Einzige Beratungsstelle für traumatisierte Geflüchtete steht vor dem Aus

Eine Wiesbadener Beratungsstelle ist für viele Geflüchtete die einzige Chance, mit einem Trauma zurechtzukommen. Jetzt steht das Projekt kurz davor, geschlossen zu werden. Im Merkurist-Gespräch erzählen zwei Verantwortliche, worauf es jetzt ankommt.

Einzige Beratungsstelle für traumatisierte Geflüchtete steht vor dem Aus

Alena Rompf hört täglich von Schicksalen, die sich die meisten Wiesbadener wahrscheinlich nicht ansatzweise vorstellen können. Die Sozialarbeiterin koordiniert die einzige Beratungsstelle für traumatisierte Geflüchtete „NeW- Neue Wege“ in Wiesbaden. Zu ihr und den anderen Mitarbeitern der kostenlosen Beratungsstelle kommen Menschen, die auf ihrer Flucht nach Deutschland ihre Familie verloren haben, Kriege erlebt und Kinder sterben gesehen haben.

Für die meisten von ihnen ist „NeW“ die einzige Chance, mit dem Erlebten klarzukommen. Wie die Sozialarbeiterin erzählt, sei die Beratungsstelle für viele der einzige Ort, an dem sie offen, unter Schweigepflicht der Sozialarbeiter, reden und Hilfe bekommen könnten. „Für viele sind wir eine große Sicherheit, nachdem sie ihre Heimat zurücklassen mussten“, sagt sie. Bald könnte aber auch dieser geschützte Raum wegfallen. Denn die Finanzierung für das Projekts läuft aus. Es muss Ende April eingestellt werden, wird es nicht weiterfinanziert.

Projekt soll eine Versorgungslücke schließen

Ursprünglich ins Leben gerufen wurde „NeW Wiesbaden - Neue Wege“ im Mai 2017. Die Sozialorganisation „Aktion Mensch“ förderte das Projekt der Werkgemeinschaft e.V. unter dem Dach des Psychosozialen Zentrums Süd (PSZ) für drei Jahre. Die Beratungsstelle wollte eine Versorgungslücke schließen — für Geflüchtete mit Traumata gab es vorher keine vergleichbare niedrigschwellige Anlaufstelle, durch die sie schnell Hilfe bekommen konnten.

„Flucht und Trauma sind Themen, an denen sehr intensiv gearbeitet werden muss.“ - Alena Rompf, Sozialarbeiterin

Denn eigentlich bräuchten traumatisierte Geflüchtete einen Platz bei einem Psychotherapeuten. Das ist allerdings nicht einfach. Therapieplätze sind zum einen ohnehin schon rar. Für Geflüchtete sei es aber noch schwieriger, einen Platz zu bekommen, erklärt Alena Rompf. Sei es, wegen der Sprachbarriere, oder wegen des komplexen Themas: „Flucht und Trauma sind Themen, an denen sehr intensiv gearbeitet werden muss“, so Rompf. Manche Therapeuten würden das entweder nicht auf sich nehmen können, oder wollen.

Dieses Problem geht auch aus einem aktuellen Versorgungsbericht der „Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer“ hervor. Dort heißt es ebenfalls, dass der Zugang zu einer Therapie für Geflüchtete besonders schwierig sei. Wegen rechtlicher und bürokratischer Hürden, eines unsicheren Aufenthaltsstatus, aber auch wegen ihrer komplexen Bedarfslage. Deshalb bekämen viele Geflüchtete nicht die Therapie, die sie eigentlich bräuchten. Und in solchen Fällen springt „NeW“ ein.

