Wie Flüchtlinge in Wiesbaden Anschluss finden

Wer sich in einem neuen Land zurecht finden will, muss die Sprache lernen, arbeiten und Freunde finden. Dieser Weg ist oft kein einfacherer. Der 34-jährige Sami aus Damaskus erzählt, wie er sich in Wiesbaden ein neues Leben aufgebaut hat.

Wie Flüchtlinge in Wiesbaden Anschluss finden

Wenn der 34-jährige Sami morgens zur Arbeit geht, begrüßt er seine Kollegen ganz selbstverständlich mit einem „Hallo“. Seine Arbeit als Altenpfleger schätzen nicht nur sie, auch bei den Senioren im Heim ist Sami beliebt, denn er redet viel und oft mit ihnen, und hört zu. Das liegt mitunter daran, dass Sami bis vor etwa fünf Jahren kein Wort Deutsch kannte. Als er von Damaskus aus nach Deutschland flüchtete, war aber genau das Sprachelernen sein erstes Ziel. „Schwer war's definitiv eine neue Sprache von Null auf zu erlernen“, sagt er. „Das erste deutsche Wort lernte ich erst im Flugzeug auf dem Weg nach Deutschland“, es sei das heute so selbstverständliche „Hallo“ gewesen.

Erste Hürde Sprache

Gerald Beinlich weiß, wie wichtig es für Flüchtlinge ist, in ihrem neuen Heimatland die Sprache zu lernen. Er arbeitet seit mehr als zwei Jahren mit der IHK zusammen als Willkommenslotse und hilft Flüchtlingen mit Arbeitgebern in Wiesbaden in Kontakt zu kommen. Sein oberstes Ziel dabei: Ausbildungen vermitteln. „Die Angebote für Sprachkurse sind vielfältig geworden“, fasst er zusammen und erinnert sich an die erste Flüchtlingswelle im Jahr 2015 zurück. Als Ehrenamtlicher in der damaligen Erstaufnahmeeinrichtung American Arms Hotel habe er damals gemerkt, dass es noch an vielen Angeboten fehlte. Inzwischen sei es umgekehrt „Die Auswahl an unterschiedlichen Sprachkursen ist so groß, dass für viele sogar ein Beratung notwendig ist, um sich für die richtigen Kurs zu entscheiden“, sagt er.

Büffeln auf eigene Faust

„Ich habe ständig die Aussprache geübt.“ - Sami

Sami habe seinen Kurs auf eigene Faust gebucht, auf Empfehlung seiner Schwägerin, die bereits in Deutschland war. „Und dann habe ich mich intensiv mit dem Deutsch beschäftigt“, sagt er. Vor allem deutsches Fernsehen zu gucken und Nachrichten zu lesen habe ihm geholfen, er habe „ständig zu hause -sogar noch unter der Dusche- die Aussprache geübt“, erzählt er von seiner Anfangszeit. Für eine Ausbildung habe es schnell gereicht - wenn auch in einem anderen Job als in seiner Heimat. Während er in Damaskus Literatur studierte und später für den Zoll arbeitete, ist er in Wiesbaden in der Altenpflege tätig. Den Job fand er zunächst über eine Zeitarbeitsfirma, inzwischen steht er kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung.

„Erst wenn ein Grundstock an Sprache da ist, sind Bewerbungsgespräche möglich.“ - Gerald Beinlich, Wilkommenslotse

Auch Beinlich hat schon vielen zu einer Ausbildung verholfen. „Erst wenn ein Grundstock an Sprache da ist, sind Beratungs- und Bewerbungsgespräche möglich“, sagt er. Doch während sich die Voraussetzungen für viele Berufe von Land zu Land unterscheiden, sei eine Neuorientierung oft notwendig. „Auch, wenn es darum geht, über Fachvokabular zu verfügen.“ Nach seiner Erfahrung seien viele Flüchtlinge äußerst motiviert in Wiesbaden eine Arbeit zu finden und nehmen zusätzliche Fortbildungen in Kauf. Doch gerade diese können für einen Arbeitgeber Zusatzkosten bedeuten. Dennoch, viele Branchen suchen gezielt nach Auszubildenden, die eine andere Muttersprache haben - etwa in den Bereichen Gastronomie und Hotellerie.

Beinlich hat inzwischen 50 Kontakte erfolgreich hergestellt. Aus manchen wurde ein Praktikum, aus vielen eine Ausbildung. „In den meisten Fällen sind beide Seiten zufrieden“, sagt er. Auch wenn er zwischen Flüchtling und Arbeitgeber besonders am Anfang viel vermitteln müsse. „Wer 3000 Kilometer weit weg groß geworden ist, hat vielleicht ein anderes Verständnis der Frauenrolle, oder muss sich aufgrund seiner Religion einen bestimmten Essensplan einhalten“, sagt er. Damit die kulturellen Unterschiede auf der Arbeit nicht zum Stolperstein werden, kläre er sowohl Arbeitgeber, als auch Bewerber genau auf. Missverständnisse sollen so von Vornherein ausgeräumt werden.

Kontakte knüpfen

„Man kriegt vieles hin, wenn man was machen will.“ - Sami

Für Sami sei die Ausbildung der Punkt gewesen, an dem er sich in Wiesbaden zu hause gefühlt hat. Im Umgang mit den Senioren und Kollegen in seiner Ausbildungsstätte habe er nicht nur Freunde gefunden, sondern auch die Sprache flüssig gelernt und das Wiesbadener Lebensgefühl kennengelernt. Für Sami, der inzwischen mit seiner Frau hier lebt, sei es eine harte Zeit gewesen, aber „man kriegt vieles hin, wenn man was machen will“. Für andere, die in einer ähnlichen Situation sind, hat er deshalb nur einen Tipp: Sich nach draußen wagen und Kontakte suchen.

Möglich macht das unter anderem das neue Programm „WieWeiser“. Das Projekt bildet Migranten aus, die als Berater Flüchtlingen helfen, in der Stadt Fuß zu fassen. „Die Willkommenskultur liegt in der DNA der Landeshauptstadt Wiesbaden, und es ist mir ein großes Anliegen, für Neuzugewanderte vielfältige Angebote bereitzustellen, die dazu beitragen, sich in der Landeshauptstadt zu hause zu fühlen“, erklärt Sozialdezernent Christoph Manjura den Hintergrund. Interessierte, die sich als „WieWeiser“ engagieren möchten, können sich an „wif e. V. – Begegnung & Beratung“ unter der Telefonnummer (0162) 8006702 melden. (nl)

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