„Verküktheiten“ im Schlachthof

Seit 17 Jahren präsentieren Monat für Monat die „Wilden Worte“ in Wiesbaden Poetinnen und Poeten, die mit Wortgewalt und leisen Tönen zu überzeugen wissen. So auch am Mittwochabend in der Halle im Schlachthof.

„Verküktheiten“ im Schlachthof

Am Mittwochabend flogen sie wieder durch die Halle, die „Wilden Worte“: ganze Sätze, Worte und Stille, aber auch nur Worthülsen. Einmal im Monat nehmen im Schlachthof Poetry Slammer das Publikum dorthin mit - Where the Wild Words Are.

Es sind frei vorgetragene oder in Briefform verfasste Geschichten - nicht selten autobiographische, die die Poetinnen und Poeten auf der Bühne inszenieren. Dramaturgisch ausgestaltete Metaphern und Pausen ergeben Gereimtes als auch Ungereimtes. Die Themen sind Liebe, Trennung, das Sich-Auseinanderleben. Flohmärkte, Gier und Geiz, das Fußballstation.

"Du sagst, wir werden nicht alt, wir kommen nur zur Ruhe, und dass du nicht mehr mitkommen möchtest, wenn ich abends zu meinen Konzerten fahre." - Julia Szymik, Slammerin

Die Slammer werfen Phrasen ab, aber auch Tiefgründiges. Was ihnen im eigenen Leben an Inspiration fehlt, haben sie sich in Gedanken und Erinnerungen zusammengesucht. Gelegentlich scheinen die literarischen Vorbilder durch.

Die Regeln beim Poetry Slam

Die Regeln beim Poetry Slam sind schnell erklärt. Regel Nummer eins lautet: „Respect your poets“. Moderator Jens Jekewitz betont, dass die Regel aber kein Freibrief für die Teilnehmer sei. Sowieso setze Regel Nummer drei die die Poeten schützende Regel Nummer eins außer Kraft, wenn jene gegen Regel Nummer zwei verstoßen und nicht selbst verfasste Texte vorgetragen würden. So kompliziert sei das alles gar nicht. Lese etwa einer der Teilnehmer aus der Bibel oder einem Telefonbuch vor, dürfe das Publikum seinem Unmut mit aller Kraft freien Lauf lassen.

„Regel Nummer drei: Schmähkritik, faule Äpfel und Tomaten sind erlaubt.“ Moderator Jens Jekewitz

Die Regeln Nummer vier und fünf gibt es auch noch. Einmal auf der Bühne, bleibt den Poeten allein ihre Stimme, um zu punkten. Requisiten – seien es ein Stift, eine Tröte oder ein Tuch – sind nicht erlaubt. Über die Qualität der Performance entscheidet, laut Regel fünf, die Publikumsjury und später das Publikum mit seinem Applaus.

Wortschlacht im Kulturzentrum

In der zu drei Vierteln gefüllten Halle war man den insgesamt neun Poeten an diesem Abend wohlgesonnen. Aus Köln, Bonn, Essen, aus Stuttgart, München und Mainz angereist, traten sie in drei Vorrunden um den Einzug ins Finale an. Es ging zum einen um den Einzug in das Tagesfinale und zum anderen darum, beim großen Finale im Dezember dabei zu sein.

"Gibt es in Deutschland eigentlich No Go-Areas? Für mich schon lange: Ü-40 Parties zum Beispiel, Spaßbäder, NPD-Parteitage ...“ Slammer Christian Gottschalk

Das Publikum geizte nicht mit Beifall für Selina, Christian, Martin, Eva, Gax, Ingo, Julia, „Zwergriese“ und Markus. Wohl aber hier und da mit den Punkten: Nur einmal vergab es die Höchstnote von zehn Punkten. Doch in die Wertung ging diese dann doch nicht ein, sondern wurde regelkonform gestrichen.

Die Sieger des Abends

Gemäß Regel Nummer eins war in der Vorrunde das Ausscheiden jedes Einzelnen mit gebührendem Applaus bedacht worden. Als Vorrundensieger durften der Kölner Christian Gottschalk, der Frankfurter Gax Axel Gundlach mit der Marburgerin Julia Szymik im Finale ein zweites Mal auf die Bühne. Hier konnte sich Jens Jekewitz jedoch an diesem Abend nicht auf das geschulte (Applaus-)Ohr von Slam-Master und seinem Co-Moderator Hendrik Hartemann verlassen. Hartemann und sein Urteilsvermögen seien derzeit irgendwo in Irland „Whisky testen“, so der Moderator.

Jekewitz griff auf seine eigene 17-jährige Erfahrung zurück. Ohne Wenn und Aber entschied er über Sieg und Niederlage. Denkbar knapp gewann am Ende des Poetry Slams im Schlachthof Gax Axel Gundlach. Er erhielt als einigermaßen kuriosen Preis die Kollekte der Gäste, eingesammelt in der sogenannten „Verküktheiten-Wundertüte für Sprachschaffende“.

Merkurist