Jörg Dahlmann über „Sushi“-Spruch: „Ich bereue das wirklich nicht“

In seiner Autobiografie erinnert sich der Wahl-Wiesbadener Jörg Dahlmann an seine Zeit als Sportreporter zurück. Mit Merkurist hat er über sein plötzliches Karriere-Aus, schwere Vorwürfe und fast 40 Jahre im Sportjournalismus gesprochen.

Jörg Dahlmann über „Sushi“-Spruch: „Ich bereue das wirklich nicht“

Fast 40 Jahre lang war Jörg Dahlmann eine der prägenden Stimmen der deutschen Fußballberichterstattung. Ob als Kommentator oder Fieldreporter: Für das ZDF, Sat.1, Premiere und Sky war er am Ball. Dahlmann, der in Wiesbaden und auf Mallorca lebt, sorgte in den vergangenen Jahren aber immer wieder für Schlagzeilen. Einige seiner Sprüche seien sexistisch oder unsensibel, sogar Rassismus wurde ihm wegen eines Spruchs vorgeworfen.

Im März 2021 beendete der Pay-TV-Sender „Sky“ die Zusammenarbeit mit Dahlmann, nachdem er wiederholt in die Schlagzeilen geraten war. Rund ein Jahr später hat Dahlmann eine Autobiografie über sein bewegtes Leben veröffentlicht. Mit Merkurist hat er über seine prägendsten Erlebnisse als Sportreporter, aber auch über die Aufreger gesprochen.

Merkurist: Herr Dahlmann, Sie haben im März eine Biografie über Ihr Leben als Sportreporter veröffentlicht. Hatten Sie diesen Plan schon länger gefasst oder kam Ihnen die Idee erst nach Ihrem Ende bei Sky?

Jörg Dahlmann: Vor zehn Jahren habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Den ersten Anstoß für das Buch hat mir mein alter Sportreporter-Kollege Ulli Potofski vor circa zwei Jahren gegeben, also vor dem Ende meiner Zusammenarbeit mit Sky. Damals habe ich Ulli gesagt, dass so eine Biografie nicht mein Ding ist. Ich war mir auch selbst unsicher, ob das überhaupt jemanden interessiert und ob ich wirklich genug Geschichten zu erzählen habe.

Wie kam es bei Ihnen dann zum Sinneswandel?

Nach meinem Rauswurf bei Sky stand ich vor der Frage, wie ich damit umgehen soll und was ich künftig machen soll. Da kam mir plötzlich Ulli Potofskis Idee wieder in den Sinn.

Was hat es mit Ihnen gemacht, die vergangenen 40 Berufsjahre noch einmal durchzugehen und die interessantesten Geschichten aufzuschreiben? Bewerten Sie Aussagen von sich oder ihr Verhalten in der Vergangenheit nun anders als vorher?

Zunächst einmal hat es mir wahnsinnig viel Spaß gemacht! Es stimmt, man denkt über viele Dinge noch einmal nach, aber es schießen einem so viele schöne Geschichten in den Kopf. Ich bin es angegangen wie eine Gliederung in der Schule, habe mein Leben in gewisse Kapitel aufgegliedert.

Welche Veränderungen haben Sie als Sportreporter in den vergangenen Jahren erlebt?

Früher gab es eine viel größere Nähe zwischen Sportlern und Journalisten. In den Neunzigerjahren konnte ich zu Nationalspielern wie Jürgen Klinsmann oder Lothar Matthäus gehen und sagen: Komm, wir machen mal ein Interview. Und dann haben wir das getan. Heutzutage müssen Artikel immer nochmal zur Autorisierung eingereicht werden, das gab es früher nicht. Ich muss sagen: Ich weine diesen Zeiten schon hinterher, weil es eben damals freier war als heutzutage. Man kann schon sagen, dass damals alles noch origineller und basisbezogener war.

Was glauben Sie: Wieso kam es zu dieser Entwicklung?

