Reporter-Legende aus Wiesbaden: Mit 68 auf den härtesten „Tour de France“-Berg

Peter Leissl war jahrelang die ZDF-Stimme der Tour de France. Jetzt ist er im Ruhestand – und hat sich ein neues Ziel gesetzt. Mit dem Rad will Leissl einen Giganten der Tour bezwingen: den Mont Ventoux. Warum tut er sich das an?

Reporter-Legende aus Wiesbaden: Mit 68 auf den härtesten „Tour de France“-Berg

Die Liebe zum Ausdauersport hat den Wiesbadener Sportreporter Peter Leissl zum ZDF gebracht. Für den Sender aus der Nachbarstadt Mainz berichtete Leissl von Olympischen Spielen, großen Leichtathletik-Wettkämpfen und dem größten Radrennen der Welt: der Tour de France.

Auch wenn er inzwischen im Ruhestand ist, will sich der 68-Jährige noch großen sportlichen Herausforderungen stellen. Im Merkurist-Interview spricht Leissl über seinen Plan, den Mont Ventoux mit dem Rad zu bezwingen, die Rückkehr der Tour de France ins ZDF und über den größten Star, den der Männer-Radsport aktuell zu bieten hat: Tadej Pogacar.

Herr Leissl, wie intensiv haben Sie die Tour de France 2026 verfolgt, wo Sie doch nun im Ruhestand sind?

Wenn man einmal mit diesem Sport anfängt, dann befällt einen gleich der Bazillus „Tour“. In diesem Jahr gab es wieder so viele Geschichten und Schicksale, die mich gepackt haben: Sei es nun Vingegaards Sturz oder als ich sah, wie Florian Lipowitz im Zeitfahren über den Boden schlitterte. Oder denken Sie an Tadej Pogacar und daran, wie er den Berg hochstürmte, als sei er von einem anderen Planeten. Es waren mitunter tolle Bilder, das wird von Jahr zu Jahr professioneller. Es gibt immer noch mehr an Details, die man als Zuschauer bekommt. Wenn man fernsieht und nebenbei das Internet laufen lässt, ist man super informiert. Das ist so ein Fortschritt gegenüber meiner Zeit als Live-Kommentator, den späten Nullerjahren, bis 2011.

„Mich hat diese Tour de France wieder voll in den Bann gezogen.“

Sie sind also auch als Zuschauer noch voll mit dabei, wie man hört.

Mich hat diese Tour de France wieder voll in den Bann gezogen. Speziell die Bergetappen gegen Ende in den Alpen, aber auch die Vogesenetappe haben mich fasziniert. Die Schlusssteigung bin ich kürzlich selbst gefahren im Zuge meiner Vorbereitung für mein großes Event, das bald ansteht.

Sie nehmen in diesem Jahr erneut am Radsport-Event „L'Étape du Tour“ teil, fahren hinauf zum berüchtigten Mont Ventoux in der Provence. Wie laufen Ihre Vorbereitungen?

Nicht so gut, zuletzt sind sie empfindlich gestört worden. Leider bin ich Mitte Juli gestürzt und hatte einen großen Bluterguss an meiner linken Schulter.

Wie kam es dazu?

Es ist ohne Einwirken fremder Menschen passiert – das ist noch das Gute im Schlechten. Trotzdem: ein wirklich blöder Sturz. Unterwegs durch die Pfalz wollte ich zwischen Büschen hindurch auf die Straße fahren. Leider hat mich mein brandneues Rad abgeworfen wie ein störrischer Esel (lacht). Ich lag am Boden und merkte, dass etwas nicht stimmt. Sofort hat es in meinem Kopf gearbeitet: War es das jetzt mit dem Mont Ventoux? Kannst du das überhaupt noch machen?

Ist Ihr Start denn in Gefahr?

