Wiesbadener Traditionsmetzgerei schließt nach fast 100 Jahren

Am 30. Juli ist nach 95 Jahren Schluss für die Traditionsmetzgerei „W. Leinhos“ im Wiesbadener Westend. Wir haben mit Inhaber Detlev Leinhos über die Entscheidung zur Schließung gesprochen.

Wiesbadener Traditionsmetzgerei schließt nach fast 100 Jahren

1926 eröffnete Ferdinand Schlotter, Großvater des heutigen Inhabers Detlev Leinhos, eine Metzgerei in der Yorkstraße 12. Nach drei Generationen Familienbetrieb, zahlreichen Gesellen und vielen Stammkunden ist am 30. Juli 2022 Schluss. Das hatte viele Gründe, erzählt Detlev Leinhos im Gespräch mit Merkurist.

Der Krieg in der Ukraine und die damit einhergehende Inflation haben nun die endgültige Entscheidung zur Schließung herbeigeführt. „Letztes Jahr hatten wir zudem noch das umsatzschlechteste Weihnachtsgeschäft seit der Gründung. Sehr oft stand niemand vor der Theke,“ so Leinhos. Dabei erinnere er sich noch, dass während des Feiertagsgeschäfts in seiner Kindheit und späteren Lehrzeit bei seinem Vater immer sehr viel zu tun gewesen sei. „Viele Stammkunden kommen oft auch nur noch zu Weihnachten, davon können wir aber nicht leben.“

Klimaschutz führt zu weniger Fleischkonsum

Im Prinzip habe man sich in den letzten Jahren nur noch über Wasser gehalten und keine Gewinne mehr gemacht, so Leinhos. „Zu unserem Überleben hat vor allem die Belieferung von bis zu 17 Wiesbadener Kindergärten beigetragen. Angefangen hat das mit der Evangelischen Kindertagesstätte der Kreuzkirchengemeinde hier um die Ecke, deren ehemalige Köchin den Kindern dreimal die Woche Fleisch vorsetzen wollte.“ Heute werde dem Kindergarten nur noch alle 14 Tage die Hälfte von damals geliefert. Der Trend zum geringeren Fleischkonsum aufgrund des Klimawandels zeige sich auch im Gespräch mit Kunden. „Die erzählen uns dann, dass ihre Kinder kein Fleisch mehr essen.“ Für Leinhos sei der Schutz des Klimas zwar auch wichtig, seiner Meinung nach gäbe es aktuell aber Schlimmeres für die Umwelt. „Die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien zum Beispiel,“ erklärt er.

Familienbetrieb mit Namensänderung

Detlev Leinhos hat das Geschäft 1991 von seinem Vater Werner Leinhos übernommen. Der wiederum übernahm das Geschäft 1967 von seinem Schwiegervater Ferdinand Schlotter und änderte den Namen von „Metzgerei Ferdinand Schlotter“ zu „Metzgerei W. Leinhos“. Zu den besten Zeiten seien bis zu 15 Personen gleichzeitig im Betrieb beschäftigt gewesen, darunter Gesellen, Fahrer und Köche. Zudem gab es von 1998 bis 2003 eine weitere Filiale in Biebrich. Schließen wird das Geschäft nun mit vier Angestellten, darunter auch der sechs Jahre jüngere Bruder des Geschäftsführers.

Viele der Stammkunden, die Detlev Leinhos persönlich kenne, zeigten sich sehr traurig. „Viele rufen an und fragen, wo sie jetzt ihren Weihnachtsbraten kaufen sollen. Auch ich werde jetzt gefragt, wo ich in Zukunft mein Fleisch kaufen will. Auf jeden Fall in einem Handwerksbetrieb und nicht im Supermarkt,“ so Leinhos und gibt gleich einige Empfehlungen ab. Dazu gehören die „Metzgerei Ralph Martin“ in Frauenstein und die „Metzgerei Brauer“ mit Filialen in Delkenheim und Nordenstadt.

Übernahme der Räume noch offen

Wie es mit den Räumen weitergeht, ist noch offen. „Da meine Wohnung über eine Treppe mit dem Laden verbunden ist, sah die Suche nach einem Nachmieter zuerst schwierig aus,“ so Leinhos. Mittlerweile habe sich allerdings ergeben, dass die Verbindung baulich behoben werden kann. Bevor das klar war, musste Leinhos bereits einer potenziellen Interessentin, die persönlich im Laden nach dem Verbleib der Räume gefragt hatte, absagen. „Die würde hier sehr gern eine Bäckerei eröffnen. Leider habe ich ihre Kontaktdaten nicht, aber vielleicht liest sie das hier.“

Bis zur Geschäftsaufgabe Ende Juli wird jetzt nur noch das nötigste an Waren produziert. Dazu gehören Wiener Wurst, Fleischwurst und Schnitzel. „Für Exotischeres lohnt sich der Aufwand nicht mehr,“ so Leinhos.

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