Das kann ich ehrlich gesagt auch nicht sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass alle einfach vorsichtiger geworden sind und Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Vielleicht auch, weil Dinge, die nicht korrekt gesagt werden, zunehmend ausgeschlachtet werden von manchen.

Liegt es aber vielleicht auch daran, dass Aussagen durch soziale Medien wesentlich häufiger öffentlich diskutiert werden als beispielsweise noch vor 20 Jahren?

Natürlich, ja. Ich stehe sozialen Medien kritisch gegenüber, aber ich sage auch: Es ist nicht nur Fluch, sondern auch Segen in manchen Dingen. Ich bin zum Beispiel sehr glücklich darüber, dass meine Tochter Lara mich dazu überredet hat, ein Instagram-Profil anzulegen. Und zwar schon lange vor meinem Ende bei Sky. Sie hatte damals schon kommen sehen, dass das eines Tages auch wichtig für mich persönlich werden könnte.

In welcher Hinsicht ist Ihr Instagram-Profil wichtig für Sie?

Nach den Anschuldigungen von Sky hatte ich die Möglichkeit, meine Version darzustellen, so wie ich das sehe. Insofern betrachte ich das auch als Segen.

Eine Aussage über einen japanischen Zweitligafußballer von Hannover 96 kostete Sie 2021 den Job bei Sky. Während einer Übertragung hatten Sie gesagt: „Es wäre sein erster Treffer für 96 gewesen. Den letzten hat er im Land der Sushis geschossen.“ Gemeint war Japan. Ihre Aussage wurde von einigen Menschen als rassistisch empfunden, ihr Arbeitgeber Sky fand, Sie hätten „kein Bewusstsein“ gezeigt, „als Multiplikator eine entsprechende Verantwortung zu tragen“. Bereuen Sie Ihre Aussage inzwischen?

Ich will nicht dickköpfig wirken, aber ich bereue das wirklich nicht. Bei „Land der Sushis“ hatte ich zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich damit anecken könnte. Ich habe darin keine Doppeldeutigkeit gesehen und habe zu 100 Prozent die Köstlichkeiten gemeint.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Ihre Aussagen für Aufsehen gesorgt haben?

Als ich am Abend im Hotelzimmer ankam, wollte ich mir noch einen Überblick über die Themen des Tages verschaffen. Ich sah Angela Merkel, Jens Spahn und plötzlich meinen Kopf – ich war völlig baff und las die Überschrift: Wieder Ärger um Sky-Reporter Dahlmann. Diese Geschichte war allerdings in den sozialen Medien gar nicht so groß diskutiert worden, es war eine reine „Bild“-Onlinegeschichte. Dort hatte man die Sushi-Aussage mit einer vorherigen Aussage von mir über die Schauspielerin Sophia Thomalla vermischt.

Darüber möchten wir gleich auch noch mit Ihnen sprechen. Warum glauben Sie, wurde diese ältere Aussage wieder aufgegriffen?

Es ging darum, die alte Geschichte wieder aufzugreifen und ein Foto von Sophia Thomalla sorgt eben für Klicks. Das muss ich Ihnen ja nicht erklären.

Über Frau Thomalla hatten Sie im Dezember 2020 eine Aussage getätigt, die sich auf ihren damaligen Lebensgefährten, den Torhüter Loris Karius bezog: „Jetzt in Berlin sitzt er (Karius) eben nur auf der Bank. Hat den Vorteil, dass er zu Hause kuscheln kann mit seiner Sophia Thomalla. Aber für so eine Kuschelnacht mit Sophia würde ich mich auch auf die Bank setzen.“ Einige Menschen nahmen die Aussage als sexistisch gegenüber Frau Thomalla wahr.