Es ist in den ersten acht Tagen zumindest ganz gut abgeheilt, aber es stört meine Vorbereitung empfindlich. Ich kann den Lenker gut greifen, nur beim Bremsen schmerzt es noch etwas, wenn ich Druck aufbaue. Ich gehe mit realistischen Erwartungen auf diese harte Etappe: Wenn ich es gemeinsam mit einem Freund nach oben schaffe, bin ich zufrieden. Ohne den Sturz wäre mein Ziel sicher ambitionierter gewesen.

Wie viele Höhenmeter müssen Sie denn überwinden?

Der Schlussanstieg hat 1300 Meter am Stück. Insgesamt sind es knappe 3000 Höhenmeter.

Können Sie jemandem, der Ausdauersport für pure Schinderei hält, erklären, was für Sie die Faszination daran ausmacht?

Das Gefühl danach! Das Gefühl, dass man seinem Körper so viel zumuten kann, wenn man nur gut trainiert ist. Ich mache eigentlich ungern solche Massenevents mit, aber einmal im Jahr kann man das mal machen. Eigentlich fahre ich nur mit meiner kleinen Radgruppe oder für mich alleine. Das ist für mich eher ein meditatives Erlebnis, wenn ich alleine fahre und die Landschaft sehe und im Wispertal hinten noch nicht mal einem Menschen begegne. Vielleicht ist das ein wenig zu pathetisch formuliert, aber es hat für mich etwas Reinigendes. Hinterher, wenn man aus der Dusche kommt, ist man irgendwie ein anderer Mensch.

Nun also fahren Sie Anfang August mehr oder weniger eine Originaletappe der Frauen-„Tour de France“ (Tour de France Femmes) nach…

Nicht ganz: Der Startbereich ist etwas anders als bei der Originaletappe. Die Fahrerinnen fangen schon etwas früher mit ihrer Etappe an, ein Stück weiter im Norden.

Wie verläuft die Strecke weiter?

Wir starten in Vaison-la-Romaine, da ist man schon relativ nah am Ventoux dran. In einer Kreisbewegung fahren wir erst mal weg vom Ventoux und dann westlich am Berg vorbei. Anschließend kommen wir vom Süden zu der bekannten, wahrscheinlich härtesten, der drei Steigungen, nämlich von Bedoin, auf der Südostseite hoch. Meine größte Befürchtung ist, dass es zu heiß werden könnte. Wir werden wohl über 30 Grad haben.

Wie lange werden Sie hinauf brauchen?

Ich habe zwischen sechs und sieben Stunden angegeben, das wäre ungefähr ein Schnitt von 20 km/h.

Der Mont Ventoux ist einer der ganz großen Berge der Tour de France. Unzählige Dramen und Heldengeschichten haben sich dort abgespielt. Was sind Ihre ersten „Tour de France“-Erinnerungen an den Mont Ventoux?

Ich erinnere mich an das Jahr 2000, als Marco Pantani und Lance Armstrong sich einen erbitterten Kampf auf der Etappe zum Mont Ventoux geliefert haben. Pantani wollte die Überlegenheit von Armstrong nicht anerkennen. Jan Ullrich war dann der Nächste, der nach ihnen kam. Mein Kollege Michael Pfeffer und ich sind im selben Auto hochgefahren und die Steigung nahm einfach kein Ende. Das macht diesen Berg auch aus: Serpentinen machen es einem ja leichter, auch wenn sie gleich steil sind. Aber der optische Eindruck hilft einem schon. Aber wenn man hinaufschaut und nur ganz leichte Schlangenbewegungen in der Straße hat, und es nimmt kein Ende, dann kann man sich vorstellen, wie man dort leidet. Es sind die Kontraste der Landschaft, die faszinieren. Oben Kalkwüste, unten blühende Lavendelfelder.

