„Ukrainische Familien werden bombardiert“ – Emotionale Rede bei Kundgebung in Wiesbaden

Bei der Solidaritätskundgebung für die Ukraine auf dem Dern'schen Gelände am Freitagabend kamen auch ukrainische Teilnehmer zu Wort. Sie forderten: Hört uns zu und unterstützt die Ukraine nicht nur mit Worten, sondern mit Taten.

„Ukrainische Familien werden bombardiert“ – Emotionale Rede bei Kundgebung in Wiesbaden

„Dürfen wir bitte etwas sagen?“, fragten zwei Teilnehmer der Solidaritäts-Kundgebung für die Ukraine am Freitagabend auf dem Dern’schen Gelände. „Ihr habt gesagt, was ihr sagen wolltet, aber hört uns nicht.“ Nachdem Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) und die Mitglieder des Veranstalters „Bündnis für Demokratie“ ihre Reden gehalten hatten, wollten die Teilnehmer selbst zu Wort kommen, ihre eigenen Forderungen laut aussprechen. Während die Veranstalter und der Oberbürgermeister ihre uneingeschränkte Solidarität bekundeten, wollten die ukrainischen Teilnehmer der Kundgebung vor allem eines: gehört werden und mehr Unterstützung aus Deutschland.

Swift-Ausschluss großes Thema

Nach einer kurzen Diskussion mit den Veranstaltern durften die beiden Teilnehmer der Kundgebung dann tatsächlich spontan an das Mikrofon treten. „Ich habe heute ganz früh am Morgen mit meiner ukrainischen Familie in Kiew gesprochen“, sagte ein Teilnehmer. „Die werden bombardiert. Nicht nur meine Familie, viele ukrainische Familien werden bombardiert.“ Sie fühlten sich von Deutschland und dem Westen verraten. Es fehlten harte Sanktionen gegen Russland und militärische Unterstützung für die Ukraine. Eine der größten Forderungen, die auch auf vielen Plakaten auf der Kundgebung zu lesen war: Der Ausschluss Russlands vom internationalen Zahlungssystem Swift.

„Es gibt keine Swift-Sanktionen, weil Deutschland eines der Länder ist, das dagegen ist“, so der Teilnehmer. Das Zahlungssystem Swift wird von mehr als 11.000 Finanzinstitutionen in mehr als 200 Ländern benutzt und ist entscheidend für den globalen Geldfluss. Die EU konnte sich bislang nicht darauf einigen, Russland aus dem Zahlungssystem auszuschließen. Deutschland und Ungarn blockierten den Ausschluss beim EU-Sondergipfel, weil Russland deshalb womöglich Gaslieferungen einstellen könnte. „Wir hören immer wieder: ‘Wir werden was tun. Wir werden, wir hoffen, we pray for ukraine’“, so der Teilnehmer der Kundgebung zu den bisherigen Sanktionen. „Das ist sehr gut, vielen Dank dafür. Aber Deutschland, das ist nicht genug.“

Auch Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende sagte zuvor in seiner Rede, dass sich demokratische Staaten nicht weiter wirtschaftlich abhängig machen dürften: „Militärische Aggression darf sich nicht lohnen. Die demokratischen Staaten müssen endlich ganz grundsätzlich ihr Verhältnis zu autokratischen Regimen klären“, sagte Mende. „Klare Kante und weniger wirtschaftliche Abhängigkeit tun Not. Auch wenn Diktatoren Demokratien als schwächliche Systeme verhöhnen, können und müssen wir beweisen, dass das Gegenteil stimmt.“

„Lassen Sie die Waffen ruhen, ziehen Sie ihre Truppen zurück, kehren Sie zurück an den Verhandlungstisch.“ - Gert-Uwe Mende, Oberbürgermeister

Der Oberbürgermeister sagte außerdem seine Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine zu und richtete sich direkt an Russlands Präsidenten Wladimir Putin. „Wir stehen an der Seite der Ukraine, wir stehen an der Seite der Opfer, die mit brutaler Gewalt überfallen worden sind. Unser Appell an Wladimir Putin ist: Lassen Sie die Waffen ruhen, ziehen Sie ihre Truppen zurück, kehren Sie zurück an den Verhandlungstisch.“ In seiner Rede dankte er darüber hinaus den Menschen, die in Russland gegen den Krieg demonstrieren: „Unser Respekt und unsere Hochachtung gilt den Menschen, die gestern und heute unter Inkaufnahme von Verhaftung und Staatsgewalt in Russland auf die Straßen gehen. Danke für diesen unglaublichen Mut und die Zivilcourage, dem Putin-Regime die Stirn zu zeigen.“ Die Teilnehmer der Kundgebung applaudierten laut. Im Laufe der Veranstaltung stimmten sie immer wieder die ukrainische Nationalhymne an.

„Ich liebe Deutschland. Ich liebe die Ukraine. Ich hoffe einfach, dass ihr uns weiter unterstützt und wirklich nicht nur mit Worten, sondern gemeinsam mit Taten.“ - Teilnehmerin

Am Ende der Kundgebung lautete das gemeinsame Signal: wir müssen weiter zusammenhalten. Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr (CDU) sagte: „Lassen Sie uns hier künftig von diesem Platz aus nicht ein Ort werden, an dem wir miteinander in Streit geraten, sondern wo wir unsere Positionen finden und uns gegenseitig zuhören. Dann kann das eine ganz, ganz starke Versammlung sein.“ Eine Teilnehmerin, die ebenfalls an das Mikrofon treten durfte, stellte fest, dass unter den rund 800 Menschen vor Ort auch viele Deutsche waren. „Ich freue mich sehr. Danke, dass ihr hier seid. Danke, dass ihr uns unterstützt.“ Sie selbst komme aus Kiew und wohne seit sechs Jahren in Deutschland. „Ich liebe Deutschland. Ich liebe die Ukraine. Ich hoffe einfach, dass ihr uns weiter unterstützt und wirklich nicht nur mit Worten, sondern gemeinsam mit Taten. Vielen dank, dass ihr uns hier zuhört.“

Eine weitere Kundgebung findet heute (26. Februar) um 14 Uhr auf dem Rathausvorplatz statt. Die politische Jugendorganisationen der hessischen Grünen, SPD, Union und FPD rufen unter dem Motto „Stand with Ukraine“ zu der gemeinsamen Solidaritätskundgebung auf.

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