Wie ticken die Wiesbadener? Dieser Frage ist das städtische Amt für Statistik und Stadtforschung in einer neuen Untersuchung nachgegangen, die am Montag (20. Oktober) veröffentlicht wurde. Anhand der sogenannten Sinus-Milieus zeichnet die Studie ein Bild der unterschiedlichen Lebenswelten in Wiesbaden. Diese Milieus fassen Menschen nicht nur nach sozialer Lage, sondern auch nach ihren Werten und Lebenseinstellungen in zehn Gruppen zusammen.
Insgesamt ist die Milieustruktur in Wiesbaden auf den ersten Blick recht unauffällig und ähnelt der in benachbarten Städten wie Mainz oder Darmstadt, wie die Studie zeigt. Die Haushalte verteilen sich relativ gleichmäßig auf die verschiedenen Gruppen. Lediglich das „Postmaterielle Milieu“ ist mit 15 Prozent etwas stärker vertreten als im Bundesdurchschnitt. Die kleinste Gruppe bilden mit sieben Prozent die „Prekären“, die um gesellschaftliche Teilhabe kämpfen.
Die zehn Lebenswelten im Überblick
Das Modell des Sinus-Instituts unterteilt die Gesellschaft in zehn Gruppen mit typischen Merkmalen, die von der sozialen Lage und den grundlegenden Werten geprägt sind:
Konservativ-Gehobenes Milieu: Die klassische Elite mit einem hohen Anspruch an Verantwortung und Erfolg, die sich nach Ordnung sehnt.
Postmaterielles Milieu: Eine engagierte, gebildete Schicht, die auf Nachhaltigkeit, Gemeinwohl und Vielfalt setzt.
Milieu der Performer: Die leistungsorientierte und technikaffine Elite, die global und liberal denkt und sich als Trendsetter sieht.
Expeditives Milieu: Die urbane, kreative und digitale Bohème, die nach neuen Erfahrungen und unkonventionellen Lösungen sucht.
Neo-Ökologisches Milieu: Progressive Realisten mit Optimismus und Problembewusstsein, die sich als Impulsgeber für den Wandel verstehen.
Adaptiv-Pragmatische Mitte: Der moderne Mainstream, der leistungsbereit und anpassungsfähig ist, aber auch Spaß und Unterhaltung sucht.
Konsum-Hedonistisches Milieu: Eine auf Konsum und Spaß im Hier und Jetzt fokussierte Gruppe, die sich als cooler Lifestyle-Mainstream versteht.
Prekäres Milieu: Die um gesellschaftliche Teilhabe bemühte Unterschicht, die sich oft benachteiligt und abgehängt fühlt.
Nostalgisch-Bürgerliches Milieu: Die harmonieorientierte Mitte, die sich nach gesicherten Verhältnissen sehnt und Angst vor dem Abstieg hat.
Traditionelles Milieu: Die ältere, sicherheitsliebende Generation, die in der kleinbürgerlichen oder traditionellen Arbeiterkultur verwurzelt ist.
Große Unterschiede zwischen den Stadtteilen
Ein genauerer Blick auf die Ortsbezirke zeigt, wie unterschiedlich die Milieus innerhalb Wiesbadens verteilt sind. Besonders heterogen ist die Mischung in den innerstädtischen Bezirken Westend, Rheingauviertel und Mitte. Die weiter außerhalb liegenden, ehemals dörflich geprägten Gebiete sind hingegen deutlich homogener. Die größten Gegensätze zeigen sich zwischen den nordöstlichen Vororten und der Innenstadt.
So dominieren in Stadtteilen wie Heßloch, Naurod oder Sonnenberg die sogenannten Leitmilieus, zu denen außer den Postmateriellen auch die klassische Elite („Konservativ-Gehobene“) und die leistungsorientierten „Performer“ zählen. In Heßloch gehören fast drei Viertel der Haushalte zu diesen Gruppen. Im Westend sind es dagegen nur 17 Prozent. Dort finden sich überdurchschnittlich viele Menschen aus den „Zukunftsmilieus“ wie den urbanen, kreativen „Expeditiven“ sowie aus dem sogenannten modernen Mainstream: der „Adaptiv-Pragmatische Mitte“ und dem „Konsum-Hedonistischen Milieu“.
Wo die Extreme aufeinandertreffen
Besonders deutlich wird die soziale Spaltung bei der Betrachtung der kleinsten Milieugruppe: den Prekären. Diese Gruppe ist in den wohlhabenden Vororten wie Sonnenberg, Naurod oder Heßloch kaum vertreten. In innerstädtischen Lagen wie dem Westend (13 Prozent), dem Rheingauviertel (10 Prozent) oder auch in Amöneburg (10 Prozent) stellen sie hingegen einen nennenswerten Anteil der Bevölkerung.
„Es gibt nicht die typische Wiesbadenerin oder den typischen Wiesbadener“, fasst Maral Koohestanian (Volt), Dezernentin für Smart City, Europa und Ordnung, die Ergebnisse zusammen. Dieses Wissen über die Vielfalt sei wichtig, um die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen besser zu verstehen, etwa bei der Planung von städtischen Angeboten. Die Analyse soll daher künftig noch kleinräumiger fortgesetzt werden.
Die vollständige Studie zu den sozialen Milieus findet ihr auf der Website der Stadt Wiesbaden. Auch eine Studie über digitale Milieus in Wiesbaden wurde dort veröffentlicht.