Gibt es in Wiesbaden soziale Brennpunkte?

Gebiete wie der Schelmengraben, das Westend und Teile von Biebrich zählen für viele Wiesbadener zu den schlechteren Wohngegenden der Stadt. Kann man sie deshalb als „soziale Brennpunkte“ bezeichnen?

Gibt es in Wiesbaden soziale Brennpunkte?

Wer den Begriff „sozialer Brennpunkt“ hört, denkt wahrscheinlich an viel Blaulicht, dunkle, gefährliche Ecken und Kinder, die auf der Straße leben. Der Deutsche Städtetag hat Wohngebiete 1979 zwar eigentlich als soziale Brennpunkte definiert, wenn darin besonders viele Menschen leben, die sozial benachteiligt sind, heute wird der Begriff aber häufig mit Verwahrlosung und Kriminalität gleichgesetzt. Gibt es solche Stadtteile in Wiesbaden?

„Die Obdachlosensiedlung ‘Im Mühltal’ konnte man als Brennpunkt bezeichnen, das haben wir heute so nicht mehr.“ - Sozialdezernent Christoph Manjura

Als sozialen Brennpunkt würde das Sozialdezernat keinen der 26 Wiesbadener Stadtteile betiteln. „Die Obdachlosensiedlung ‘Im Mühltal’ konnte man als Brennpunkt bezeichnen, das haben wir heute so nicht mehr“, erklärt Sozialdezernent Christoph Manjura. Dort lebten jahrelang Menschen, die nichts mehr hatten, unter schlechten Bedingungen. Der Begriff „sozialer Brennpunkt“ würde außerdem dazu führen, dass Bewohner des Stadtteils diskriminiert werden — und das wiederum führe zu sozialer Ausgrenzung. Dass es aber Stadtteile gibt, in denen besonders viele Menschen leben, die weniger haben, als andere, könne und wolle das Sozialdezernat nicht leugnen.

Hohe soziale Bedarfslage statt Brennpunkt

Denn das zeigt auch die „Sozialraumanalyse“, ein 320 Seiten dickes Buch, das die soziale Lage in den verschiedenen Wiesbadener Stadtteilen festhält. 2014 kam die erste Ausgabe heraus, 2019 die zweite. Einige Stadtteile werden darin als Orte mit „hoher sozialer Bedarfslage“ identifiziert. Das heißt, viele Menschen, die in den Stadtteilen leben, brauchen Hilfe von Stadt und Gesellschaft, oder könnten sie in Zukunft in Anspruch nehmen müssen. In solchen Gebieten haben beispielsweise viele Bewohner ein geringes Einkommen, keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss, oder es herrscht eine besonders hohe Kinderarmut. Dazu gehören unter anderem Teile von Biebrich, des Inneren Westends und der Schelmengraben.

Besondere Herausforderungen für die Stadt

Den Stadtteilen, die 2019 im roten Bereich liegen, und damit besonders viele soziale Schwierigkeiten haben, geht es schon lange so. „Hier sieht man historisch kaum eine Veränderung“, sagt Sozialdezernent Christoph Manjura. Das liege vor allem an städtebaulichen und gesellschaftlichen Faktoren. Das innere Westend sei beispielsweise schon immer die erste Anlaufstelle für Menschen gewesen, die neu nach Wiesbaden kommen und dann wieder wegziehen. Dort würden außerdem viele Menschen mit einem niedrigen oder keinem Bildungsabschluss leben, auch, weil die Mieten geringer sind, als beispielsweise in Sonnenberg.

Was die Stadt für mehr soziale Gleichheit tut

„Soziale Gerechtigkeit bedeutet, Ungleiches ungleich zu behandeln“ und „Das benachteiligte Quartier soll nicht zum benachteiligenden Quartier werden“ — nach diesen Grundsätzen hat das Sozialamt schon nach der ersten Sozialraumanalyse Maßnahmen eingeleitet, um die soziale Ungleichheit abzumildern. So wurde die Quote von Sozialwohnungen von 15 auf 22 Prozent und in Neubaugebieten auf 30 Prozent erhöht. Außerdem gibt es besondere Angebote in Stadtteilen mit hohen sozialen Bedarfslagen wie die Kinderelternzentren (KiEZ) in Hollerborn, Klarenthal und im Quartier Gräselberg. Zudem investiert die Stadt mit dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ in fünf und nicht wie zuvor in nur zwei Stadtteile, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern.

„Wir wollen den ‘Wiesbadener Teilhabestandard’ verschriftlichen und politisch beschließen lassen.“ - Christoph Manjura

An dem Ansatz, Stadtteilen mit sozialer Bedarfslage an sie angepasste Angebote anzubieten, will das Sozialdezernat festhalten. „Wir wollen den ‘Wiesbadener Teilhabestandard’ verschriftlichen und politisch beschließen lassen“, sagt Christoph Manjura. Der Teilhabestandard soll bestimmte Maßnahmen festsetzen, die so nur in sozial schwächeren Gebieten umgesetzt werden sollen. Darunter fallen beispielsweise bessere Tagesbetreuungen wie Ganztagsschulen und Kindergärten, Förderprogramme von Bund und Land und weitere KiEZE. Außerdem fordert das Dezernat mehr Angebote für Kinder und Ältere und geringere Mieten in den Stadtteilen. Solche und weitere Maßnahmen will das Sozialdezernat jetzt erarbeiten und dann von der Stadtverordnetenversammlung beschließen lassen.

Die vollständigen „Sozialraumanalysen“ von 2014 und 2019 findet Ihr hier. (js)

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