Wiesbadener sammeln neue Verkehrsideen als Reaktion auf den Bürgerentscheid

Auch wenn die Citybahn nicht kommt muss der Verkehr in Wiesbaden neu strukturiert werden. Viele Wiesbadener haben schon erste Ideen gesammelt - das Thema Schiene ist dabei für viele noch nicht ganz vom Tisch.

Wiesbadener sammeln neue Verkehrsideen als Reaktion auf den Bürgerentscheid

Wohl kaum ein Thema sorgt in Wiesbaden heute für so viel Gesprächsstoff wie das gestrige - eindeutige - Nein zur Citybahn. Doch auch außerhalb der Stadtgrenzen wird über den Bürgerentscheid und seine Auswirkungen auf die Region gesprochen. „Die in Wiesbaden getroffene Entscheidung gegen die Citybahn bedauern wir in Taunusstein sehr“, sagt der Taunussteiner Bürgermeister Sandro Marc Zehner (CDU) nach der Veröffentlichung des Wahlergebnisses. Er bezeichnet den Ausgang als „vertane Chance, für Wiesbaden und die Region eine bezahlbare, moderne und nachhaltige Lösung für die aktuellen und sich abzeichnenden Verkehrsprobleme zu finden.“ Dabei bedauert er, dass das Projekt jetzt auch im Taunus scheitert. „Wir werden jetzt in Gesprächen mit den Partnern und Verantwortlichen eruieren, wie wir dennoch zu einer zukunftsfähigen Mobilität in unserer Region kommen“, kündigt er an.

Und tatsächlich ist klar, dass sich auch ohne Citybahn etwas an der momentanen Verkehrssituation ändern muss. „Wir haben eine Vielzahl von Aufgaben, gerade in der Mobilität, die wir lösen müssen“, kündigte Wiesbadens Verkehrsdezernent Andreas Kowol schon am Sonntagabend an (wir berichteten). Wie genau diese Lösungen konkret aussehen werden, muss in den kommenden Wochen erarbeitet werden. Deshalb sieht auch die Bürgerinitiative Pro Citybahn (BI Pro) ihre Arbeit nach der Wahl noch nicht als beendet an. In einem Facebookpost kündigen die Mitglieder an: „ Wer werden natürlich die Entwicklung des Wiesbadener Verkehrs weiter kritisch, aktiv und konstruktiv begleiten. Wie genau, wird sich in den kommenden Tagen rütteln.“

Alternativen auf Schienen

„Das Thema Schiene ist noch nicht vom Tisch.“ - Hans-Martin Kessler, CDU

Stadtentwicklungsdezernent Hans-Martin Kessler (CDU) sieht vor allem auf die Stadtverordnetenversammlung große Aufgaben zukommen, wenn neue Lösungen her müssen. „Es wird keine Citybahn geben wie sie geplant war. Das wird uns vor schwierige Aufgaben stellen, insbesondere was neue Siedlungsgebiete angeht.“ Dabei betont er auch, dass die Stadt immer weiter wächst, und mehr Anwohner nicht automatisch mehr Verkehrsteilnehmer bedeuten dürfen. Dabei betont er: „Das Thema Schiene ist noch nicht vom Tisch.“ Er sieht es als Aufgabe der Politik, nach alternativen Strecken und Verkehrsträgern Ausschau zu halten, die einerseits komfortabel, andererseits aber auch leistungsstark sind.

Dabei haben sich viele Wiesbadener bereits erste Gedanken darüber gemacht, wie die Zukunft des Verkehrs in der Stadt aussehen könnte. Eine immer wiederkehrende Idee ist dabei die Reaktivierung der Aartalbahn. So fordert Christian Hill, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Ortsbeirat Westend. „Die Parteien im Rathaus müssen sich nun schleunigst darauf verständigen, alles Notwendige zu veranlassen, die Aartalbahn auf ihrer angestammten Strecke und Spurbreite zu reaktivieren.“ Ein direkter Anschluss in die Innenstadt wäre dabei jedoch nicht möglich.

Trotzdem sieht auch Brigitte Forßbohm, planungspolitische Sprecherin der Fraktion Linke und Piraten eine große Chance in der alten Linie. „Die Aartalbahn könnte vom Taunus kommend über Dotzheim und Schierstein die am Rhein liegenden Stadtteile Wiesbadens anbinden und so auch für Pendler aus dem Taunus Anschlüsse an die S‐Bahn‐Linien in Richtung Frankfurt und Mainz bieten“, sagt sie und schätzt die Möglichkeit als ein zeitsparendes Angebot für Pendler aus dem Taunus ein.

Parkdeck in Schierstein und Busse in die Stadt

Eine weitere Idee reift unterdessen im Stadtteil Schierstein. Dort schlägt der CDU-Stadtbezirksverband ein mehrgeschossiges Parkdeck unter der Schiersteiner Brücke vor. Eine ergänzende Schnellbuslinie, so die Idee, könnte Pendler und auch Besucher der Stadt schnell von der Autobahn aus in die Innenstadt bringen und gleichzeitig den Individualverkehr entlasten.

„Wir sehen die City-Bahn keinesfalls als Allheilmittel für die Lösung unserer Verkehrsprobleme.“ - Christian Gastl, IHK

Auf einen guten Anschluss in die Innenstadt hoffen auch die Vertreter der Industrie- und Handelskammer (IHK). Sie hatten im Vorfeld lange über das Projekt diskutiert. „Wir sehen die City-Bahn keinesfalls als Allheilmittel für die Lösung unserer Verkehrsprobleme“, sagte IHK-Präsident Christian Gastl in der Planungsphase, „aber als wichtiges Puzzle-Teil im Gesamtsystem“. Wichtig sei den IHK-Vertretern, dass eine Lösung gefunden wird, die den Untertaunus gut mit der Landeshauptstadt verbindet, um so auch Wirtschaftsströme aufrecht zu erhalten.

Das ist auch Ziel der Freien Wähler. Sie bezeichnen die Entscheidung am Tag nach der Wahl als „besonders bedauerlich für die Nachbarkommunen aus dem Untertaunus.“ Als Alternative schlagen sie neben der Reaktivierung der Aartalbahn mehr Park and Ride Parkplätze an den Stadträndern und besser getaktete Busanbindungen nach Wiesbaden vor.(nl)

Wie die Mainzer Politiker im dortigen Rathaus auf das Ergebnis reagiert haben, lest Ihr hier.

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