Warum der Biebricher Zollspeicher immer weiter verfällt

Eine Baustelle am Biebricher Rheinufer liegt seit Monaten brach. Eigentlich sollten im denkmalgeschützten Zollspeicher-Gebäude Luxuswohnungen entstehen, doch das Projekt scheint geplatzt und das Haus verfällt nach und nach.

Warum der Biebricher Zollspeicher immer weiter verfällt

„15 großzügige Wohnungen und ein Penthouse mit Wohnflächen zwischen circa 100 und 320 Quadratmetern. Jede einzelne Wohnung bietet eindrucksvolle Ausblicke nach Süden auf den Rhein und die gegenüberliegende grüne Insel Rettbergsaue“, so lauteten vor einigen Jahren die Pläne für den Umbau des historischen Zollspeichergebäudes am Biebricher Rheinufer.

Ruine statt Investment

Zu sehen sind die Pläne noch immer auf der Homepage der Dr. Schütz Immobilien GmbH mit Sitz in Berlin und Köln. Die Realität in der Rheingaustraße 147 sieht aber anders aus. Dort verfällt das rund 100 Jahre alte Haus immer mehr. Fensterscheiben gibt es kaum noch, der Putz bröckelt und die graue Fassade ist an vielen Stellen mit Graffitti besprüht. Statt neuer Mieter sind in den vergangenen Monaten nur Tauben eingezogen — und die machen sich inzwischen bis auf die Uferprommenade bemerkbar.

Dass die Pläne für die Wohnungen noch immer online sind, ist für Wolfgang Schütz nichts Ungewöhnliches. Auf Anfrage von Merkurist erklärt er, dass seine Firma sich auf die Vermittlung von denkmalgeschützten Gebäuden spezialisiert hat. Er vermittelt dabei zwischen Bauträgern und Interessenten, die in ein Gebäude investieren wollen. „Unsere Homepage ist wie ein Schaufenster. Unsere Kunden sind zumeist auf der Suche nach einer Immobilie als Geldanlage. Denn wer sich für ein Denkmal interessiert, hat große steuerliche Vorteile“, erklärt Schütz. Im konkreten Beispiel bedeute das, wer eine Wohnung im Zollspeicher vor dem Umbau kaufe, könne einen Teil der Kosten, nämlich die, die für die Erhaltung des Gebäudes aufkamen, steuerlich abschreiben. Einen Teil des Kaufpreises bekommt der Käufer also im Nachhinein zurück.

Wohnungen im Zollspeicher habe Schütz noch nicht vermittelt, „aber das ist nicht ungewöhnlich. Auch, dass sich der Umbau bei solchen Projekten mehrmals verschiebt, kommt häufiger vor“, so der Berliner. Dass im vergangenen Sommer ein Transparent am Zollhafen verkündete, dass bereits acht verkauft seien, wusste er nicht.

Strenge Auflagen

Die Pläne für den Umbau brachte vor einigen Jahren Thorsten Seegräber ins Spiel. Als Vorsitzender der „Denkmal AG“ Wiesbaden erklärte er damals: „Wir hatten 2012 die Ausschreibung der Stadt gewonnen und das Gebäude gekauft.“ Doch die Stadt musste alle Umbauten genehmigen, wichtig war dabei zum einen, dass der historische Charakter des Zollspeichers erhalten bleibt und zum anderen, dass der Umbau bis Februar 2019 abgeschlossen ist.

Dass dieser Termin nicht einzuhalten war, zeigte sich spätestens im Frühjahr 2018. SPD, CDU und Grüne forderten deshalb in einer Sitzung der Stadtverordneten, dass das Gebäude zurück in städtische Hand gehen soll. Doch da war der Zollspeicher schon nicht mehr in Seegräbers Besitz. Er hatte die Immobilie an die „ICG Projektgesellschaft“ weiterveräußert.

Rückkauf durch die Stadt geplant

Die Stadt hat deshalb im Moment keinen Zugriff auf das Areal. Auch gegen die Taubenplage in der Ruine kann deshalb nichts unternommen werden. Damit sich das möglichst schnell ändert, hat die Stadt ein Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses soll zeigen, ob die Stadt das Grundstück zurückkaufen kann, weil nicht alle Auflagen vom Erstkäufer erfüllt wurden.

Eine Anfrage zum aktuellen Stand und den Plänen mit dem Zollspeicher an die „ICG-Projektgesellschaft“ blieb bis zum Erscheinen dieses Artikels unbeantwortet. (ts)

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