NeW-Mitarbeiter sind besonders geschult

Anders als viele Psychotherapeuten, haben die Mitarbeiter des „NeW“ bereits viel Erfahrung mit der Arbeit mit Geflüchteten und Traumata. Sie sprechen nicht nur mit den Menschen über ihre Erfahrungen und geben ihnen Zugang zu Angeboten wie traumasensiblen Deutschkursen und Gruppenaktivitäten. Sie vermitteln auch zu geschulten Therapeuten und organisieren Dolmetscher. Außerdem geben sie ihnen Methoden an die Hand, mit denen sie sich in schwierigen Situationen selbst helfen können. Ein niedrigschwelliges Angebot, bei dem die Geflüchteten schnell und nachhaltig Hilfe bekommen. Während einigen schon wenige Gespräche helfen, begleiten die Sozialarbeiter viele andere wochen-, monate-, oder sogar jahrelang.

NeW kommt nicht in den städtischen Haushalt

Das wird allerdings alles wegfallen, sollte das Projekt nicht in den Wiesbadener Doppelhaushalt aufgenommen werden. Nachdem die Förderung durch „Aktion Mensch“ abgelaufen ist, wäre das die einzige Möglichkeit für „NeW“, zu überleben. Um die Finanzierung von monatlich 10.000 Euro zu bekommen, habe man bereits Konzepte und Kostenaufstellungen vorgestellt. „Es hat allerdings nicht gereicht, um in den Haushalt aufgenommen zu werden“, so Ellen Gräff, Leiterin des PSZ. Als Grund sei angegeben worden, dass weniger Geflüchtete nach Wiesbaden kommen würden, weshalb die Arbeit von „NeW“ künftig weniger gebraucht würde. Tatsächlich kommen aktuell laut Zahlen der Stadt wöchentlich nur noch rund 25 Geflüchtete nach Wiesbaden, 2015 waren es noch 130.

„Internationalen Studien belegen, dass die Symptome für Traumata erst 12 bis 18 Monate später auftreten.“ - Ellen Gräff, Leiterin des Psychosozialen Zentrums Süd

„Das ist aber kein Argument“, so Gräff. „Internationalen Studien belegen, dass die Symptome für Traumata erst 12 bis 18 Monate später auftreten.“ Vorher würden die Geflüchteten das Erlebte noch gar nicht verarbeiten können. Außerdem seien sie damit beschäftigt, ihr neues Leben aufzubauen. „Jetzt ist genau die Zeit, in der die Nachfrage von geflüchteten Menschen zur Beratung, Stabilisierung und Therapie steigt. Jetzt ist der Zeitpunkt, in dem die Menschen sich äußern können“, so Gräff.

Eine Hoffnung bleibt

Zurzeit sind fast 100 Menschen in „NeW“-Beratung, wöchentlich kommen durchschnittlich etwa zwei neue Anfragen herein. All diese Menschen müssten wieder alleine zurecht kommen, wenn das Projekt nicht weiterfinanziert wird. „Wenn es uns nicht mehr gibt, tritt die Versorgungslücke wieder auf“, so Gräff. Die letzte Hoffnung für das Projekt ist jetzt der 27. November.

„Gerade wenn man weiß, was diese Menschen erlebt haben und man merkt, dass man eine wichtige Anlaufstelle für sie ist, dann ist das keine schöne Vorstellung.“ - Alena Rompf

Ellen Gräff und Alena Rompf hoffen, dass in der Sitzung des Gesundheits- und Sozialausschusses noch einmal über das Projekt und seine Finanzierung gesprochen wird. „Dass noch eine Nachfrage, ein Antrag gestellt wird, dass wir auf die Tagesordnung kommen“, hofft Gräff. Dafür braucht das Projekt die Unterstützung von Fraktionen, oder Organisationen, die ihre Stimme im Ausschuss nutzen können. „Ist das nicht der Fall, müssen wir uns um die Abwicklung des Projekts kümmern“, so Gräff. Und das wäre für alle Beteiligten schwer, sagt Alena Rompf. „Gerade wenn man weiß, was diese Menschen erlebt haben und man merkt, dass man eine wichtige Anlaufstelle für sie ist, dann ist das keine schöne Vorstellung.“ (ts)

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