Warum es in Wiesbaden keinen Kältebus gibt

Wohnheime, Kältebusse und Sozialarbeiter - auf deutschen Straßen gibt es viele Hilfsangebote für Obdachlose. Welche es in Wiesbaden gibt, erklärt Teestubenleiter Matthias Röhrig.

Warum es in Wiesbaden keinen Kältebus gibt

Weil die Nächte in Wiesbaden wieder kälter werden, gilt seit dem Wochenende die sogenannte „Winterregelung“. Sie soll sicherstellen, dass kein Bedürftiger im Winter nachts auf der Straße frieren muss. Dabei rechnet die Stadt in diesem Jahr mit rund 90 Wohnungslosen, die in den Winternächten auf eine Unterkunft angewiesen sind.

Sozialarbeiter und Notbetten

„Die meisten Wohnungslosen halten sich in der Innenstadt auf.“ - Teestubenleiter Matthias Röhrig

In der Teestube des Diakonischen Werkes in der Dotzheimer Straße helfen die Mitarbeiter Bedürftigen, Anträge aufzufüllen, die einen Platz in einer Notunterkunft sichern. Die meisten Schlafplätze stehen dabei in den Wohnheimen der Heilsarmee zur Verfügung. Dort können pro Nacht bis zu 210 Männer und 45 Frauen der Kälte entfliehen. Die Plätze, so ist sich Teestubenleiter Matthias Röhrig sicher, decken den Bedarf in Wiesbaden. Doch er sieht einen großen Nachteil in der Lage des Heimes. „Die meisten Wohnungslosen halten sich tagsüber in der Innenstadt auf. Das Wohnheim in der Nähe des Freizeitbades erfordert also einen weiten Fußweg“, erklärt er. An sich sei die Strecke zwar zumutbar, aber „wir haben viele Bedürftige in der Stadt, die zum Beispiel krankheitsbedingt nicht so weit laufen können.“

„Manchmal übernachten sieben bis acht Personen vor unserer Tür.“ - Teestubenleiter Matthias Röhrig

Deshalb stehen auch in der Teestube zwölf Notbetten zur Verfügung. Eine Dauerlösung seien diese aber nicht. „Wir sehen uns in erster Linie als Beratungsstelle. Unser Ziel ist, die Menschen von der Straße weg zubekommen. Deshalb lautet bei uns die Regel, dass jeder nur 100 Nächte in seinem Leben bei uns verbringen darf“, fasst er zusammen. Doch der Andrang sei groß. In manchen Nächten müssten die Mitarbeiter losen, wer ein Bett bekommt. „Und manchmal übernachten sieben bis acht Personen vor unserer Tür.“

Gute Informationslage

Doch auch auf der Straße selbst gebe es in Wiesbaden viele Hilfsangebote — vor allem in der Innenstadt und im Stadtteil Kastel. Sozialarbeiter seien rund um die Uhr unterwegs und nehmen Kontakt zu Wohnungslosen auf. „In der Szene gibt es deshalb einen guten Informationsfluss“, sagt Röhrig. „Eigentlich wissen alle, die in Wiesbaden kein Dach über dem Kopf haben, wohin sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen.“

In anderen Städten sehe das anders aus. In Hamburg und Berlin zum Beispiel seien deshalb im Winter sogenannte Kältebusse unterwegs. Sie fahren gezielt bekannte Treffpunkte an und bieten Wohnungslosen akute Hilfe an — von einem warmen Tee bis zu einer Fahrt in ein Heim. Das Konzept kennt auch Merkurist-Leserin Anja. Sie fragt in einem Snip, ob das Angebot nicht auch für Wiesbaden interessant sei.

Röhrig hingegen hält einen Kältebus nicht für notwendig. „Die Sozialarbeiter, die so unterwegs sind, sprechen oft Menschen an, die nicht von sich aus um Hilfe bitten. Dieser Kreis ist in Wiesbaden sehr klein“, sagt er. Von Tagungen und Kongressen in ganz Deutschland wisse er aber, dass das Konzept vor allem in großen Städten, wo Obdachlose oft nur auf der Durchreise sind und sich nicht auskennen, für viele überlebensnotwendig sei.

Hilfe für Kranke nötig

In Wiesbaden hingegen stecke die Obdachlosenhilfe derzeit alle Energie in die Idee eines Containers für Kranke. Röhrig stellt sich dabei eine spezielle Unterbringung für Obdachlose vor, die auf medizinische Hilfe und einen Pflegedienst angewiesen sind. Die Kosten für das Projekt könne die Diakonie derzeit aber noch nicht tragen. „Allein das Aufstellen des Containers würde uns um die 10.000 Euro kosten. Die laufenden Kosten für Strom, Wasser, Abwasser und einen Pflegedienst wären noch höher“, bedauert Röhrig.

„Vor allem Herrenunterhosen fehlen im Moment in der Kleiderkammer.“ - Teestubenleiter Matthias Röhrig

Doch an anderer Stelle können die Wiesbadener schon jetzt aktiv werden und helfen. „Wir benötigen im Moment viele Sachspenden. Vor allem Herrenunterhosen und Winterkleidung wie Jacken, Mützen und Handschuhe fehlen im Moment in der Kleiderkammer“, sagt Röhrig. Und auch in der Essensausgabe sollen die Vorräte über Winter nicht ausgehen. Dabei nimmt die Teestube vor allem haltbare Lebensmittel wie Konserven entgegen, ebenso würden Hygieneartikel wie Duschgels, Einwegrasierer und Feuchttücher gebraucht. Spenden nimmt die Teestube in der Dotzheimerstraße 9 montags bis donnerstags von 7:30 Uhr bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 14:30 Uhr entgegen. (pk)

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