schnell zu vermitteln, sondern möglichst dauerhaft.“

Wenn ihr das Wiesbadener Tierheim unterstützt möchtet: Am dringendsten benötigt werden Geldspenden, dann kann das Geld nach Bedarf eingesetzt werden – für Futter oder, um zum Beispiel die erhöhten Kosten für Heizöl und Strom zu bezahlen. Mehr Informationen dazu findet ihr auf der Webseite des Tierheims.

Logo