Corona: So ist die Lage auf Wiesbadener Intensivstationen

Fallzahlen und Inzidenzen steigen im ganzen Land, Experten warnen vor einer Notlage. Wie ist die Situation auf den Intensivstationen der Wiesbadener Krankenhäuser? Wir haben nachgefragt.

Corona: So ist die Lage auf Wiesbadener Intensivstationen

„Wir waren noch nie so beunruhigt“, sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), am Mittwochabend zur aktuellen Corona-Lage. Die Zahl der schwerkranken Covid-Patienten steige, für Menschen mit Schlaganfall und andere Schwerkranke müsse mancherorts bis zu zwei Stunden nach einem freien Intensivbett gesucht werden. Und die Situation werde sich noch verschlimmern. „Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler.“

Auch in Wiesbaden steigen die Fallzahlen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mittlerweile auf 182 gestiegen (Stand vom 18. November). Wie sieht es aktuell auf den Intensivstationen in Wiesbaden aus?

„Die Kliniken in Wiesbaden unterstützen sich gegenseitig bei Engpässen.“ - Susanne Schiering-Rosch, Joho

„Die Intensivkapazitäten sind zur Zeit in ganz Wiesbaden stark belastet“, sagt Susanne Schiering-Rosch vom St. Josefs-Hospital (Joho). Es seien immer nur wenige Intensivbetten frei, weshalb man ein ausgeklügeltes Management brauche. „Die Kliniken in Wiesbaden unterstützen sich gegenseitig bei Engpässen und stehen in täglichem Austausch.“

Die meisten Intensivpatienten sind ungeimpft

Heute (Stand 18. November, 9 Uhr) seien drei Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt, zwei davon würden beatmet. Auf der Corona-Station liegen neun Patienten. „Die überwiegende Mehrzahl der stationären Corona-Patienten ist ungeimpft. Die Altersspanne geht von 30 bis 80 Jahren. Die älteren Patienten darunter hatten noch keine Boosterimpfung“, sagt Schiering-Rosch.

In den Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken (HSK) seien aktuell acht von den zwölf für Corona-Patienten vorgesehenen Intensivbetten belegt. Alle müssten beatmet werden. 20 weitere Patienten würden mit Corona auf den Normalstationen liegen. „Wir haben auch immer zwei bis vier Patient:innen, die an die ECMO angeschlossen sind“, sagt Patrick Körber von den HSK. Dabei handele es sich meist um Patienten mit schweren Lungenschädigungen. Wenn die Lungen den Sauerstoff durch eine künstliche Beatmung nicht mehr in ausreichender Menge ins Blut abgeben können, muss das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff befüllt werden. Dazu nutzt man eine ECMO als künstliche Lunge. Im Schnitt seien 80 Prozent der Intensivpatienten ungeimpft und zwischen 55 und 65 Jahre alt.

Kapazitäten müssen voraussichtlich ausgeweitet werden

Der Eskalationsplan der HSK ermögliche es, die Zahl der Intensivbetten jederzeit auszuweiten. „Das geschieht auch im Abgleich mit den freien Kapazitäten der anderen Krankenhäuser in unserem Versorgungsgebiet“, erklärt Körber. Dazu gehören Häuser in Wiesbaden, im Rheingau-Taunus-Kreis und in Limburg-Weilburg. „Im Katastrophenfall könnten wir bis zu 69 Intensivbetten aufstellen.“

„Das heißt, wir müssten besonders qualifiziertes Personal aus den OP-Bereichen abziehen.“ - Patrick Körber

Könnte es bald zu einem solchen Katastrophenfall kommen? „Noch ist die Welle nicht so ausgeprägt wie im Dezember 2020, als teilweise über 20 schwerstkranke Corona-Patient:innen auf der Intensivstation lagen“, sagt Körber. Auch noch im Mai dieses Jahres war die Intensivbelegung höher als aktuell. Wenn Inzidenzen und Fallzahlen wie erwartet weiter steigen, müssten aber auch die Kapazitäten weiter ausgebaut werden. „Das heißt, wir müssten besonders qualifiziertes Personal aus den OP-Bereichen abziehen. Und das wiederum würde bedeuten, dass wir elektive Operationen reduzieren müssten.“

Das Joho erwartet eine insgesamt stärkere Belastung als im letzten Winter. „Besorgniserregend ist die stark ansteigende Infektionsrate bei den jüngeren und mittleren Altersgruppen sowie die extrem starke Zunahme bei über 80-Jährigen“, sagt Susanne Schiering-Rosch. Die Boosterimpfung müsse „sehr schnell und in großem Umfang“ umgesetzt werden. „In Wiesbaden geht es damit noch viel zu langsam voran.“

Keine Erholung für Mitarbeiter

Für die Mitarbeiter der Krankenhäuser ist es mittlerweile die vierte Welle, in der sie täglich an ihre Belastungsgrenzen gehen müssen. „Für unsere Mitarbeiter:innen ist die Belastung weiterhin hoch, es gab nie eine echte Erholungsphase“, sagt Körber von den HSK. Beide Krankenhäuser seien stolz darauf, wie ihre Mitarbeiter die Pandemie meistern. „Wir wünschen uns sehr, dass die Pandemie-Welle gebrochen wird, damit unsere Mitarbeiter:innen möglichst unbeschwert die Weihnachtsfeiertage verbringen können.“

Eine Anfrage an die Asklepios Paulinen Klinik in Wiesbaden blieb bis zum Erscheinen des Artikels unbeantwortet.

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