Wiesbaden wird immer sicherer, die Wiesbadener fühlen sich immer unsicherer — Wie passt das zusammen?

Es ist ein Widerspruch, der sich schon seit Jahren beobachten lässt: Selbst mit der niedrigsten Kriminalitätsrate in Wiesbaden seit 1984 fühlen sich die Einwohner stetig unsicherer. Ein Erklärungsversuch.

Wiesbaden wird immer sicherer, die Wiesbadener fühlen sich immer unsicherer — Wie passt das zusammen?

Es ist eine seltsame Entwicklung. Jährlich zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), dass die Straftaten in Wiesbaden zurückgehen. Im vergangenen Jahr lag die Kriminalitätsrate sogar auf dem niedrigsten Wert seit 1984. Gleichzeitig steigt die Aufklärungsquote, sie lag zuletzt bei 64 Prozent. Ein ausgezeichneter Wert. Und trotzdem fühlen sich die Wiesbadener nicht sicher. Wie passt das zusammen?

„Wiesbaden ist ein relativ sicheres Pflaster.“ - Kriminalpsychologe Rudolf Egg

„Vieles verändert sich und unsere Perspektive wird beeinflusst“, meint Kriminalpsychologe Rudolf Egg aus Wiesbaden. Er sieht die Stadt — im Einklang mit der PKS — als „relativ sicheres Pflaster“. „Wir hatten in den 70er-Jahren zum Beispiel einen sehr starken Linksterrorismus in Deutschland durch die RAF, das gibt es so jetzt nicht mehr. Dafür haben wir jetzt die Gefahr durch islamistischen Terror, was wir so früher gar nicht kannten“, erklärt Egg schon 2016 im Gespräch mit Merkurist.

Bundesweites Phänomen

Dabei ist das sinkende Sicherheitsgefühl kein Wiesbadener Phänomen. Bei der Vorstellung der PKS für die Bundesrepublik im April wurde erstmals auch eine Befragung zum Sicherheitsempfinden der Bürger vorgestellt. Ergebnis: Die Zahl der Menschen, die sich in ihrem eigenen Wohnumfeld unsicher fühlen, ist binnen fünf Jahren um mehr als vier Prozent gestiegen. Im Osten Deutschlands sei das Gefühl der Unsicherheit noch einmal deutlicher gewachsen.

„Die Veränderung des Sicherheitsgefühls ist historisch gewachsen.“ - Polizeisprecher Markus Hoffmann

Diese Entwicklung beschäftigt auch die Wiesbadener Polizei. Die Veränderung des Sicherheitsgefühls sei laut Sprecher Markus Hoffmann „nach hiesiger Ansicht in den letzten Jahren historisch gewachsen“ und versucht sich an einer Erklärung: „Einflussfaktoren sind dabei unter anderem Terroranschläge im In- und Ausland in den letzten Jahren, die sich auf das Verhalten der Menschen, zum Beispiel bei Großveranstaltungen oder Weihnachtsmärkten, ausgewirkt haben.“ Weitere Vorfälle im In- und Ausland bis hin zu den „schrecklichen aktuellen Ereignissen“ täten ihr Übriges“, um sich negativ auf das Sicherheitsgefühl der Wiesbadener auszuwirken.

Mitschuld der Medien

Gewalttätige Vorfälle im öffentlichen Raum würden sehr sensibel wahrgenommen, sagt Hoffmann. „Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang privat gefertigte Videos, die sich in sozialen Netzwerken in vielen Fällen wie ein Lauffeuer — völlig unreflektiert in Bezug auf die Folgen — verbreiten.“

„Je scheußlicher, desto berichtenswerter.“ - Kommunikationswissenschaftler Oliver Quiring

Aber nicht nur soziale Medien, auch Medien im klassischen Sinne tragen zu der Verunsicherung bei. So erklärt Oliver Quiring, Leiter des Lehr- und Forschungsbereichs für Kommunikationswissenschaft am Institut für Publizistik der Universität Mainz im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“: „Je scheußlicher und absonderlicher, desto berichtenswerter. Dass die Art der medialen Darstellung das Sicherheitsgefühl nicht gerade erhöht, ist sehr plausibel und auch ganz gut erforscht.“

Angst habe eine recht irrationale Komponente. Und die lasse sich durch Statistiken eben nur schwer eindämmen. Bürger überschätzten die „Chance“, Opfer eines Verbrechens zu werden massiv. Das liege auch an den Medien, sagt Quiring. „Berichte über schwere Kriminalität werden von allen Medien gerne gebracht. Sie reagieren damit auf eine zutiefst menschliche Eigenschaft: Wir sind bei Gefahr deutlich aufmerksamer als in deren Abwesenheit.“

„Soziale Medien bergen gewisse Problematik.“ - Rudolf Egg

Es gibt aber auch Medien, die Zusammenhänge bewusst falsch darstellen, Probleme überhöhen oder ganz plump lügen. „Soziale Medien eröffnen diverse Möglichkeiten, mit Falschmeldungen, die ihren Weg in die etablierten Medien finden, für Verunsicherung zu sorgen“, so Quiring zum „Tagesspiegel“. „Man kann beliebe Gerüchte einstreuen, die sich nicht bewahrheiten“, bemängelt auch Egg. „Bei dem Amoklauf in München sind viele parallele Meldungen eingelaufen, sodass man geglaubt hat, es gebe eine ganze Gruppe von Terroristen, die die Stadt in Atem halten. Die sozialen Medien tun eben nicht nur Gutes oder Schlechtes, sondern bergen auf beiden Seiten eine gewisse Problematik, vor allem da die Informationen ungefiltert in die Welt gelangen.“

Wiesbadener sollen sich wieder sicherer fühlen

Um zu erfahren, wo genau und warum sich die Wiesbadener unsicher fühlen, führt die Stadt gemeinsam mit der Polizei im Herbst eine Bürgerbefragung durch. So sollen Brennpunkte definiert und Unsicherheitsfaktoren bestimmt werden. Außerdem sind derzeit Videokameras am Platz der Deutschen Einheit, Schwalbacher Straße und in der Umgebung des Hauptbahnhofs und dem Kulturparkgelände in Planung. „Die Maßnahmen zur Umsetzung dauern derzeit noch an“, so Polizeisprecher Hoffmann.

Bereits aktiv geworden ist die Polizei etwa auf Veranstaltungen in Wiesbaden. Dort sei man nun wesentlich präsenter, auch in Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt. Auch abseits von Festen und Veranstaltungen werde die Stadt wesentlich intensiver bestreift als noch vor Jahren. Hinzu kommt ein gezieltes Vorgehen gegen Intensivtäter durch Kontrollen: „Somit wird eine frühestmögliche Identifizierung von Rädelsführern, Vielfachtätern und Intensivtätern, die im öffentlichen Raum der Innenstadt unterwegs sind, erreicht. Die Analyse- und Auswertemöglichkeiten werden stetig fortentwickelt. Ziel ist es, Intensivtäter früher zu erkennen und gezielter gegen sie vorzugehen“, so Hoffmann. (nl)

Logo