Warum es in Wiesbaden ein „Märchenland“ gibt

Am Rande von Dotzheim liegt eine Siedlung, die den Namen „Märchenland“ trägt. Welche Geschichte steckt hinter dem Ortsteil mit dem märchenhaften Namen?

Warum es in Wiesbaden ein „Märchenland“ gibt

Wer durch eine Siedlung in Dotzheim läuft, fühlt sich, als blättere er durch ein Buch der Gebrüder Grimm. Denn in der Siedlung „Märchenland“ wohnt man in Straßen wie dem Hänsel- oder dem Gretelweg, dem Schneewittchenweg oder dem Sterntalerweg. Mittelpunkte der Siedlung sind Plätze wie der Rotkäppchen- und der Froschkönigplatz.

Welche Geschichte steckt hinter der Siedlung mit dem märchenhaften Namen zwischen dem Schloss Freudenberg und dem Schelmengraben? Seit wann gibt es sie und wie kam sie zu ihrem Namen? Darüber hat der Heimat- und Verschönerungsverein Dotzheim Ende der 1990er Jahre eine Chronik verfasst. Darin erfährt man nicht nur, wie sich die Siedlung entwickelt hat, sondern auch, dass sie eine eigene Hymne hat.

Die ersten Häuser standen schon vor dem 2. Weltkrieg

Dabei hätte es die Siedlung beinah nicht gegeben. Ursprünglich hatte die Stadt das Gelände als Bauland abgelehnt. Grund war der schlechte und besonders feuchte Untergrund, bestehend aus Kies und Stein. Das damalige Aufbauministerium war es, das den Bau dennoch vorantrieb. Denn nach dem Krieg brauchte die Stadt mehr Wohnfläche für Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Zwar standen schon vor dem Zweiten Weltkrieg die ersten zwölf Häuser im Gebiet des Märchenlandes, die eigentliche Siedlung entstand dann aber erst ab 1947.

Immer mehr Menschen fanden in der Siedlung ein Zuhause. Viele von ihnen hatten die Folgen des Kriegs ins Märchenland geführt, andere kamen aus Dotzheim, Frauenstein und anderen Teilen von Wiesbaden und hatten schlicht Interesse an der neuen Siedlung. Im Laufe der Jahre etablierte sich die Siedlung dann als Märchenland. Die Bewohner feierten Straßenfeste und nahmen 1952 sogar als Märchenfiguren verkleidet am Wiesbadener Karnevalszug teil. Auf ihrem Wagen stand: „Achtung! Jetzt kommt’s Märchenland“.

Für die ersten Bewohner war die Siedlung ein echtes Märchenland

Den Namen „Märchenland“ bekam die Siedlung von den Stadtplanern, die die Straßen nach Märchen der Gebrüder Grimm benennen wollten. Solche Straßen und Plätze gibt es auch in anderen Städten, darunter Kassel und Berlin. Sie sollen die Arbeit der Gebrüder Grimm würdigen.

„Es ist ja unser halbes Himmelreich: Die schöne Siedlung Märchenland.“ - Märchenland-Hymne

Manfred Lommatzsch, ein Bewohner der Siedlung „Märchenland“, sieht noch eine andere Bedeutung hinter dem Namen. Er beschreibt ihn in der Chronik des Dotzheimer Heimatvereins so: „Schöne Häuser und Vorgärten, blühende Bäume und Pflanzen, Vogelgezwitscher, Summen der Insekten und vieles mehr lassen mich erkennen, dass sie wieder da ist: die Oase der Ruhe und des Friedens. Viele Menschen haben nach Krieg und Vertreibung hier eine neue Heimat gefunden.“ Ein ähnlich idyllisches Bild der Siedlung zeichnet die Märchenland-Hymne: „Es ist ja unser halbes Himmelreich: Die schöne Siedlung Märchenland“, heißt es dort unter anderem.

Heute klassisches Wohngebiet

Heute ist die Siedlung ein klassisches Wohngebiet, das von Einfamilienhäusern mit Gärten geprägt ist. Anders als der Schelmengraben nebenan gehört sie zu den Siedlungen, in denen vor allem mittlere bis wohlhabende Bevölkerungsgruppen leben. Im letzten Jahr wurde der 1962 eingeweihte Froschkönigplatz für 300.000 Euro umgebaut. Jetzt erinnern nicht mehr nur die Straßennamen des Märchenlands an die Gebrüder Grimm, auch auf dem Froschkönigplatz finden sich viele Märchenfiguren wieder: Für die älteren Kinder gibt es den Froschkönig zum Klettern, sein Brunnen findet sich in einem Trampolin wieder. Außerdem gibt es Aschenputtels Kutsche mit Sandbackstation und Rutsche.

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