„Eigentlich fährt man nur noch in Trance.“

Bekannt ist der Mont Ventoux auch für seinen rauen Anblick…

Ja, von sattgrüner Berglandschaft ist keine Spur. Es gibt dort die sogenannten Krüppelkiefern, die aber auch kaum Schatten spenden auf der Südseite. Man sieht förmlich, wie ausgezehrt der Boden ist. Irgendwann sind da nur noch Steine und Geröll. Und dann die Stelle, wo der Berg nach links abzweigt, am sogenannten Chalet Reynard: Das ist auch die Stelle, wo er sich öffnet. Dann sind es noch sechs Kilometer. Einen Kilometer vor dem Gipfel wird es dann richtig steil. Dort steht auch das Denkmal für den 1967 verstorbenen Fahrer Tom Simpson, doch das kann man kaum würdigen, weil man dort so am Anschlag ist. Eigentlich fährt man nur noch in Trance.

Von Ihrer ganz persönlichen Tour nochmal zurück zu den Radprofis. Ab 2027 wird neben der ARD auch ihr alter Sender, das ZDF, wieder die Tour de France übertragen. Bedauern Sie es, dass das erst nach Ihrem Eintritt in den Ruhestand passiert ist?

Es hätte mich natürlich nochmal gereizt. Aber ich muss auch sagen, dass die Kollegen von Eurosport und der ARD einen guten Job gemacht haben, das Erlebnis „Tour“ sehr gut vermittelt haben. Rolf Aldag zum Beispiel als Experte bei Eurosport gibt einem so viel mehr Hintergründe mit. Das ist schon toll. Ich finde das Gespann Florian Naß und Fabian Wegmann bei der ARD auch sehr, sehr gut. Da würde ich mir nicht zutrauen zu sagen, das schaffe ich jetzt auch gleich noch mal mit meinen 68 Jahren. Aber es war im Prinzip schade, dass wir 2011 nicht drangeblieben sind mit den Übertragungen. Auf diejenigen, die jetzt Verantwortung in der ZDF-Sportredaktion tragen, kommt ein Problem zu.

Was genau meinen Sie?

Es wurde viele Jahre verpasst, eine gewisse Radsportkompetenz in der Redaktion bestehen zu lassen und weiter aufzubauen. Es wird schwer, für nächstes Jahr ein schlagkräftiges Reporterteam aufzubauen. Immerhin hat die ARD, was die Qualität der Übertragungen angeht, sehr stark vorgelegt. Das muss man neidlos anerkennen.

„An Pogacar hat mir aber besonders gut gefallen, wie er seine Rolle als Team-Kapitän versteht.“

Eine sportliche Frage zum Abschluss: Tadej Pogacar hat die Tour de France 2026 sportlich klar dominiert und seinen fünften Sieg in der Gesamtwertung eingefahren. Wann wird die Tour wieder spannend?

Wissen Sie, im Radsport können so viele Dinge passieren. Ich wünsche Pogacar natürlich nicht, dass er in der Tour-Vorbereitung durch einen Sturz oder eine Krankheit gehandicapt ist. Wenn alles wieder halbwegs realistisch abläuft, dann sehe ich keine neuen Konkurrenten auf ihn zukommen. Auch ein Paul Seixas, der mit seinen 19 Jahren viel Potenzial mitbringt, sieht derzeit nicht so aus, als könnte er ihn schlagen.

An Pogacar hat mir aber besonders gut gefallen, wie er seine Rolle als Team-Kapitän versteht. Er hat auf Etappensiege verzichtet, um seinen jungen Teamkollegen Isaac Del Toro mit auf das Podium der Tour de France zu fahren. Pogacar ist ein Phänomen und natürlich frage auch ich mich, wie er immer so stark sein kann. Aber ich möchte mich nicht an Spekulationen um ihn beteiligen. Ich glaube aber, dass die Tour weiterhin spannend sein wird. Vielleicht tritt er ja ungeschlagen ab – oder wir erleben, wie er auf der Straße besiegt wird.

Danke für das Gespräch, Peter Leissl.

Das könnte dich auch interessieren: