Die Wiesbadener sind hessenweit am meisten verschuldet

Wiesbaden ist die hessische Schuldenhochburg. Wie aus einer Studie hervorgeht, sind in keiner Stadt im Umkreis mehr Bürger verschuldet als hier. Und die Corona-Pandemie könnte die Zahlen in Zukunft sogar noch verschlechtern.

Die Wiesbadener sind hessenweit am meisten verschuldet

Fast jeder sechste Wiesbadener ist verschuldet. In Hessen stehen in keiner Stadt mehr Menschen im Schnitt im Minus und auch im bundesweiten Vergleich schneidet die hessische Landeshauptstadt nicht gut ab. Das geht aus dem „Schuldneratlas 2020“ der „Wirtschaftsauskunftei Creditreform Wiesbaden“ hervor.

Wiesbaden auf vorletzten Platz der Landeshauptstädte

Konkret sind in Wiesbaden 16,8 Prozent der Erwachsenen verschuldet. Hessenweit liegt die Überschuldungsquote damit noch etwas höher als in anderen Städten wie Offenbach (16,6 Prozent) und Kassel (15,0 Prozent). Im Vergleich mit anderen Landeshauptstädten landet Wiesbaden sogar auf dem vorletzten Platz. Nur in Saarbrücken liegt die Überschuldungsquote mit 17,0 Prozent noch etwas höher. Im vergangenen Jahr war das allerdings noch umgekehrt und Wiesbaden landete auf dem letzten Platz.

Gleichzeitig haben die Wiesbadener immer mehr Geld zur Verfügung. Hochrechnung der IHK zufolge, sind es exakt 26.744 Euro, die jedem Wiesbadener im Durchschnitt aufs gesamte Jahr verteilt zur Verfügung stehen. Das sind 2000 Euro mehr als noch vor fünf Jahren. Dabei ist die Schere zwischen Arm und Reich in der Stadt aber vergleichsweise groß (wir berichteten). Während beispielsweise in Sonnenberg und Rambach 3,4 Prozent der Einwohner Hartz IV oder Sozialhilfe beziehen, sind es im Schelmengraben über 30 Prozent. Ähnlich groß sind die Unterschiede in der Arbeitslosenquote. Und auch die Altersarmut in der Stadt steigt.

Insgesamt weniger Verschuldete im Land als im Vorjahr

Während Wiesbaden im bundesweiten Schuldenvergleich von Creditreform keine gute Figur macht, schneidet das Bundesland Hessen vergleichsweise gut ab. Mit einer Überschuldungsquote von 9,95 Prozent liegt Hessen auf Platz 6 der 16 Bundesländer. Damit ist jeder zehnte Hesse verschuldet — in diesem Jahr sind das sogar rund 3.000 Personen weniger als noch im Vorjahr.

Ähnlich sieht es insgesamt in Deutschland aus. Die Zahl überschuldeter Privatpersonen hat sich bundesweit insgesamt um 69.000 Personen auf 6,85 Millionen verringert. Gründe dafür gibt es viele: Während die Privatinsolvenzen in den vergangenen Jahren zurückgingen, erhielten immer mehr Menschen Mahnungen, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlten, so Creditreform. Außerdem rutschten immer mehr Bürger in die Altersarmut, während jüngere Menschen weniger oft verschuldet seien.

Corona könnte langfristig zu höheren Zahlen führen

Dass bundesweit weniger Bürger verschuldet sind, nennt Creditreform aber die „Ruhe vor dem Sturm“. Ein wichtiger Faktor könnte noch vieles verändern, so Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform: „Die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung sind besorgniserregend, da die Corona-Pandemie auch eine weitere Polarisierung von Einkommen und Vermögen bewirkt“, sagt er. Millionen Menschen seien bundesweit noch in Kurzarbeit, Millionen Freiberufler und Selbstständige kämpften um ihre Existenz.

„Die unteren sozialen Schichten haben keine oder nur sehr geringe finanzielle Reserven und ver- und überschulden sich.“ - Stephan Vila, Creditreform

Gutverdiener könnten Einkommensausfälle zwar kompensieren, da sie unter anderem mehr sparen könnten. „Die unteren sozialen Schichten haben keine oder nur sehr geringe finanzielle Reserven und eine „negative Sparquote“ – sie ver- und überschulden sich“, erklärt Stephan Vila, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum und microm weiter. Die Folge: Bereits jetzt deuten sich finanzielle Überlastungen an, die in Zukunft zu einem Anstieg der Überschuldungsfälle führen werden. (nl)

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