Wie die Frauengenossenschaft Wiesbaden wieder Fahrt aufnehmen will

Die Vision bleibt groß: Frauen neue Chancen, faire Jobs und echte Teilhabe zu eröffnen. Entscheidend ist nun, wer den Weg verbindlich mitgeht.

Wie die Frauengenossenschaft Wiesbaden wieder Fahrt aufnehmen will

Im Herbst 2024 startete die Frauengenossenschaft (FrauenGeno) Wiesbaden mit viel Rückenwind, doch nun steht das Projekt an einer Weggabelung. Aus der Idee, Frauen über eine Genossenschaft neue, faire und sozialversicherungspflichtige Jobs zu eröffnen, ist zwar eine sichtbare Struktur geworden, die wirtschaftliche und organisatorische Stabilität bleibt aber fragil.

Holpriger Start

Beim Kick-off im Großen Festsaal des Wiesbadener Rathauses am 18. November 2024 präsentierte sich die FrauenGeno als Gemeinschaftsprojekt mit großem Anspruch: Frauen sollten nicht nur mitarbeiten, sondern auch Miteigentümerinnen werden. Das Leitbild setzt auf „Women’s Empowerment“, finanzielle Unabhängigkeit und fair bezahlte Arbeit. Auf der Website beschreibt sich die Initiative bis heute als Unternehmen und Gemeinschaft, die „das Leben von Menschen verbessern“ will: nicht durch Gewinnmaximierung, sondern durch gemeinsame Verantwortung.

Die Krux: Der Aufbruch war scheinbar größer als die tatsächliche Bindung. Viele der damaligen Unterstützer haben zwar Sympathie gezeigt, sich aber nicht dauerhaft eingebracht. Das Kernproblem ist nicht die Idee, sondern die Verbindlichkeit. Zu wenige Menschen übernehmen verlässlich Aufgaben, und dadurch gerät die Genossenschaft immer wieder in organisatorische Schieflage.

Wo das Projekt steht

Laut Webseite richtet sich die FrauenGeno an Frauen als Mitglieder mit vollem Stimmrecht sowie an weitere Unterstützer und Organisationen als investierende Mitglieder. Formal ist der Beitritt über eine Beitrittserklärung und Geschäftsanteile ab 50 Euro möglich. In der Praxis aber bleibt die entscheidende Frage: Wer trägt das Projekt tatsächlich im Alltag?

Seit einiger Zeit finden regelmäßig Treffen statt, bei denen Mitglieder und Interessierte sich austauschen. Beim letzten Get-together am 18. Juni wurde offen darüber gesprochen, dass die FrauenGeno an einer Weggabelung steht. In einer Präsentation fassten die beiden Aufsichtsratsmitglieder Andrea Schemm und André Dörfler die bisherige Entwicklung zusammen:

„Am 11. Oktober 2024 ist das Projekt mit 38 Genossenschaftsmitgliedern und einer satzungskonformen Erstbesetzung aller Gremien gestartet“, sagt Andrea Schemm. Parallel habe in Workshops die Arbeit an den verschiedenen Geschäftsideen in Bereichen wie Gastronomie oder Mode und Lifestyle begonnen. Ziel war es, bis spätestens im ersten Quartal 2025 einen Businessplan für mindestens ein Geschäftsfeld vorliegen zu haben. „Dabei zeigte sich, dass das nicht funktionierte. Es entstand Streit und die Situation, dass mehrere Mitglieder den Vorstand bzw. Aufsichtsrat verlassen haben“, so André Dörfler.

Zuwachs und Stagnation

Das Projekt ist daran jedoch nicht gescheitert, sondern gewachsen. Inzwischen hat die FrauenGeno mehr als 75 Mitglieder. Allerdings ist durch die entstandene Unterbesetzung im Vorstand und Aufsichtsrat schon eine Weile keins der beiden Gremien mehr beschlussfähig.

Gleichzeitig wird klar, dass es weder an Mitgliedern und neuen Interessierten noch an Ideen mangelt, sondern an handlungsfähigen Teams, klarer Kommunikation und der Bereitschaft, Verantwortung dauerhaft zu übernehmen. „Weitergehen ist nur möglich, wenn sich genug Menschen verbindlich engagieren. Andernfalls steht eine Auflösung im Raum“, betonen die beiden Aufsichtsratsmitglieder.

Trotz aller Reibungen ist das Projekt nicht aus der Spur geraten. Beim Juni-Treffen wurde deutlich, dass die Beteiligten inzwischen stärker auf kleine, realistische Schritte setzen wollen. Statt sofort große Geschäftsfelder aufzubauen, geht es nun um eine machbare Struktur mit klaren Rollen, regelmäßigen Treffen und einem engeren Kreis von verlässlichen Mitstreitenden.

Neuaufstellung geplant

Inhaltlich bleiben die ursprünglichen Ideen auf dem Tisch: Gastronomie, Catering, Kinderbetreuung, Haushaltshilfe sowie niedrigschwellige Angebote wie Begleitung oder Unterstützung im Alltag. Auf der Webseite ist weiterhin von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen und fairen Gehältern die Rede. Diese Ziele sollen langfristig über gemeinschaftlich getragene Geschäftsfelder erreicht werden. Im Juni klang dabei besonders ein Ansatz überzeugend: klein anfangen, einen tragfähigen Prototyp entwickeln und erst dann wachsen.

Die FrauenGeno hat etwas bewahrt, das in herausfordernden Gründungsprozessen oft verloren geht: Energie und Zuversicht. Beim offenen Austausch im Juni wurde klar, dass es eine Vielfalt an Einschätzungen und Perspektiven zur FrauenGeno unter den Beteiligten gibt. Allen Herausforderungen zum Trotz ist nach wie vor die Entschlossenheit spürbar, das Projekt nicht aufzugeben.

Für September ist ein Sommerfest für die Geno-Mitglieder auf dem Freizeitgelände alter Friedhof geplant. Wer noch mehr über das Projekt wissen oder sich engagieren möchte, findet ausführliche Infos auf der Website.