Wiesbadener Start-Up entwickelt Therapie gegen Hautkrankheit

Das Wiesbadener Start-Up „Lenicura“ hat eine Therapie entwickelt, die Menschen mit eitrigen Abszessen helfen soll. Erste Ärzte setzen das Gerät bereits ein - auch wenn die Krankenkasse die Behandlung noch nicht bezahlt.

Wiesbadener Start-Up entwickelt Therapie gegen Hautkrankheit

Mindestens 800.000 Menschen in Deutschland leiden an der Hautkrankheit Akne Inversa, heißt es auf der Homepage von Lenicura. Die Betroffenen plagen entzündete Talgdrüsen, deren Eiteransammlungen oft bis tief ins Gewebe reichen. Die meist unter der Achsel und im Genitalbereich sitzenden Abszesse können oft nur operativ entfernt werden. „Die Dunkelziffer dieser entzündlichen Erkrankung liegt wesentlich höher“, sagt Dr. Katharina Reinhard, Geschäftsführerin des Wiesbadener Start-Ups Lenicura mit Sitz im Europaviertel. „Bislang gab es für Akne Inversa nur wenige Behandlungsoptionen, da die Krankheit oft falsch diagnostiziert und nicht erkannt wird.“ Reinhard hat deswegen eine Licht-Therapie entwickelt, die die Anzahl entzündlicher Abszesse reduziert. Im April 2017 ist die sogenannte lAight-Therapie als erstes Medizinprodukt zur Behandlung von Akne inversa zugelassen worden.

Entdeckungsgeschichte

Obwohl Katharina Reinhard BWL studiert und in diesem Bereich auch promoviert hat, eröffnete sie 2011 ein Kosmetikstudio in Frankfurt. Zwei Wochen nach der Eröffnung kam Reinhard mit einer Kundin ins Gespräch, die ihr von ihrer Erkrankung an Akne Inversa und die damit verbundenen Einschränkungen im Leben berichtete.

Reinhard führte an der Kundin eine Kaltlichttherapie durch, die die Haut in den tieferen Schichten regeneriert und entzündete Stellen zerstört. Vorerst verschlechterte das die Symptome der Frau. Nach rund einer Woche heilten die Abszesse allerdings ab. „Mich packte die Neugier und ich begann über die Krankheit zu recherchieren“, erklärt sie. Auf der Suche nach Mitstreitern wurde sie auf Dr. Andreas Hafner, Physiker an der Uni Mainz, aufmerksam. „Gemeinsam entwickelten wir eine modifizierte Therapie aus Licht und Radiofrequenzen, ähnlich wie die Kaltlichttherapie.“ Nach verschiedenen Testreihen und einer offiziellen Studie der Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz wurde das Produkt nach eineinhalb Jahren Zulassungsprozess im April eingeführt. Der mechanische Apparat für die Licht-Behandlung wurde an verschiedene Wund-Zentren in Deutschland und bislang sieben aktive Praxen ausgehändigt.

Erste Behandlungen

Die Hautarztpraxis von Dr. Uwe Kirschner in Mainz war eine der ersten Praxen, die die Therapie anwendeten. „Anfangs war ich skeptisch. Es gab bereits Forschungen auf dem Gebiet der Lichttherapie. Aber der weiterentwickelte Apparat von Lenicura hat mich überzeugt. Ich bin begeistert“, sagt er.

„Mit der Therapie ist die Krankheit nun kontrollierbar.“ - Dr. Uwe Kirschner, Hautarzt

Viele Menschen hätten aufgehört zum Arzt zu gehen, da die wenigen Behandlungsoptionen sie frustrierten und sie Sätze, wie „Sie sollten sich öfters waschen“ hörten. „Mangelnde Hygiene ist keine Ursache für die Erkrankung. Sie ist chronisch. Die Abszesse kommen immer wieder“, so Kirschner. Mittlerweile behandle er 120 Patienten mit Akne Inversa. „Mit der lAight-Therapie ist die Krankheit nach wenigen Anwendungen schon kontrollierbar. Die Patienten bekommen direkte Hilfe und haben endlich eine Anlaufstelle für ihre Sorgen.“

Problemstellung

Akne Inversa sei eine Krankheit über die die Patienten nicht gerne sprechen, erklärt Reinhard. „Durch die Erkrankung haben sie immense Einschränkungen im normalen Alltag. Die Abszesse können jederzeit platzen und sind verbunden mit erheblichen Schmerzen und oft hilft nur eine Operation. Viele der Patienten haben dabei schon mehr als eine OP hinter sich. Wie erklärst du das deinem sozialen Umfeld?“ Das eine Berufsunfähigkeit die Folge ist, sei dabei keine Seltenheit, sagt auch Annette Kühn, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei Lenicura. „Die Krankheit ist nicht heilbar und sie ist der Öffentlichkeit doch kaum bekannt“, sagt sie. Diese Krankheit brauche ein Sprachrohr.

„Es ist unsere Überzeugung, dass das der beste Weg ist, die Krankheit zu kontrollieren.“ - Dr. Katharine Reinhard

Die Patienten könnten mit der lAight-Therapie wieder ein normales Leben führen ohne ständige Gedanken an die Krankheit, so Reinhard. „Es ist unsere Überzeugung, dass das der beste Weg ist, die Krankheit zu kontrollieren“, sagt sie. Ein Knackpunkt sind derzeit noch die Kosten: Eine Behandlung kostet rund 87 Euro und sollte alle vier bis acht Wochen wiederholt werden. Jährlich käme eine Summe von rund 1200 Euro auf die Patienten zu. „Aktuell tragen die Patienten die Kosten noch selbst, da die Krankenkasse die Behandlung nicht anerkennt“, erklärt Reinhard. Der Bundesausschuss (GBA) diskutiere aktuell über eine Aufnahme in die Regelversorgung.

Behandlung und Betreuung

Für die Behandlung hat das Team von Lenicura einen Apparat entwickelt, mit dem die lAight-Therapie durchgeführt wird. „Die Haut wird mit einer Kombination aus Intense Pulsed Light (IPL) und Radiofrequenzen bestrahlt“, erklärt Dr. Kirschner. „Dabei werden die Entzündungen, die tief unter der Haut liegen, erreicht und nach außen getragen. Dort können sie dann abheilen.“ Es gebe bisher nur sehr wenige Patienten, bei denen die Therapie nicht anschlägt, sagt Dr. Kirschner weiter. Jedoch treffe das auf keinen seiner Patienten zu. „Alle 120 Patienten in meiner Praxis sind zufrieden. Und auch in schwerwiegenden Fällen kann die lAight-Therapie ergänzend vor einer OP angewendet werden, um dann bessere Ergebnisse nach der OP zu erhalten.“ Nebenwirkungen seien bisher nicht aufgetreten, betont Reinhard. Allerdings seien temporäre Hautirritationen möglich.

„Ziel ist eine regelmäßige Betreuung mit einer lückenlosen Dokumentation der Behandlung in den Praxen.“ - Dr. Katharina Reinhard

Darüber hinaus will Lenicura nicht nur die Behandlung mit der Licht-Therapie anbieten, sondern auch eine Versorgung der Patienten. „Ziel ist eine regelmäßige Betreuung mit einer lückenlosen Dokumentation der Behandlung in den Praxen. Wir wollen den Ärzten und den Betroffenen unterstützend zur Seite stehen“, sagt Reinhard. Seit der Zulassung seien schon 1000 Anfragen an Lenicura eingegangen. In den nächsten Jahren sollen daher immer mehr Praxen, Zentren und auch Länder mit ins Boot geholt werden.

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