Ex-ZDF-Reporter aus Wiesbaden bezwingt legendären Mont Ventoux

Mit 68 Jahren auf dem Fahrrad den berüchtigten Mont Ventoux erklimmen: Der Wiesbadener Sportreporter Peter Leissl (ZDF) hat sich diesen Traum nun erfüllt. Für Merkurist hat er niedergeschrieben, wie seine Tour verlief.

Ex-ZDF-Reporter aus Wiesbaden bezwingt legendären Mont Ventoux

Dieses steile Asphaltband, es will kein Ende nehmen! Kilometer 100 und noch zwölf weitere voraus. Genauso steil! 1000 Meter über mir der Gipfelturm im gleißenden Sonnenlicht. Ich bin fix und fertig. Steige vom Rad und setze mich auf die Leitplanke in einer schattigen Kurve.

Dieser Koloss von Berg, der Mont Ventoux, ist gerade dabei, meinen Willen zu brechen. Aber es gibt kein Zurück! Wie viele meiner Leidensgenossen – mehr als 10.000 waren es heute morgen am Start – bleibt nur die Wahl zwischen Schieben und Kriechen. Letzteres im Schneckentempo auf der kleinsten verfügbaren Übersetzung.

Sturz störte die Vorbereitung

Als hätte ich das nicht schon vorausahnen können. Es ist gerade mal 16 Tage her, da zerstörte ein Sturz fast meine gesamte Vorbereitung. An der Weinstraße bei Neustadt war’s. Bums! Wie der Blitz fand ich mich am Boden wieder. Die Lücke zwischen Büschen wollte ich nutzen, um vom Radweg auf die besser asphaltierte Autostraße zu kommen. Die Folge: eine starke Prellung an der linken Schulter. Ein Bluterguss, der in allen Farben schillerte, begleitete mich über zwei bange Wochen hinweg. Zwei Wochen der Unsicherheit. Werde ich starten können?

Erst eine Probefahrt auf Herz und Nieren durch den Wispertaunus, 75 Kilometer mit 1100 Höhenmetern, begleitet von Mitfahrer Martin, erst das ließ mich hoffen, dass es doch noch klappen könnte. Fünf Tage noch bis zum Wettkampf. Mehr denn je jedoch wurde jetzt das reine Ankommen zum Ziel: zu gewaltig der Trainingsausfall.

Ich kannte das Format. Vor zwei Jahren bereits hatte ich teilgenommen an der l’Étape du Tour, die alljährlich ein Teilstück der Frankreich-Rundfahrt auch für Hobby-Fahrerinnen und -Fahrer ausschreibt, unter denselben professionellen Bedingungen: Gesperrte Strecke, perfekte Beschilderung, ausreichend Verpflegungsstellen. Damals war ich nach 9 Stunden glücklicher Finisher. Die Profis um Pogaçar und Co. schafften es zwei Wochen danach in gerade mal guten 4 Stunden!

Radsport boomt

Nun, im satten Alter von 68, hatte ich mir die vielleicht (?) letzte Prüfung in diesem Metier auferlegt. Diesmal gab es auch eine Etappe der immer populärer werdenden Frauen-Tour zum „Voraus-Fahren“ für uns Freaks. Weniger Kilometer, weniger Höhenmeter, aber mit einem Knalleffekt zum Schluss: der Bezwingung der mythischen Mont Ventoux in der Provence. Martin, der vor zwei Jahren krankheitsbedingt passen musste, war diesmal auch dabei. Gerade hatte er seinen 71. Geburtstag gefeiert.

Die Anmeldung im netten provenzalischen Städtchen Vaison-la-Romaine führte uns vor Augen, welch ungeheure Popularität der Straßenradsport inzwischen besitzt. Mehr als 13.000 Startnummern waren vergeben worden. Um diese abzuholen – nebst Trikot, Tasche, Trinkflasche, etc. – war man gezwungen, zunächst einen kurvigen Kurs zwischen Zeltständen zu absolvieren.

Viele wichtige Firmen der Radsparte zeigten Präsenz und wurden entsprechend belagert. Doch als Martin am Wettkampfmorgen sich einen neuen Tacho besorgen musste, da hatten die Anbieter ihre Zelte schon wieder abgebrochen. Die Profi-Frauen waren jetzt ihr Ziel. Die sollten am nächsten Tag an einem weiter nördlich gelegenen Ort starten. So kam es auch, dass wir beide uns im großen Gewusel nicht wieder trafen und jeder die ersten 90 Kilometer allein zurücklegen musste.

Start-Chaos und Glut-Hitze

Der Start nach Startnummer-Gruppen ging total schief. Jeder ging nach dem Zufallsprinzip „first come, first served“ auf die Strecke. Nicht die einzige Panne an diesem heißen Sommertag bei 35 Grad im Schatten.

Aus dem Kurs konnte man leicht falsche Schlussfolgerungen ziehen. Es ging zunächst nur leicht wellig durch die Region Vaucluse: Obstgärten, Weinberge, alte Ortschaften mit schmiedeeisernen Glockenstühlen – bezaubernd! Flott und relativ anstrengungslos bewegte ich mich im dichten Pulk, zumal ein leichter Mistralwind von hinten schob. Doch bald schon schob sich links der massive Gebirgsklotz des Ventoux ins Bild, die gesamte Landschaft weit überragend. Das gab eine Vorahnung auf die kommenden Strapazen.

