Mittwoch Nachmittag – ein Raum voller Kinder in der Wellritzstraße 39, sie sprechen leise mit den anwesenden Ehrenamtlichen, um sich gegenseitig nicht zu stören. Die Hausaufgabenhilfe von „Kubis e.V.“ ist auch bei hohen Temperaturen gut besucht. Kinder aus dem Westend können sich hier Unterstützung bei den Grundschulpaten holen oder am Förderunterricht teilnehmen. Aber auch Erwachsene finden hier Hilfe – und eine Gemeinschaft. Der Verein im Herzen des Westends hat ein breites soziales Angebot für die Bewohner des Viertels.
Vorurteile und Probleme im Westend
Das Westend ist mit 0,67 Quadratkilometern Wiesbadens kleinster Stadtteil. Mit seinen über 19.000 Einwohnern aber im Verhältnis einer der dicht besiedelsten in ganz Deutschland. Der Bismarckring teilt das Viertel in äußeres und inneres Westend. Während der äußere Teil beliebt ist, gilt der innere Teil um die Wellritzstraße herum als Problemviertel.
„Der innere Teil ist fast wie der ‚Bahnhof‘ Wiesbadens: Ankommen und Durchlaufen von vielen Menschen, sehr von einem negativen Fremdimage geprägt“, erklären Ute Ledwoyt, Anni Waßenberg und Jörg Saathoff. Die drei Hauptamtlichen von „Kubis e.V.“ wissen nur zu gut um die Probleme im Viertel: Müll, extrem schlechte Zustände von Häusern und Wohnungen mit Vermietern, die das nicht interessiert, Drogen, Armut, Sprachbarrieren, kaum Grünflächen und generell viele Menschen auf wenig Raum, das lasse sich alles nicht leugnen.
„Wer in der Wellritzstraße wohnt, hat automatisch einen schlechteren Schufa-Score, allein wegen der Adresse“, so die drei Sozialarbeiter. Umso wichtiger sind die Unterstützung und die Gemeinschaft in der Nachbarschaft. Mit vier Hauptamtlichen in Teilzeit und über 70 Ehrenamtlichen widmet sich der Verein dieser Aufgabe.
Kostenlose Angebote von Kubis
„Kubis e.V.“ schafft seit 2004 Räume für Begegnungen, Bildung und Austausch. Damals wurde der Verein in freier Trägerschaft gegründet – zur Völkerverständigung und Imageverbesserung – finanziert durch die Kommune, das Land und Spenden von Stiftungen und Privatpersonen. „Seit Anfang an bangen wir immer wieder um unsere Existenz, auch aktuell merkt man einfach, dass an vielen Stellen die Mittel fehlen“, führt Jörg Saathoff aus.
Doch seit 22 Jahren macht der Verein weiter. Den Lese- und Schreibservice gibt es als eins der ältesten und meist genutzten, oder meist benötigten, Projekte bis heute. Wer Unterstützung mit Briefen, Formularen und Anträgen oder Bewerbungen braucht, kann dafür einen Termin vereinbaren. An vier Tagen die Woche gibt es sechs Termine pro Tag. „Ist es dringend, kann man aber auch auf gut Glück vorbeikommen, es kann immer sein, dass jemand nicht zu seinem Termin erscheint und dann kurzfristig ein Slot frei ist“, so Ute Ledwoyt. „Pro Jahr nehmen ca. 1.000 Menschen allein den Lese- und Schreibservice in Anspruch.“
Zum kostenlosen Angebot von „Kubis e.V.“ gehören außerdem ein Sprachcafé, Berufskompass, die offene Lernwerkstatt, ein Kreativtreff, ein lockeres Treffen zum Austausch: der interkulturelle Treff, „Fit für den Alltag“ – ein Angebot für Frauen, ein interkultureller Musiktreff sowie die Grundschulpaten und der Förderunterricht für Kinder. Der vierte Hauptamtliche des Vereins, Robin Röhler, betreut zudem das Tandemprojekt „Hallo und Willkommen in Wiesbaden“. Dabei helfen ehrenamtliche „Lotsen“ Neuankömmlingen, die etwas mehr Unterstützung benötigen, sich in Wiesbaden zurecht zu finden.
Sprachrohr der Community
„Die Angebote sind alle sehr nachgefragt“, erläutert Saathoff. Anni Waßenberg ergänzt: „Alles ist sehr niedrigschwellig angelegt, vieles ist ohne Termin oder Anmeldung nutzbar. Wir organisieren außerdem auch immer wieder Einzelangebote oder Workshops je nach Bedarf aus der Community. Wir verstehen uns als Sprachrohr der Nachbarschaft und wenn Menschen mit Ideen oder Lösungsvorschlägen für verschiedene Bedarfe zu uns kommen, möchten wir sie dabei unterstützen, das in die Realität umzusetzen.“
So ist beispielsweise eine selbstorganisierte ukrainische Frauengruppe zum Thema Gesundheit entstanden, oder ein Workshop zum Thema Selbstbewusstsein. Zwei Mal im Jahr gibt es zudem einen Kleidertausch. „Wir wollen vor Ort gemeinsam an Missständen arbeiten und die Menschen generations- und herkunftsübergreifend miteinander verbinden. Diese Arbeit erfordert Zeit, Vertrauen und auch finanzielle Ressourcen“, führt Waßenberg aus.
Gutes Netzwerk ist essentiell
Die Hauptamtlichen von „Kubis e.V.“ sind aber nicht nur mit den Menschen im Westend, sondern auch mit anderen Vereinen und sozialen Einrichtungen gut vernetzt, sei es die Stadtteilkonferenz oder zum Beispiel das Kinder-Eltern-Zentrum. „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Gemeinschaft, die den Menschen hier vor Ort mit unterschiedlichen Angeboten helfen kann, also stellen wir entsprechende Kontakte bei Bedarf gerne her“, so Ute Ledwoyt. Sie findet außerdem, dass die Menschen vor Ort manchmal eine intensivere Begleitung benötigen, deswegen wünsche sich der Verein mehr Investitionen statt weniger.
Eine der Ehrenamtlichen der Förderangebote für Kinder, Heike, berichtet ergänzend: „Ich bleibe mit vielen in Kontakt, auch wenn sie unser Programm verlassen. Ich kann mit Sicherheit sagen: die Ergebnisse unserer Arbeit bestätigen, dass sich das auch lohnt. Zehn Jahre Förderung zahlen sich aus, die Mehrheit, die bei uns war, schafft einen Abschluss, manche fangen sogar an zu studieren. Die Kinder und Jugendlichen hier möchten das, sie wünschen sich eine Perspektive.“
Mit Unterstützung des Wiesbadener Kulturamts, der Stadt, dem Ortsbeirat und weiteren Sponsoren organisiert der Verein seit vielen Jahren auch die „Kulturtage Westend“. In diesem Jahr finden sie vom 11. bis 20. September statt. Verschiedene Akteure, Vereine und Einrichtungen bieten dabei 27 verschiedene Events, Workshops und Konzerte an verschiedenen Orten im Westend an. Dabei sind auch Wiesbadener aus anderen Stadtteilen herzlich willkommen, sich ein eigenes Bild zu machen, einen neuen Blickwinkel zu gewinnen und neben den Problemen auch das hohe Potential des Viertels zu entdecken.