In dem Moment, als ich das gesagt habe, dachte ich: Oh, mal sehen wie das ankommt. Zumindest ein bisschen hatte ich mich in diesem Fall auf Gegenwind eingestellt. Ich persönlich kann über Aussagen wie diese schmunzeln. Ein Kommentator des Sport-Streamingdienstes „DAZN“ hatte ein paar Monate vor meinem Spruch eine Aussage getätigt, die sinngemäß lautete: „Es ist wie beim dritten Date mit der neuen Freundin: Beim dritten Mal wissen beide, dass es passiert.“ Der Mann wurde für seine Aussagen gefeiert von Medien, als Kultreporter bezeichnet. Mir wurde ein harmloserer Spruch, der dennoch vielleicht ein Geschmäckle hatte, um die Ohren geworfen. Als ich auf Twitter für meinen Spruch beschimpft wurde, gesellten sich noch die Leute dazu, die mich eh noch nie leiden konnten. Ich denke, deswegen kam es zu so einem vehementen Shitstorm gegen mich.

Waren Ihre Aussagen auch Thema in der Familie? Haben Ihre Kinder nicht auch mal gesagt: Mensch Papa, das sollte man aber heutzutage so nicht mehr sagen?

Nein, überhaupt nicht. Meine Kinder sind klardenkend und sie haben mir auch gesagt, dass sie die Vorwürfe absurd fanden. Dass vielleicht einige Leute meine Aussage als Altherrenhumor betrachten, ja, das kann sein. Aber deswegen muss man aus meiner Sicht nicht so ein Riesen-Fass aufmachen.

Sophia Thomalla hat sich dann in Ihrer Biografie zur Sache geäußert, Sie aber dabei nicht des Sexismus bezichtigt. Wie kam es dazu, dass sie in Ihrem Buch zu Wort kommt?

Ich hab sie angefragt. Und letztlich empfand sie meine Aussage sogar als Kompliment. Sie hat sich sehr amüsiert über den Spruch und sich schlapp gelacht, hat sie mir gesagt. Sie selbst fühlte sich überhaupt nicht angegriffen. Als ich mir Gedanken über das Buch gemacht habe, hatte ich generell die Idee, auch ein paar alte Kollegen und Weggefährten anzufragen, ob sie was schreiben können. Bis auf einen haben dann auch alle zugesagt und etwas geschrieben. Darunter Uli Hoeneß, Oliver Kahn und viele andere. Das war für mich auch eine große Ehre und bei Sophia Thomalla war es auch einmal schön zu sehen, wie sie ihren Standpunkt dargelegt hat und was sie stört an der ganzen Diskussion. Gerade weil sie ja auch immer wieder selbst von Shitstorms betroffen ist. Sie ist eine hochintelligente Frau, die ihren Weg geht.

Ihre Biografie heißt „Immer geradeheraus“. Man sagt Menschen aus dem Ruhrgebiet nach, dass sie immer besonders ehrlich und direkt sind. Aber kann das nicht auch manchmal verletzend für andere sein? Ist das vielleicht das Problem an Ihrem Stil so zu kommentieren, dass man da auch mal über das Ziel hinausschießt?

Natürlich ist das die Gefahr, wenn man geradeheraus spricht und nicht immer alles chemisch reinigt im Kopf, bevor man es ausspricht, dass dann auch mal einer daneben geht oder übers Ziel hinaus. Dass man dann auch jemanden verletzen kann, das räume ich ein. Wenn man aber auf der anderen Seite total durchdacht sein Worte wählt und versucht, nur nirgends anzuecken, dann nimmt man sich von der Sprache so viel weg und auch von der Form der Berichterstattung. Denn Fußball ist immer auch Emotion. Und Emotionen können nur da sein, wenn man auch mal eine gewisse Freiheit hat auf der Zunge. Ich finde es schade, wenn sich Leute zu sehr einschränken und eine Schere im Kopf haben.

Haben Sie in den letzten Jahren noch einmal für sich überlegt, an diesem Punkt hätte ich etwas ändern oder mich vorher hinterfragen müssen im Hinblick auf Rassismus, um sich nicht angreifbar zu machen?