Ich ließ die zweite Verpflegungsstelle bei Kilometer 65 aus, wollte mich nicht ins Gedränge stürzen, zumal die beiden Wasserflaschen noch gut gefüllt waren. Doch dann folgten zwei „kleinere“ Anstiege, bis auf über 400 Meter Höhe, das Terrain wurde ungleich kupierter. Jetzt begann ich Durst zu verspüren, brauchte auch etwas Festes fürs Finale. An der Verpflegungsstelle in Bédoin, dem bekannten Startpunkt an der Ventoux-Südflanke, hakte die Organisation – und zwar gewaltig! Lange Schlangen, minutenlange Wartezeiten für ein bisschen Wasser – ohne mich! Ich entdeckte am Rande des Platzes ein kleines Café. Es gab dort wenigstens Sprudelwasser, die kleine Dose für 2,50 Euro. Nichts wie hinein damit in die leeren Radflaschen!

Wie einst Armstrong, Pantani und Ullrich

In Bédoin traf ich einen an der Wasserausgabe wartenden Martin. Gemeinsam nahmen wir die ultraschweren letzten 21 Kilometer zum Gipfel in Angriff. Martin war mir bald zu schnell und zog davon. Ich wusste, was noch kommen würde. Schließlich hatte ich die Strecke schon vor mehr als 26 Jahren in Augenschein genommen. Damals durfte ich vom Gipfel des Ventoux eine bemerkenswerte Tour-Etappe fürs ZDF kommentieren.

Es ist etwas Anderes, in einer kleinen Kommentatoren-Kabine am Gipfel des kahlen Riesen zu sitzen, als sich eine nicht enden wollende 10-prozentige Steigung hinauf zu quälen. Schon damals, noch mit einem Rennrad aus Stahl und Schalthebeln am Rahmen, hatte ich mir vorgenommen, jene Anstiege zu erkunden, die ich dann im Sommer mit dem Kollegen Michael Pfeffer kommentieren sollte – so auch den Ventoux. Die Etappe im Jahr 2000 war ein Riesenspektakel. Wir staunten über die Leistungen von Lance Armstrong und Marco Pantani, die sich damals ein Duell bis zum Zielstrich lieferten. (Jan Ullrich nicht weit dahinter). In der Rückschau können wir behaupten, zu wenig auf das Thema Doping eingegangen zu sein. Man konnte etwas ahnen, aber Beweise hatte man damals noch keine.

Garantiert ungedopt quäle ich mich Richtung Chalet Reynard hinauf, das Rad mal schiebend, mal fahrend. Den Kreuzungspunkt auf 1400 Meter Höhe habe ich zum wichtigen Zwischenziel erhoben, denn danach würde die Straße zunächst etwas weniger steil werden. Doch vorher muss ich erst einmal das machen, wonach sich viele der anderen Starter auch sehnen: die Trinkflaschen füllen! Jetzt, gut 6 Kilometer vor Etappenschluss, sind Cola und Elektrolyte im Angebot, warum nicht schon früher? Nach dem Zuckerschub hätten die meisten sich früher gesehnt. Die Organisatoren haben definitiv die Hitze unterschätzt. Für ein paar Minuten setze ich mich – wie viele andere – in den Schlagschatten eines Lkw, um letzte Kräfte zu sammeln. Ich fühle mich nicht mehr weit entfernt von einem Sonnenstich.

Der letzte Motivationsschub

Und dann ist sie da, die Kalkwüste, die den Blick unverstellt schweifen lässt zum Gipfel mit dem Observatorium und den Sendeanlagen. Längst sind die Massen ein paar wenigen einsamen Streitern gewichen. Ja, es ist einsam geworden auf dem Ventoux. Eigentlich wäre es ein wunderschöner Sommertag auf dem Riesen: 10 Grad kühler als im Glutofen der Ebene, der Himmel blau, der gefürchtete Mistral nur ein laues Lüftchen. Es wäre so schön, wenn man sich nicht auf der letzten Rille (für die Fachleute: eine Übersetzung 34 x 34, also 1:1) nach oben quälen müsste.

Noch 5 Kilometer, noch 4, noch 3, noch 2 – dann klingelt mein Telefon: Martin meldet sich vom Gipfel. Wartet dort. Ein letzter Adrenalinschub für den ausgemergelten Körper an der Stelle, wo man des verstorbenen britischen Rennfahrers Tom Simpson mit einem Monument gedenkt. Ich steige nochmals vom Rad, denn die Straße ist wieder mehr als 10 Prozent steil. Dann die Gitter an den Seiten, sie signalisieren den letzten Kilometer, wo am nächsten Tag die Profi-Frauen kämpfen werden.

Die Zielkurve: jetzt steige ich nochmals auf, will den Strich fahrend überqueren. Was mir mit der Anschubhilfe durch einen Streckenposten auch gelingt. Festgehalten für wen auch immer durch die Fotos meines Mitfahrers.

Der Ventoux, er hat meinen Willen nicht brechen können. Aber er hat mich demütig gemacht.

Über den Autor dieses Artikels

Der Wiesbadener Peter Leissl (68) war bis 2024 Sportreporter beim ZDF. Für den Mainzer Sender kommentierte er unter anderem große Leichtathletik-Events und die Tour de France. Nun ist er im Ruhestand – doch der Sport lässt ihn noch immer nicht los.



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