Lieferverkehr soll aus Innenstadt verbannt werden

Lastwagen, Transporter und Lieferanten verstopfen während der Lieferzeiten Wiesbadens Straßen. Das soll sich ändern. Die Stadt braucht ein neues Konzept, das schon im Sommer starten soll.

Lieferverkehr soll aus Innenstadt verbannt werden

„Ich bin gerade durch die Innenstadt geradelt“, erzählt Verkehrsdezernent Andreas Kowol an einem Vormittag. „An manchen Stellen kommt man gar nicht mehr durch — sogar für Fußgänger wird es eng. An allen Ecken stehen Lieferfahrzeuge, zum Teil große Lkws. Auch Busspuren werden zum Be- und Entladen zugeparkt, etwa in der Wilhelmstraße, und wo Arbeitsmaterial an Baustellen angeliefert wird, geht gar nichts mehr“, beschreibt der Politiker seine Tour durch Wiesbaden während des Lieferverkehrs am Vormittag.

Immer mehr Lieferungen

Als Grund dafür sieht Stephan Kritzinger vom Zentrum für integrierte Verkehrssysteme vor allem ein verändertes Lieferverhalten. Neben vielen Online-Bestellungen an Privathaushalte, kämen täglich weitere Lieferungen von Kurier- und Paketdiensten an Geschäfte und Dienstleister in der Innenstadt hinzu. Außerdem bestünden immer mehr Läden auf volle Regale bis kurz vor Ladenschluss. „Bäckereifilialen werden deshalb oft mehrmals am Tag beliefert“, nennt er ein konkretes Beispiel. Bis 2030 rechnet er mit einem Anstieg von Kurier und Expresssendungen in Wiesbaden um mehr als 60 Prozent, dabei schätzte eine Studie schon 2018 fast 11 Millionen dieser Fahrten in der Stadt.

„Wir müssen bis Sommer etwas bauen. Aber was, das wissen wir noch nicht.“ - Petra Beckefeld, Tiefbau- und Vermessungsamt

Für ein neues Logistikkonzept, das Ordnung in die vielen Fahrten bringen soll, hat das Verkehrsministerium bereits rund 1,4 Millionen Euro bereit gestellt, die Stadt stockt den Betrag noch einmal auf. Verschiedene Akteure arbeiten deshalb gerade an einer Lösung für den Lieferverkehr. „Wir müssen bis zum Sommer etwas bauen. Aber was, das wissen wir noch nicht“, fasst Petra Beckefeld , Leiterin des Tiefbau- und Vermessungsamtes den Ist-Zustand zusammen. Denn wenn bis zum Sommer kein Konzept in die Tat umgesetzt wird, müssen die Fördermittel zurückgezahlt werden.

Poller und Paketboxen

„Die Idee der versenkbaren Poller ist noch nicht vom Tisch.“ -Andreas Kowol, Verkehrsdezernent

Erste Ideen für eine neue Regelung stammen aus anderen Städten wie etwa Hamburg und München, wo die Fußgängerzonen bereits jetzt komplett für den Verkehr gesperrt sind. „Auch bei uns ist die Idee mit versenkbaren Pollern nicht nur Terrorismus abzuwehren noch nicht vom Tisch“, sagt Kowol. Sie könnten eine Möglichkeit sein, die Lieferzeiten klar zu beschränken. „Aber wo genau diese Poller stehen könnten und wie sie bedient werden, müssen wir noch prüfen.“

Eine andere Idee sind Paketboxen an zentralen Stellen in der Stadt, zum Beispiel an großen Umsteigeplätzen des ÖPNV oder in Verwaltungsgebäuden, in denen täglich mehrere hundert Wiesbadener arbeiten. Das System soll ähnlich funktionieren wie die Packstationen von DHL, jedoch für alle Paketdienste zugänglich sein. Arbeitnehmer in der Innenstadt könnten ihre private Post dort hin liefern lassen, und sie nach Feierabend abholen. Für die Lieferung mehrere Pakete wäre dann nur eine Fahrt notwendig und Empfänger würden ihre Bestellungen zuhause nicht verpassen. Nach einem ähnlichen System könnten aber auch größere Umschlagplätzen, sogenannte „Micro Hubs“, in der ganzen Stadt enstehen. Von dort aus können Waren direkt zum Empfänger gelangen, etwa über einen Lieferanten auf einem Fahrrad oder Lastenrad.

Zudem blickt die Stadt derzeit nach Stuttgart. Dort läuft ein Pilotprojekt, wie Kritzinger erklärt. „Freie Stellplätze in Parkhäusern und auf großen öffentlichen Parkplätzen können dort zu Randzeiten und in der Nacht als Lieferzonen genutzt werden. Ob etwas frei ist, erfahren die Fahrer per App“, so das Konzept. Für Kowol sei das auch in Wiesbaden denkbar, sofern die Testphase in Baden-Württemberg erfolgreich verläuft.

Alle unter einen Hut bekommen

Weil neben Privatsendungen und Warenlieferungen für Geschäfte aber auch Sonderfahrten, etwa für eilige Medikamente, Lebensmittel, deren Kühlkette nicht unterbrochen werden darf und die Müllabfuhr mit eingeplant werden müssen, steht die Stadt gerade im Austausch mit Betroffenen. Die Beteiligung leitet Antje Grobe von „Dialog Basis“. Sie kennt die verschiedenen Anliegen und Schnittstellen bereits aus verschiedenen Treffen und Workshops. In den kommenden Sitzungen sollen die ersten Ideen konkretisiert werden. Die Stadt müsse dann die Rahmenbedingungen für die Ideen schaffen, etwa Flächen oder Gebäude zur Verfügung stellen und die rechtlichen Grundlagen prüfen. Welche Idee — und in welcher Form — in Wiesbaden zum Einsatz kommt, soll im Sommer der Öffentlichkeit vorgestellt werden. (ms)

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