Nein. Weil ich beispielsweise bei dieser Sushi-Geschichte überhaupt nicht daran gedacht habe, dass das rassistisch sein könnte.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber Sky kommt in Ihrem Buch nicht gut weg. Wie wurde denn mit Ihnen dort umgegangen?

Meine Reporter-Kollegen, die lobe ich und die mag ich! Das war ein tolles Miteinander. Meine Kritik zielt einzig und allein auf die Verantwortlichen. Weil die nämlich in beiden Fällen - nach Thomalla und den Sushis - mich nicht angehört haben. Sie haben mir sofort den Strick um den Hals gelegt und zugezogen. Das gehört sich nicht für ein gutes Management eines Unternehmens. Deren Vorgänger beispielsweise haben neben mir noch zwei Kollegen geholt, die auch etwas lockerer, freier kommentiert haben. Bei den aktuell Verantwortlichen sieht man hingegen nie ein Lachen, es wird immer alles komplett nur ernst und sachlich diskutiert. Eine andere Gefühlregung gibt es bei denen nicht.

Sie und Ihre Kollegen haben in den 90er-Jahren mit „Ran“ auf Sat.1 die Fußball-Berichterstattung revolutioniert. Der Sport wurde unterhaltsamer präsentiert. Wie denken Sie an die Zeit zurück?

Man muss sagen, dass es damals keine finanziellen Einschränkungen gab. Da floss das Geld noch wie Milch und Honig. Die Zeit hat mega-viel Spaß gemacht, wir hatten ein tolles Team, einen guten Zusammenhalt und sind heute noch immer in einer Whatsapp-Gruppe vereint. Aber ich schätze auch meine Anfangszeit beim ZDF und später meine Zeit bei Premiere (Sky-Vorgänger). Ich liebe aber auch die Sky-Konferenz, die ich jahrelang betreut beziehungsweise kommentiert habe. Da gab es sensationelle Spiele.

Gibt es ein Spiel, dass Ihnen noch besonders gut in Erinnerung ist?

Unter anderem der Aufstiegskrimi im Jahr 2003, als Mainz eigentlich schon aufgestiegen war und dann Frankfurt in der Nachspielzeit ein Tor geschossen hat und damit statt Mainz aufgestiegen ist. Damals kommentierte ich das Mainz-Spiel. Sowas bleibt immer in Erinnerung.

Wie geht es bei Ihnen jetzt persönlich weiter?

Mein Plan ist es, die Seele baumeln zu lassen. Ich bin dankbar, dass ich so lange in dem Geschäft mit dabei sein durfte, dazu zähle ich auch meine Zeit im Print-Bereich. Ich durfte über mehrere Jahrzehnte einen Traumberuf ausüben, hätte den alten Rekord von Ernst Huberty gerne noch übertroffen, der noch mit Mitte 80 kommentiert hat. Mein Ziel war immer, noch mit 99 Jahren am Mikro zu sein, wenn mich der liebe Gott hätte machen lassen.

Jetzt ist es anders gekommen, aber ich bin nicht verbittert oder böse, sondern ich bin trotzdem happy, weil ich ja auch ein zweites Domizil auf Mallorca habe, mit Meerblick von meinem Wohnzimmer aus. Insofern bin ich jetzt nicht mega-traurig, dass ich nicht mehr arbeite. Und vielleicht treffe ich demnächst einmal Sophia Thomalla. Sie hatte mir nach unserer Geschichte bis zu zehn Bier versprochen. Da mach ich gerne mit, dann aber zehn Bier für jeden (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch, Jörg Dahlmann.

Das Gespräch führten Michael Meister und Peter Kroh.

Jörg Dahlmanns Biografie „Immer geradeheraus: Tore, Typen, Turbulenzen – meine wilde Zeit als Fußballreporter“ ist im „Edel Sports“-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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