Wie Wiesbaden das Schicksal der Sinti und Roma zurück in die Erinnerung holen will

Das Mahnmal in der Bahnhofstraße erinnert an das Leid der Sinti und Roma in der NZ-Zeit. Jedoch nehmen es wenige Menschen wahr. Dagegen will die Stadt jetzt etwas tun und jährlich an die Geschichte dahinter erinnern.

Wie Wiesbaden das Schicksal der Sinti und Roma zurück in die Erinnerung holen will

Seit fast 27 Jahren laufen viele Wiesbadener täglich an einem Mahnmal aus Sandstein vorbei, wenn sie die Bahnhofstraße entlang gehen. Es zeigt eine Gruppe von Menschen — Männer, Frauen und Kinder — die, erdrückt von der Schwere eines Sandsteins, unter der Straße verschwinden. Viele nehmen dieses erschütternde Bild im Alltag gar nicht mehr wahr. Dabei darf die leidvolle Geschichte dahinter nicht in Vergessenheit geraten: Das Mahnmal soll an die Deportation der Wiesbadener Sinti in das Konzentrationslager Auschwitz und an den Völkermord der Nazis an Sinti und Roma erinnern.

Denn Sinti und Roma wurden im NS-Regime genauso behandelt wie Juden, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und alle, die nicht in das Bild des „Ariers“ passten. Obwohl die meisten Sinti und Roma deutsche Staatsbürger waren, erklärte sie der NS-Staat schnell zur „außereuropäischen Fremdrasse“. Sie durften keine „Arier“ heiraten, wurden zu „Asozialen“ erklärt und durften jederzeit in Haft genommen und in ein Konzentrationslager deportiert werden. Die Kriminalpolizei Wiesbaden erstellte dafür 1940 sogar eine „Zigeunerliste“.

Bahnhofstraße als Weg in den Tod

Am 8. März 1943 wurde die Bahnhofstraße für Wiesbadener Sinti und Roma zum Weg in Schrecken und unvorstellbares Leid. 119 Menschen wurden durch die Stadt zum Bahnhof und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde dort ermordet.

Deshalb steht das Mahnmal heute in der Bahnhofstraße. Es wurde am 5. Dezember 1992 errichtet und soll zeigen, wie Sinti und Roma erdrückt von Leid und Schmerz den Abgrund hinuntergehen. Bei der Einweihung schritten viele Wiesbadener gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Achim Exner den selben Weg durch die Bahnhofstraße ab, den auch die Wiesbadener Sinti und Roma bei ihrer Deportation gehen mussten. Das Mahnmal soll ein deutliches Zeichen für Haltung und Rückgrat, Hinschauen und Einmischen, Mitgefühl und Solidarität sein.

Sinti und Roma werden noch immer abgelehnt

Auch Jahre nach Ende der NS-Zeit lehnen viele Deutsche Sinti und Roma noch immer ab. Aus einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2014 ging hervor, dass Deutsche Sinti und Roma auch über 70 Jahre nach Ende der NS-Diktatur stärker ablehnen, als jede andere Bevölkerungsgruppe. Grund dafür sei eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung.

„Auch heute noch werden dieses Mahnmal und seine Bedeutung von einer großen Zahl Wiesbadener Bürgerinnen und Bürgern nicht ausreichend wahrgenommen.“ - Sven Gerich

„Auch heute noch werden dieses Mahnmal und seine Bedeutung von einer großen Zahl Wiesbadener Bürgerinnen und Bürgern nicht ausreichend wahrgenommen“, erklärt Oberbürgermeister Sven Gerich. In einer Zeit, in der es durch Internet und soziale Medien immer schwieriger werde, historische Wahrheiten von Fake News zu trennen, sei es wichtig „diesen immer noch so wenig wahrgenommen Teil des Rassenwahns der Nazis eindringlich ins Gedächtnis zu rufen.“

Deshalb habe er den Vorschlag des Hessischen Landesverbands der Sinti und Roma aufgegriffen, ab sofort jährlich an der Stelle des Mahnmals „an das unermessliche Leid und die unvorstellbaren Schrecken zu erinnern“. Das Gedenken an die Deportation der Sinti soll fester Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt werden.

„Bis heute sind unsere Menschen zu großen Teilen gesellschaftlich benachteiligt.“ - Adam Strauß, Landesverband Deutscher Sinti und Roma

Adam Strauß, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, findet das wichtig. „Bis heute sind unsere Menschen zu großen Teilen gesellschaftlich benachteiligt“, erklärt er. „Um an das Leid unserer Eltern und Großeltern zu erinnern, aber auch um Aufmerksamkeit auf die fortgesetzte Ungerechtigkeit zu lenken, ist es uns sehr wichtig, dass auch in diesem Jahr ein öffentliches Gedenken in der Landeshauptstadt stattfindet.“

Anlässlich des 76. Jahrestages der Deportationen findet am 8. März 2019 um 15.30 Uhr eine gemeinsame Gedenkstunde am Mahnmal, Geschwister-Stock-Platz 1, statt. Die Stadt und der Landesverband Deutscher Sinti und Roma laden alle Wiesbadener herzlich ein, an der Gedenkstunde teilzunehmen. (lp)

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